Panorama

Essen aus der Tonne Mit Wissen gegen den Wegwerf-Wahn

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Mit geretteten Lebensmitteln lassen sich noch leckere Gerichte kochen.

(Foto: Joris Felix Patzschke)

Jedes Jahr werfen Menschen Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Dabei sind viele Produkte noch genießbar. Was kann gegen dieses Problem getan werden? Der Berliner Verein "Restlos glücklich" sagt: Bildung. Dabei helfen bereits einige simple Tricks, um weniger Essen zu verschwenden.

Immer wieder schwingen sich Neugierige auf das feststehende Fahrrad vor einem Baumarkt im Berliner Speckgürtel. Mit schwungvollen Tritten treibt gerade eine 50-Jährige den Standmixer auf dem Gepäckträger des umgebauten Drahtesels an. Das geschnittene Obst und Gemüse darin wird langsam zu einer dickflüssigen Masse. Wenige Minuten später hält die Frau ein Glas Smoothie in der Hand. "Der schmeckt super!" findet sie. Rund 15 junge Frauen in knallpinken Schürzen verteilen das Getränk an die zuschauende Menschen auf dem Parkplatz. Die Aktion ist keine Marketingmaßnahme eines Smoothie-Herstellers, sondern eine Initiative des Vereins "Restlos glücklich": Das Getränk besteht aus Lebensmitteln, die vor der Mülltonne gerettet wurden.

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Der Verein ist eine von knapp 300 Organisationen in Deutschland, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagieren. "Wir möchten die Menschen für das Thema sensibilisieren und dadurch mehr Wertschätzung für Lebensmittel schaffen", sagt Hanna Legleitner. Die Geschäftsführerin des Vereins kennt die erschreckenden Zahlen, die verschiedene Studien Jahr für Jahr belegen: Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeworfen. In Deutschland sind das jährlich 18 Millionen Tonnen, weltweit sind es sogar 1,3 Milliarden Tonnen. Gleichzeitig leiden rund 925 Millionen Menschen unter Hunger. Die Bundesregierung hat das Problem erkannt: Bis 2030 plant sie deshalb, die Lebensmittelverschwendung im Haushalt und im Handel zu halbieren. Dafür ist sie auf Vereine wie "Restlos glücklich" angewiesen.

Ursprünglich hatte der Verein anders angefangen: Zwei Berlinerinnen wollten vor sechs Jahren ein Zeichen gegen Verschwendung setzen und eröffneten deshalb ein Restaurant, in dem ausschließlich gerettete Lebensmittel zum Kochen verwendet wurden. 2018 hat Restlos Glücklich das Restaurant geschlossen und konzentriert sich seitdem auf interaktive Bildungsarbeit, um möglichst viele Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu erreichen und zum Retten eigener Lebensmittel zu inspirieren. Dabei will der Verein vor allem junge Menschen an das Thema heranführen und besucht dafür Schulen und sogar Kindergärten. "Bei unseren Workshops gehen wir zum Beispiel mit den Kindern auf einen Acker oder bauen einen Wurmkompost. So lernen die Kleinen schon früh den natürlichen Kreislauf unserer Lebensmittel kennen und gehen dadurch hoffentlich von Anfang an bewusster durchs Leben", erklärt Legleitner.

Junge und gebildete Menschen werfen am meisten weg

Die Kinder führen während der Workshops gemeinsam mit ihren Eltern Tagebuch. "Wenn meine Eltern was wegwerfen möchten, was aber noch gut ist, dann werde ich sie in Zukunft dazu überreden, es doch noch zu kochen", sagt Tristan, der mit seiner Klasse an einem der Workshops teilgenommen hat. Genau das sei auch das Ziel ihrer Kurse, erklärt Legleitner. Viele Erwachsene seien sich nicht bewusst, wie viele Lebensmittel in der Tonne landen. Wissenschaftler fanden heraus, dass besonders junge und gebildete Menschen mit einem überdurchschnittlichen Einkommen viele Speisereste wegwerfen - oft aus Gründen wie Zeitmangel oder schlicht fehlendem Interesse für nachhaltiges Hauswirtschaften. Längst nicht jeder weiß: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verbrauchsdatum - es gibt lediglich den Tag an, bis wann das Produkt garantiert genießbar ist.

Dabei gibt ziemlich simple Tricks, wie Haushalte Lebensmittel und somit auch bares Geld einsparen können. Die Internetseite "Zu gut für die Tonne", eine Initiative des Bundes, listet einige davon auf. Ein sinnvoller erster Schritt ist demnach das Schreiben eines Wocheneinkaufplans. "Wann esse ich zu Hause, wann auswärts? Worauf habe ich Lust und kann ich meine Zutaten in unterschiedlichen Gerichten verwenden?" Das sind mögliche Fragen, die beim Aufstellen von Einkaufslisten berücksichtigt werden sollten. Wichtig ist auch, wie die Lebensmittel gelagert werden. Nicht alles gehört zum Beispiel in den Kühlschrank. Exotische Früchte wie Ananas, Mangos oder Bananen halten sich am besten in einer Obstschale. Und falls am Ende der Woche doch was übrig bleibt? "Dann ist Kreativität gefragt!", sagt Legleitner.

Eben diese Kreativität schlummert auch in den jungen Frauen mit den pinkfarbenen Schürzen, die heute auf dem Baumarkt-Parkplatz kochen. Die Zutaten: alles, was in einem ihrer Partner-Biomärkte nicht verkauft worden ist. Heute gibt es Brotletten (kleine Kugeln aus gebratenen Brot- und Möhrenresten), selbst gemachtes Salatpesto oder gerettetes Brot (lässt sich durch Wasserdampf wieder weich machen) mit Karottenhummus. Dazu der Frucht-Smoothie: Der besteht aus Obst, das nicht mehr verkauft werden kann, weil es überreif oder schon ein bisschen angestoßen ist.

Dabei gehen sie genauso vor, wie sie es Menschen empfehlen, die ein abgelaufenes Produkt in der Hand halten und verunsichert sind. "Kann ich das Produkt wirklich noch essen?", fragen sich viele. Die Antwort darauf lautet meistens: Ja. "Essen, schmecken, fühlen - der Mensch besitzt Fähigkeiten, die präziser sind als irgendwelche Daten", fasst eine andere Mitarbeiterin von "Restlos glücklich" zusammen.

192 Müllfahrzeuge pro Tag

Doch nicht nur Privathaushalte verschwenden Lebensmittel. Etwa 60 Prozent der eigentlich verzehrbaren Produkte gehen bereits verloren, bevor sie überhaupt im Einkaufswagen eines Kunden landen. Vor allem die Lebensmittelverarbeitung, die Landwirtschaft und der Handel vernichten tonnenweise Nahrung. Oftmals wird mit voller Absicht zu viel bestellt. Laut eigener Aussage des Handels wird bei manchen Produkten, insbesondere bei Brot und Backwaren, geplant zu viel Ware vorgehalten - Kunden sollen kurz vor Ladenschluss noch aus dem vollen Sortiment auswählen können. "Da muss ein Umdenken stattfinden", findet Legleitner. Es könne nicht sein, dass am Abend noch frische Brötchen gebacken werden, nur um sie nach wenigen Stunden in den Müll zu werfen - Hauptsache, der Kunde habe die gleiche Auswahl wie noch morgens.

Absurd hoch ist auch der Abfall in der "Außer-Haus-Verpflegung", also in Kantinen, Unimensas oder in größeren Restaurants. 192 Müllfahrzeuge transportieren liegengelassene Essensreste, abgelaufene Lebensmittel und anderes nicht mehr verwertbares Essen ab. Und das täglich. Bis zu 50 Prozent dieser Abfälle wären dabei vermeidbar, berichtet ein Sprecher von United Against Waste. Der Verein entwickelt Technologien, um genau dieses Problem unter Kontrolle zu bekommen.

Mit verschiedenen Analysetools hilft er Betrieben, Abfälle zu minimieren. Dazu gehört zum Beispiel eine Software, in der Mitarbeiter Essensreste erfassen können. Mit diesen Messungen können Köche und Hilfskräfte einfach und schnell Rückschlüsse ziehen, in welchen Bereichen sie besonders viele Lebensmittel wegwerfen. Dazu verwendet er auch transparente Sammelboxen, in denen die Essensreste nach Art sortiert werden."Da die meisten Küchen vom Küchenprozess fast gleich sind, können wir die Messmethode von Kindergarten über Schulverpflegung, Krankenhaus, Betriebsrestaurant bis hin zum Kreuzfahrtschiff durchführen", erklärt Geschäftsführer Thorsten von Borsel.

In einem Punkt sind sich alle Parteien, die sich gegen die Vergeudung von Essen einsetzen, einig: Der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung kann nicht erfolgreich sein, wenn er ausschließlich auf freiwilliger Basis beruht. Hanna Legleitner von "Restlos glücklich" sieht die Politik in der Verantwortung, Gesetze zu schaffen, die das massenweise Vernichten von Lebensmitteln verhindern. Sie fordert einen Wegwerfstopp bei noch genießbaren Lebensmitteln. "Deutschland könnte sich Frankreich zum Vorbild nehmen", regt sie an. Dort sind Supermärkte dazu verpflichtet, nicht mehr verkäufliche Lebensmittel an zentralen Sammelstellen abzugeben.

Quelle: ntv.de