Panorama

"Wäre für uns inakzeptabel" USA first? Viel Streit um Corona-Impfstoff

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Sanofi-CEO Paul Hudson hat den USA die Erstlieferung eines möglichen Corona-Impfstoffes versprochen.

(Foto: imago images/IP3press)

Will der Pharmariese Sanofi einen möglichen Corona-Impfstoff zuerst an die USA liefern? Anders lassen sich Äußerungen aus der Unternehmensspitze nicht interpretieren. Das sorgt schon jetzt für gewaltige Empörung.

Im Wettlauf um einen Impfstoff gegen das Coronavirus wird der Ton immer aggressiver. Frankreich reagierte empört auf Ankündigungen des Pharmariesen Sanofi, zunächst den US-Markt mit einem möglichen Impfstoff zu beliefern, weil die US-Regierung ein Forschungsprojekt finanziell unterstütze. China wies unterdessen den Vorwurf der USA zurück, mit Hilfe von Hackern Forschungsergebnisse zu möglichen Corona-Impfstoffen stehlen zu wollen.

"Es wäre für uns inakzeptabel, wenn das eine oder andere Land unter einem finanziellen Vorwand einen privilegierten Zugang hätte", kritisierte die französische Wirtschafts- und Finanzstaatssekretärin Agnès Pannier-Runacher im Sender Sud Radio. Sanofi-Generaldirektor Paul Hudson hatte zuvor gesagt, Sanofi werde "als erstes" die USA beliefern, da diese bei der Forschung "das Risiko teilen".

Die US-Regierung habe "das Recht auf die größten Vorbestellungen", weil diese "investiert haben, um ihre Bevölkerung zu schützen", sagte der Brite Hudson der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Dieser Vorsprung könne mehrere Tage oder Wochen betragen.

Bei der Suche nach einem Impfstoff arbeitet der französische Konzern Sanofi seit April mit dem britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline zusammen. Tests haben bislang aber noch nicht begonnen, und ein erfolgreiches Mittel gegen das Virus dürfte frühestens Ende des nächsten Jahres verfügbar sein. Ihr Projekt wird teilweise von der US-Behörde für biomedizinische Forschung und Entwicklung (Barda) unterstützt.

EU muss "genauso schnell wie die Amerikaner" sein

Am Mittwochabend teilte Sanofi mit, dass "die Produktion auf US-Boden vorwiegend für die Vereinigten Staaten bestimmt" sei "und der Rest der Produktionskapazitäten Europa, Frankreich und dem Rest der Welt zugeteilt" werde. Das Unternehmen verpflichtete sich zudem dazu, den möglichen Impfstoff "für jeden zugänglich" zu machen. Der Präsident von Sanofi Frankreich, Olivier Bogillot, sagte am Donnerstag, theoretisch sei es das "Ziel, dass die USA, Frankreich und Europa den Impfstoff zur gleichen Zeit" bekämen. Dies sei möglich, wenn die Europäische Union "genauso schnell wie die Amerikaner" sei, sagte Bogillot dem Fernsehsender BFMTV. Die US-Regierung habe zugesagt, "mehrere hundert Millionen Euro" auszugeben.

"Die EU muss genauso effizient sein und uns dabei helfen, diesen Impfstoff sehr schnell zur Verfügung zu stellen." Es gebe bereits Verhandlungen mit europäischen Behörden sowie mit Ländern wie Deutschland und Frankreich. Hudsons Äußerungen lösten in Frankreich vor allem deshalb Empörung aus, weil Sanofi in den vergangenen Jahren Forschungskredite in zweistelliger Millionenhöhe vom französischen Staat erhalten hatte.

Weltweit wird mit Hochdruck an einem Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht. Mitte März war bekannt geworden, dass US-Präsident Donald Trump versucht haben soll, sich exklusiv einen Corona-Impfstoff zu sichern, an dem das Tübinger Biotechunternehmen CureVac derzeit arbeitet. Angeblich wurde der Firma ein hoher Betrag geboten, um in die USA zu kommen.

USA setzen auf Alleingang

Die US-Regierung hatte China vorgeworfen, mit Hilfe von Hackern Forschungsergebnisse zu möglichen Corona-Impfstoffen und -Medikamenten stehlen zu wollen. Auf diesem Gebiet forschende Unternehmen und Organisationen seien vor der Gefahr gewarnt worden, dass "die Volksrepublik China sie wahrscheinlich ins Visier nimmt und ihr Netzwerk manipuliert", erklärten die US-Bundespolizei FBI und die Agentur für Internetsicherheit. "Chinas Anstrengungen, diesen Sektor anzugreifen, sind eine bedeutende Gefahr für die Antwort unserer Nation auf Covid-19".

Peking weise diesen Vorwurf entschieden als Verleumdung zurück, sagte ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Peking habe bereits selbst bedeutende Erfolge im Kampf gegen die Pandemie erzielt.

Die EU hatte Anfang Mai bei einer internationalen Geberkonferenz 7,4 Milliarden Euro für den Kampf gegen das Coronavirus und die Entwicklung eines Impfstoffs eingesammelt. Die USA beteiligten sich nicht, sondern bekräftigten ihre Absicht, lieber im Alleingang einen Impfstoff zu entwickeln.

Unterdessen haben sich Staats- und Regierungschefs aus aller Welt für kostenlose Corona-Therapien und -Impfstoffe für alle Menschen weltweit ausgesprochen, sobald die Behandlungsmethoden verfügbar sind. "Regierungen und internationale Partner müssen sich hinter eine weltweite Garantie stellen, die sicherstellt, dass ein sicherer und effektiver Impfstoff - sobald dieser verfügbar ist - schnell produziert und für alle Menschen in allen Ländern kostenlos zur Verfügung gestellt wird", heißt es in einem am Donnerstag veröffentlichten Brief mit mehr als 140 prominenten Unterzeichnern. "Niemand sollte aufgrund dessen, wo er wohnt oder was er verdient, ans Ende der Impfstoff-Schlange gestellt werden", erklärte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa, der auch Vorsitzender der Afrikanischen Union ist.

Quelle: ntv.de, ter/AFP