Panorama

Einmal Hotspot und zurück So wurde Tirschenreuth zum Corona-Primus

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Raus aus dem Gröbsten: Tirschenreuth in der Oberpfalz.

(Foto: imago stock&people)

Ausgerechnet Tirschenreuth! Dort, wo die Fallzahlen lange am höchsten waren, geht die Sieben-Tage-Inzidenz inzwischen gen Null. Auf dem Weg zum Vorzeigefall in Sachen Pandemieabwehr hat dem Landkreis vor allem eines geholfen: seine Vorgeschichte als Sorgenkind.

Zwei Ansteckungswellen haben Tirschenreuth schwer getroffen - nun ist der bayerische Landkreis erstmals die Region mit der niedrigsten Sieben-Tage-Inzidenz im gesamten Bundesgebiet. Mit einem Wert von nur noch 4,2 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt Tirschenreuth laut Robert-Koch-Institut (RKI) vor der Region Vorpommern-Rügen (4,5) sowie der Stadt Weiden (Bayern| 4,7). Zum Vergleich: Noch im Februar 2021 schaffte es Tirschenreuth mit einer Sieben-Tage-Inzidenz jenseits der 300 in die Schlagzeilen - als eine der gefährlichsten Regionen im Corona-gebeutelten Deutschland. Wie hat es der Landkreis geschafft, innerhalb weniger Monate vom Sorgenkind zum Überflieger in der Pandemieabwehr zu avancieren?

Wie das Virus sich ursprünglich in dem Landkreis festsetzen konnte, ist relativ gut erforscht. Eine RKI-Studie fand bereits im vergangenen Jahr heraus, dass Tirschenreuth wahrscheinlich zunächst durch die vielen Urlaubs-Rückkehrer aus Österreich und Italien zum Infektionsherd wurde. Die Bierfest-Saison erledigte dann den Rest. Als Grenzregion liegt der Landkreis aber auch in direkter Nähe zu Tschechien - und dort verzeichneten die Behörden im Winter 2020/2021 europaweit einen der rasantesten Anstiege bei den Neuinfektionen. Im Februar lag die Sieben-Tage-Inzidenz beim Nachbarn immer noch bei rund 450 - ein fünfmal höherer Wert als in Deutschland.

Tausende Grenzgänger und Pendler auf beiden Seiten verteilten das Virus im gesamten grenznahen Gebiet. Infolgedessen wiesen auch Nachbarlandkreise von Tirschenreuth, etwa Hof und Wunsiedel, hohe Inzidenzen auf. Ende Februar zog die tschechische Regierung schließlich die Reißleine. "Ich verstehe, dass das für alle Bürger eine riesige Belastung ist, aber wenn wir es nicht machen, dann wird die Welt in Tschechien ein zweites Bergamo sehen", hatte Regierungschef Andrej Babis erklärt. Vom harten tschechischen Lockdown - inklusive Ausgangssperre, geschlossenem Einzelhandel und 500-Meter-Bewegungsradius um den Wohnort - hat auch Tirschenreuth profitiert.

Höherer Anteil an Genesenen

Aber auch verschärfte Einreiseregeln auf deutscher Seite haben zur Eindämmung beigetragen. Weil Tschechien zeitweise als Hochinzidenzgebiet eingestuft worden war, durften Pendler nur noch mit einem Negativtest in die Bundesrepublik einreisen. Auch für Besuche von Lebenspartnern und Verwandten galt eine Testpflicht. Erst Anfang Mai hob die Bundesregierung diese Regelung wieder auf. Die verschärften Grenzkontrollen waren bereits Mitte April ausgelaufen. Trotzdem schaffte es Tirschenreuth, die Infektionszahlen weiter zu drücken. Ende April war es ausgerechnet der frühere Hotspot, der als einziger bayerischer Landkreis unter der Schwelle zur Bundes-Notbremse blieb.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Wahrscheinlich ist, dass Tirschenreuth nach zwei sehr heftigen Ansteckungswellen in Sachen Herdenimmunität ein gutes Stück vor dem Rest der Republik liegt. Nachzuweisen ist das kaum - denn die Dunkelziffer wird nicht gemessen. Einen Ansatz liefert bestenfalls die Studie der beiden Universitäten Erlangen und Regensburg, die allerdings mit Daten aus dem vergangenen Sommer operiert. Schon damals stellte sich bei Antikörper-Tests von 4000 Einwohnern Tirschenreuths über 14 Jahren heraus, dass die Zahl der Genesenen fünfmal höher lag als die Zahl der nachgewiesenen Infektionen. Unter den 14- bis 20-Jährigen blieben sogar neun von zehn Infektionsfällen unerkannt.

Impfquote liegt über Durchschnitt

Auch die Impfquote ist hoch in dem Landkreis: 31.451 Menschen sind in Tirschenreuth mindestens einmal geimpft, das entspricht 43,8 Prozent der Einwohner. Zudem haben bereits 13.071 Menschen die Zweitimpfung erhalten (Stand 25.5.21). Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegt die Quote bei Erstimpfungen derzeit bei 40,6 Prozent. Selbst unter Berücksichtigung der Annahme, dass sich Genesene nach einem halben Jahr erneut infizieren können, weist eine hohe Dunkelziffer bei einer zugleich hohen Impfquote aber zumindest darauf hin, dass das Ansteckungsrisiko in dem Landkreis inzwischen deutlich geringer sein könnte als anderswo in der Republik.

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Tatsächlich hängt der überdurchschnittliche Erfolg der Impfkampagne in Tirschenreuth - zumindest in Teilen - wiederum mit seiner Vorgeschichte als Corona-Sorgenkind zusammen. Neben anderen Regionen im Grenzgebiet erhielt auch der 72.000-Einwohner-Kreis im März dieses Jahres zusätzliche Impfdosen als Sonderzuweisungen vom Bayerischen Gesundheitsministerium. Neben der regulären Zuteilung gab es für Tirschenreuth 1000 weitere Impfdosen. Insgesamt erhielten oberpfälzische Städte und Landkreise 33.500 Dosen zusätzlich. In Zeiten, in denen der Impfstoff noch knapper war als im Moment, hat das den Impffortschritt zumindest beschleunigt.

Nicht messbar ist hingegen ein anderer Effekt, den Experten hinter dem Wandel von Tirschenreuth zum Corona-Primus vermuten: das Verhalten der Menschen. Mit den hohen Infektionszahlen in zwei Wellen gingen auch viele Todesfälle einher. Die Menschen sind vorsichtig geworden. "Wir haben einen hohen Anteil an älterer Bevölkerung, der verstorben ist", sagte Landrat Roland Grillmeier Anfang Mai dem ZDF. "Und wenn jeder jemanden kennt, der schwer an Covid erkrankt oder sogar verstorben ist, dann wirkt das anders - und dann ist auch die Impfbereitschaft höher."

Quelle: ntv.de

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