Panorama

"Russland hat andere Standards" Moskau räumt Datenlücken bei Sputnik ein

264665698.jpg

Ungeklärte Datenlage: Viele Russen misstrauen einer Impfung mit Sputnik V.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Das Eingeständnis hat Seltenheitswert: Obwohl Russland als erstes Land der Welt ein Corona-Vakzin entwickelt, fehlt Sputnik V bis heute eine Zulassung der WHO oder der EU. Nun gibt Moskau zu, die nötigen Daten nicht geliefert zu haben. Und verzichtet ganz auf Verschwörungstheorien.

Russland hat eingeräumt, für eine Anerkennung seines Corona-Impfstoffs Sputnik V der Weltgesundheitsorganisation WHO bisher nicht alle erforderlichen Unterlagen übergeben zu haben. "Es gibt tatsächlich irgendwelche Informationen, die man für eine Zertifizierung zur Verfügung stellen muss", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. "Wir haben das bisher nicht gemacht, weil wir eine andere Auffassung hatten, welche Informationen das sind und wie sie überreicht werden sollen." Russland habe "andere Standards", passe sich aber allmählich den Anforderungen an.

Das Eingeständnis gilt als außergewöhnlich, weil Russland immer wieder Vorwürfe erhoben hatte, es gebe politische Gründe für eine fehlende Anerkennung von Sputnik V. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat das Präparat bisher nicht zugelassen. Die Besuche von Experten der EMA und der WHO hatten sich immer wieder wegen fehlender Voraussetzungen auf russischer Seite verzögert. Nun werden WHO-Sachverständige im Januar in Russland erwartet, um Produktionsanlagen in Augenschein zu nehmen.

Probleme gibt es vor allem, weil Russland die geforderten Datensätze bisher nicht zur Verfügung gestellt hat. Dabei müsste Russland etwa nachweisen, dass die Produktionsstätten das Präparat immer in der gleichen, einwandfreien Qualität herstellen. Die WHO hatte eine Prüfung in Russland zeitweilig unterbrochen, weil die Antragsteller die für alle gleichen Regeln und Verfahren nicht explizit anerkannt hatten. Um den Zulassungsprozess abzuschließen, müssen laut WHO Inspektionen in den Herstellerfabriken aufgenommen werden.

Spott von Nawalny-Stiftung

Die Organisation hat Notfallzulassungen bislang für die Corona-Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Astrazeneca, Moderna, Johnson&Johnson, Sinopharm und Sinovac erteilt. Russland hatte im vergangenen Jahr als erstes Land der Welt einen Corona-Impfstoff für die breite Bevölkerung zugelassen, obwohl Sputnik V laut Kritik von unabhängigen Medizinern noch nicht voll ausgetestet war. Inzwischen ist der Impfstoff nach russischen Angaben in mehr als 70 Ländern zugelassen, darunter in der EU etwa auch in Ungarn über eine nationale Genehmigung.

Die Antikorruptionsstiftung des inhaftierten russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny machte die russischen Behörden für die Verzögerungen beim Zulassungsverfahren der WHO verantwortlich. "Die anderen Impfstoffentwickler haben es geschafft, zu verstehen, was die WHO von ihnen für die Zertifizierung verlangt", erklärte die Stiftung ironisch auf Twitter. "Nur 'unsere Leute' verstehen es nicht". Die Konsequenz sei, "dass unsere eigenen Bürger diesem Impfstoff misstrauen, weil die WHO ihn nicht zulassen kann".

Quelle: ntv.de, mau/dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen