Panorama

Silvester-Wahnsinn in Berlin Polizei kämpft sich durch die längste Nacht

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Am Berliner Alexanderplatz war das Böllern diesmal größtenteils verboten - genug war auch so los.

(Foto: dpa)

Silvester ist für Polizei und Feuerwehr in deutschen Städten jedes Jahr ein Großeinsatz. Besonders bunt und rau geht es in Berlin zu. Die dortigen Beamten haben den ganz normalen Wahnsinn der vergangenen Nacht auf Twitter dokumentiert.

In ganz Deutschland haben die Menschen ausgelassen den Jahreswechsel gefeiert, besonders bunt ging es wieder einmal in der Hauptstadt zu. Am Brandenburger Tor feierten Hunderttausende die größte Silvesterparty des Landes und bejubelten das professionelle Feuerwerk, das den Himmel über Berlin erleuchtete. Doch auch überall sonst wurde in der Hauptstadt gefeiert - und das bedeutet Großeinsätze von Polizei und Feuerwehr. Letztere rückte in der vergangenen Nacht 1523 Mal aus - das war deutlich häufiger als im Jahr zuvor mit 1385 Einsätzen. Zwischen 19 und 6 Uhr wurden die Feuerwehrleute allein 617 Mal zu Bränden gerufen, wie die Feuerwehr am Neujahrsmorgen auf Twitter mitteilte. Auch diese Zahl lag deutlich höher als in der Silvesternacht 2018/19 mit 432 Bränden.

Die Berliner Polizei sprach von einem vergleichsweise normalen Einsatz-Aufkommen in der Hauptstadt. Was den Berliner Ordnungshütern lediglich ein Schulterzucken wert zu sein scheint, dürfte in weiten Teilen der Republik allerdings größeren Eindruck hinterlassen. Auf Twitter hielten die Beamten Interessierte auf dem Laufenden. Die Tweets zeichnen ein Bild des ganz normalen Silvesterwahnsinns, der Berlin alljährlich überkommt.

Offenbar liegen bei den Feierwütigen gerade Pistolen mit Platzpatronen im Trend. "Mehrere Jugendliche mit Schreckschusswaffen schießen auf alles in Charlottenburg", hieß es etwa in einem Eintrag gegen 3 Uhr. Ähnliches eine Stunde früher aus dem Ortsteil Wittenau: "Wir wissen nicht zum wievielten Mal wir es schreiben: Jugendliche schießen mit Schreckschusspistolen." Und: "Zwölf Personen schlagen zu in Gropiusstadt. Eine Schreckschusswaffe soll auch im Spiel sein." Ach, und aus dem Südosten der Stadt heißt es: "In Rudow ballern auch zwei Personen auf Autos." Dann wurden noch zwei Schreckschusswaffen in Moabit beschlagnahmt. Irgendwann schreiben die Beamten: "Personen in Schöneberg mit … unterwegs. Bitte ergänzen Sie selbst."

Es geht immer noch schlimmer

Wobei, gerade an Silvester kam der ein oder andere auch auf die Idee Getränkebehältnisse anders zu verwenden: "In Gesundbrunnen wirft eine männliche Person Flaschen auf Passanten vom Balkon aus." Und: "In Charlottenburg kam es zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Frauen. Hierbei schlug eine der Damen der anderen eine Flasche über den Kopf." Aber es geht auch immer noch schlimmer: "Aus der Reihe 'Bewaffnung, die wir heute noch nicht hatten': Eine Mann läuft mit einer Eisenkette durch Prenzlauer Berg und droht Passanten zu schlagen."

Aber wenn gerade nichts anderes zur Hand ist, begnügen sich gewaltbereite Berliner auch mit den eigenen Fäusten: "In Friedrichsfelde schlagen sich 10 Leute an einer Tramhaltestelle.", "In Gesundbrunnen schlagen sich ebenfalls mehrere Personen vor einem Imbiss.", "Vor einer Diskothek in Friedrichshain wird eine Person von 15 Personen angegriffen." Etwas Hoffnung, dass ein Streit zumindest nur verbal abläuft, weckten die Beamten mit dem Tweet: "In Marzahn versammeln sich 10 bis 15 Leute im Hof." Doch dann folgt lapidar: "Und schlagen sich." Aber Fäuste sind natürlich nicht die einzige Waffe, die jeder immer dabei hat. "In Mariendorf haben die Anruferin und ihr Ehemann nach einem Streit Bissverletzungen."

Aber Silvester ist nicht Silvester ohne Böller und Feuerwerk. Das gehört in kompetente Hände, doch die waren in der vergangenen Nacht offenbar nicht überall in ausreichendem Maße vorhanden. Dass man die leere Sektflasche, statt sie einem Mitmenschen auf den Kopf zu schlagen, hervorragend nutzen kann, um daraus Raketen in den Himmel zu schießen, hat sich noch nicht überall zwischen Spandau und Köpenick herumgesprochen. Mit Feuerwerk ist in der vergangenen Nacht derartig viel passiert, dass ein Schnelldurchlauf hermuss:

  • "In Wilmersdorf gegenüber der Tanke sind 8-9 Jugendliche unterwegs, einer trägt ne rote Jacke. Sie legen Böller unter Autos, Moped-Sitze und in Altkleidercontainer."
  • "In Kreuzberg wurden unsere Kollegen während der Streife mit Raketen beschossen. Die Verdächtigen flüchteten."
  • "In Gesundbrunnen wird eine Bushaltestelle von 20-30 Jugendlichen mit Böllern 'in die Luft gesprengt'".
  • "In Schöneberg werden Raketen im rechten Winkel zu einer senkrechten Linie verlaufend verschossen."
  • "In Friedenau schießen über 50 Jugendliche Raketen auf umliegende Fenster. Eine Fensterscheibe wurde bereits zerstört."
  • "In Tegel haben drei Personen einen Briefkasten in die Luft gesprengt. Die 90er haben gerade angerufen. Sie wollen ihren Unfug zurück."

"Scheinen alle recht betrunken"

Da wirken die üblichen Anrufe zu Ruhestörungen wegen lautstarker Feierlichkeiten schon harmlos. Wobei, wenn man beobachtet, wie in Mitte "eine laute Party mit 150 Teilnehmenden" stattfindet, und man selbst aus welchen Gründen auch immer nicht feiern kann - etwa, weil man ein Baby hat oder am nächsten Morgen früh rausmuss - vor allem, wenn es dann noch heißt: "Momentan wird der Innenhof verwüstet", hält sich der Spaß in engen Grenzen. Etwas harmloser, fast schon amüsant dieser Tweet: "Bei Familie ... im 3. Obergeschoss große Party. Wohnung scheint voll zu sein. Schmeißen ständig Gläser aus dem Fenster. Scheinen alle recht betrunken." Aber nicht immer geht es in Familien feucht-fröhlich zu: "Sohnemann ruft an. Mutter und Tante streiten in Altglienicke und werfen mit Sachen."

Nicht nur für die Polizei, auch für Taxifahrer ist Silvester ein Großkampftag. Ein paar Euro extra wollte ein Chauffeur in Mitte einsammeln. Er verlangte laut Polizei-Tweet 100 Euro von einer Frau, die ihr Handy in seinem Auto vergessen hatte. Aber etwas Freundlichkeit blitzt hier und da in dem sirrenden Einsatzticker auf. Da war zum Beispiel der Anrufer, der einen Hundewelpen in Neukölln auflas. "Der Anrufer will mit dem Welpen auf dem Arm warten. Eine Streife ist unterwegs." Immerhin fanden die Beamten in dem ganzen Rummel auch noch die Zeit, selbst (alkoholfrei) anzustoßen, wie sie mit einem Foto dokumentierten. Es sei ihnen gegönnt.

Quelle: ntv.de, mit dpa