Panorama

Janssens sieht Rolle rückwärts "Preis für glückliche Weihnachten sind steigende Zahlen"

Wie wird Weihnachten in diesem Jahr aussehen? Der Intensivmediziner Uwe Janssens äußert deutliche Bedenken, die Corona-Maßnahmen für die Festtage zu lockern. Demnach bieten Familienfeiern ideale Bedingungen für eine schnelle Verbreitung des Virus. Er plädiert auch für schärfere Regeln im Einzelhandel.

ntv: Herr Janssens, die Neuinfektionszahlen sind weiterhin hoch. In den Statistiken sieht man, dass immer mehr ältere Menschen betroffen sind. Das bedeutet in der Folge, dass in den nächsten Wochen viele weitere Menschen auf den Intensivstationen landen werden. Wie entwickelt sich die Lage bis Weihnachten auf den Intensivstationen?

Uwe Janssens: Jetzt haben wir natürlich riesige Infektionszahlen und wir sehen immer nur eine Tendenz. Aber irgendwie scheint sich das einzupendeln - leider Gottes auf einem hohen Niveau.

Also keine Entspannung?

Also von einer gravierenden Abnahme der Neuinfektionszahlen auf sieben Tage berechnet sind wir ja noch weit entfernt.

Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Politik seit dem Herbst?

Ich würde an dieser Stelle aus intensivmedizinischer Sicht sagen, diese Salamitaktik der letzten Wochen ist einfach nicht verständlich. Aus politischer Sicht, aus gesellschaftspolitischer Sicht kann ich das verstehen. Aber unter dem Gesichtspunkt wird dann vor Weihnachten angefangen, die Familien wieder zu öffnen. Da sind dann wieder mehr Leute zusammen. Bei diesen Treffen finden die meisten Infektionen statt, in engen Räumen mit vielen Personen. Das wissen wir aus vielen Daten.

Was befürchten Sie?

Wir werden erleben, dass wir im Januar wieder eine Rolle rückwärts sehen mit ansteigenden Zahlen. Wenn das der Preis ist für ein glückliches Familienweihnachtsfest, wenn wir bereit sind, das als Gesellschaft zu bezahlen, umso besser. Wir aus medizinischer Sicht würden sagen, eigentlich sollte man das auf einem sehr, sehr begrenzten Niveau weiter gestalten und die Beschränkungen auch im persönlichen Kontakt, die ja ganz wichtig sind um Infektionsketten zu unterbrechen, eigentlich beibehalten.

Was würden sie sich denn konkret für Maßnahmen wünschen?

Aus intensivmedizinischer Sicht müssen wir die Infektionszahlen runterbringen, wir müssen also die Infektionsketten unterbrechen.

Helfen denn nicht die Impfungen?

Die Impfung ist zwar angekündigt, aber die Effekte der Impfung werden wir, wenn sie denn Ende des Jahres oder Anfang nächsten Jahres kommt, vielleicht erst Monate später sehen. Wir wissen, dass wir nach wie vor die Mund-Nasen-Bedeckung brauchen, dass wir das durchziehen müssen. Plötzlich sind sie alle dafür, das den Schülern in den Klassen zuzumuten. Plötzlich höre ich dann, das wäre ja absolut nachvollziehbar und ein ganz wichtiger Weg.

Sollen wir Schulen schließen?

Ich glaube, Schulen muss man offen lassen. Aber da muss man wirklich klare Regeln schaffen, dass man auch da Infektionsketten unterbricht.

Gilt das auch für Läden und den öffentlichen Raum?

Auch im öffentlichen Leben müssen wir Infektionsketten unterbrechen. Ich kann verstehen, dass der Einzelhandel sich darüber freut, wie in Nordrhein-Westfalen, sie hatten ja gehofft im Weihnachtsgeschäft und an den Sonntagen alle wieder zu öffnen. Das gibt einen riesigen Ansturm in den Geschäften. Ich gehe selten in Geschäfte, weil ich kaum Zeit dazu habe, aber die paarmal, als ich in der letzten Zeit in Geschäften war, da hab ich von Infektionsschutz und Abstand eigentlich gar nichts gesehen.

Mehr Strenge wäre also Ihre Devise?

Also ich glaube, da muss man nochmal ein bisschen nachstellen und tatsächlich strengere Regeln aufstellen, denn in Geschäften, wo vielleicht eine stickige Luft herrscht oder keine gute Durchlüftung vorhanden ist, selbst mit Mund-Nasen-Bedeckung, da können dann auch Infektionsherde auftreten. Also, diese ganze AHA-Regel hat ihren Sinn, sie muss nur gelebt und umgesetzt werden.

Mit Prof. Janssens sprach Nina Lammers. Es handelt sich hier um die sprach- und textlich leicht angepasste Version des Skype-Interviews vom 25. November, 10:30 Uhr.

Quelle: ntv.de, mdi