Panorama

"Wir müssen realistisch bleiben" Novartis-Chef dämpft Impfstoff-Hoffnungen

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Dauert es womöglich zwei Jahre bis ein Impfstoff da ist?

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Weltweit forschen Wissenschaftler an einem Coronavirus-Impfstoff. Wenn er da ist, sollte er allen kostenlos zur Verfügung stehen, fordern nun zahlreiche Politiker. Doch womöglich könnte das länger dauern, als viele hoffen.

Der Chef des Schweizer Pharmakonzerns Novartis dämpft die Hoffnung auf schnelle Erfolge bei der Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Demnach dürfte es zwei Jahre dauern, bis dieser vorliegt. Weltweit würden derzeit 160 Forschungsvorhaben in dieser Richtung laufen, meldet die London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM). Zugleich fordern zahlreiche Präsidenten, Politiker und UN-Vertreter, dass Imfpungen kostenlos und frei verfügbar sein sollten.

"Wir müssen realistisch bleiben", sagte Vasant Narasimhan von Novartis der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Bis ein Impfstoff Marktreife erlange, vergingen normalerweise zehn bis zwölf Jahre. "In manchen Fällen wie bei HIV und Malaria warten wir bis heute auf den Durchbruch. Was das neuartige Coronavirus angeht, sollten im Herbst die Ergebnisse der ersten klinischen Studien zu den Impfstoffkandidaten vorliegen. Optimistisch betrachtet, das heißt, wenn alles so läuft, wie wir es erhoffen, dürfte es 24 Monate dauern, bis wir einen Impfstoff haben", zitiert das Blatt den Manager.

Am Geld werde die Entwicklung eines Impfstoffs nicht scheitern, meint Narasimhan. "Das Problem wird sein, in möglichst kurzer Zeit die Produktion auf die Beine zu stellen. Es dauert normalerweise drei bis vier Jahre, um eine Impfstoff-Fabrik zu bauen. Das ist viel zu lang. Wir müssten also das vorhandene Produktionsnetzwerk nutzen, um schnell große Mengen herstellen zu können."

Unternehmen aus Singapur ist am weitesten

Von den 160 möglichen Impfstoffen werden bereits elf in klinischen Studien am Menschen getestet, die meisten davon befinden sich in Phase I. Das bedeutet, dass eine kleine Anzahl gesunder Freiwilliger geimpft wird, um in erster Linie die Sicherheit und Verträglichkeit und nur in geringerem Ausmaß die Wirksamkeit zu prüfen.

Am weitesten fortgeschritten ist die Forschung beim in Hongkong börsennotierten Unternehmen CanSino, dessen Impfstoff bereits in der klinischen Studienphase II erprobt wird. Das heißt, es wird erstmals an einer größeren Versuchsgruppe ausprobiert, ob die Impfung wirkt. Vor einer eventuellen Marktzulassung müssen noch groß angelegte Studien der Phase III erfolgreich sein.

In Deutschland hat vor kurzem die erste Testphase mit dem Impfstoffkandidaten des Mainzer Biotechnologieunternehmens BioNTech an 200 Probanden begonnen. Bis spätestens Anfang Juli werden erste Erkenntnisse zur Verträglichkeit erwartet. BioNTech arbeitet mit dem US-Pharmakonzern Pfizer zusammen und hofft, seinen Corona-Impfstoff auch in den USA testen zu können.

Impfungen sollen kostenlos sein

Mehr als 140 Präsidenten, Ex-Politiker und frühere hohe UN-Vertreter fordern die kostenlose Verteilung von Medikamenten oder Impfstoffen gegen das neue Coronavirus, wenn sie entwickelt sind. Wirkstoffe dürften keinen Patentschutz haben, müssten in großen Mengen produziert und allen Menschen weltweit zur Verfügung gestellt werden, heißt es in einem offenen Brief auf Initiative der Hilfsorganisation Oxfam und von UNAIDS.

Zu den Unterzeichnern gehören nach ihren Angaben der Präsident Südafrikas, Cyril Ramaphosa, der Premierminister Pakistans, Imran Khan, der frühere britische Premierminister Gordon Brown, die frühere Regierungschefin Neuseelands und Chefin des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), Helen Clark, sowie die ehemalige irische Präsidentin und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson.

"Niemand sollte bei Impfungen wegen seines Wohnorts oder Einkommens ans Ende der Schlange geschickt werden", forderte Ramaphosa. "Kein Politiker kann sich zurücklehnen, bis jeder einzelne Mensch in jedem Land der Welt schnell kostenlos geimpft wird", meinte Khan.

Streit um Sanofi und die USA

Zuletzt hatte der französische Pharmariese Sanofi für Empörung gesorgt, weil ein Manager angekündigt hatte, die USA vorrangig zu beliefern. Das wurde damit begründet, dass die USA investiert hätten und so das Risiko mittrügen. Das stieß auf scharfe Kritik. "Es wäre für uns inakzeptabel, wenn das eine oder andere Land unter einem finanziellen Vorwand einen privilegierten Zugang hätte", sagte etwa die französische Wirtschafts- und Finanzstaatssekretärin Agnès Pannier-Runacher im Sender Sud Radio.

Auch die EU-Kommission betonte, dass es beim Zugang zu einem Coronavirus-Impfstoff keine Unterschiede zwischen einzelnen Ländern geben dürfe. Der Impfstoff gegen Covid-19 sollte ein weltweit öffentliches Gut sein, sagte ein Kommissionssprecher. Der Zugang müsse "gerecht und allgemein" sein. Solidarität und eine enge Koordination seien die effektivste und sicherste Antwort auf die Krankheit, betonte der Sprecher.

Quelle: ntv.de, vpe/dpa/AFP

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