Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Von Entwarnung sprechen kann man noch nicht"

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Uwe Janssens, hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Vivian Bahlmann, ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

In Deutschland läuft eine Debatte über Lockerungen, manche Bundesländer haben bereits Schritte angekündigt. Aus Sicht des Intensivmediziners Janssens ist das zu früh. "Wir müssen diese Phase im Februar vielleicht bis in den März hinein einfach noch durchhalten", sagt er bei ntv.

ntv: Der Anteil der Covid-Patienten auf den Intensivstationen ist jetzt in elf Bundesländern gestiegen. Ist das eine Trendwende und wird das weiter ansteigen?

Uwe Janssens: Ja, es ist unvermeidlich, dass das weiter ansteigen wird - zwar nicht in dem Ausmaß, wie wir das in den vorangegangenen Wellen gesehen haben, aber bei den hohen Infektionszahlen und angesichts der Tatsache, dass sich die Omikron-Variante jetzt auch in die älteren Populationen vorarbeitet, wird das passieren. Es sind ja immer noch leider Gottes knapp unter drei Millionen über 60-Jährige nicht geimpft, sodass wir erwarten müssen, dass es hier zu einem Anstieg kommt. Insgesamt von Entwarnung sprechen kann man im Augenblick noch nicht.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, rechnet für die nächsten Wochen nicht mit einer Überlastung des Gesundheitssystems, sagt sogar, dass wir in wenigen Wochen über Lockerungen sprechen können. Würden Sie dem zustimmen?

Wir werden irgendwann im Frühjahr Lockerungen vollziehen können. Aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich die Füße auf allen Ebenen ein bisschen still halten. Es ist bei weitem nicht so, und das sehe ich in unserem Krankenhaus, aber auch in der Umgebung, dass wir hier von einer Entspannung sprechen können. Wir haben - und da haben wir immer darauf hingewiesen – nicht unbedingt eine Überlastung der Intensivstationen. Aber wir haben in den Krankenhäusern zunehmend Patienten, die wegen Covid-19 kommen, und vor allem auch Patienten, die wegen anderer Sachen kommen und dann plötzlich mit Covid-19 auffallen. Das bringt den gesamten Ablauf erheblich ins Wanken und bedeutet auch eine zusätzliche Infektionsgefahr für die Mitpatienten und Mitarbeitenden. Deswegen bin ich im Moment zögerlich, auf diesen Zug aufzuspringen, sondern würde immer noch sagen: Nein, wir haben immer noch nicht den Zenit erreicht. Wir müssen diese Phase im Februar vielleicht bis in den März hinein einfach noch durchhalten. Und der Februar ist ja schon bald wieder fast vorbei.

Wie schwer fällt die Omikron-Welle bei Ihnen im St.-Antonius-Hospital in Eschweiler aus?

Wir sind hier im Westen der Republik und mit einer gewissen Verzögerung kommt das jetzt hier in der Städteregion Aachen deutlich an. Ich kann die Diskussion über die Gutartigkeit der Omikron-Variante überhaupt nicht verstehen. Angesichts der hohen Infektionszahlen ist es zu erwarten, dass wir tatsächlich relational auch wieder zunehmende Todesfälle sehen werden, das lässt sich auch in den aktuell gemeldeten Todeszahlen des Robert-Koch-Instituts ablesen - heute leider wieder 272 verstorbene Patienten mit oder wegen Covid-19. Wir erleben es auch, dass die Zahl der schweren Krankheitsverläufe langsam zunimmt. Und das ist natürlich sehr besorgniserregend.

Zum 13. März soll die Impfpflicht für Pflege- und Klinikpersonal kommen. Markus Söder hat angekündigt, dass er nicht mitziehen will. Hoffen oder glauben Sie, dass sich dem noch mehr Bundesländer anschließen?

Ich sehe ein, dass es eine veränderte Situation gibt. Aber vor allem die technischen Fragestellungen, die mit der Impfpflicht assoziiert sind - die Überwachung: Was mache ich, wenn sich jemand nicht geimpft hat? - diese Probleme hat man schon im Dezember gekannt und diskutiert sie jetzt breit im Deutschen Bundestag, wenn es um die allgemeine Impfpflicht geht. Was ich als Bürger - ich spreche jetzt nicht als Mediziner - wirklich überhaupt nicht verstehe, ist, dass ein Ministerpräsident eines Landes hier vorprescht und seine eigene im Konsens getroffenen Beschlüsse infrage stellt. Aber er ist ja nun nicht der einzige. CDU-Chef Merz ist ihm ja beigesprungen. Und wir haben jetzt eine divergierende Gemengelage auch in den CDU-regierten Bundesländern. Die einen sagen, es muss eine Impfpflicht kommen, die anderen nicht. Das finde ich total ungünstig - und schafft eine erhebliche Verunsicherung.

Warum?

Es entsteht eine Gemengelage, die wir nicht mehr entschlüsseln können. Das wird einen weiteren Vertrauensverlust bringen in das Gesetzgebungsverfahren, in die Entscheidungen der Politiker. Wir werden an dieser Stelle in der Diskussion nicht mehr weiterkommen und zerreden jetzt einen ganz wichtigen Aspekt, nämlich das Impfen. Impfpflicht hin, Impfpflicht her. Wir brauchen eine weitere Umsetzung des Impfens und sehen doch auch, dass wir mit den Booster-Impfungen tatsächlich einen guten Schutz erreicht haben. Aber das ist in Deutschland noch nicht ausreichend. Deshalb dürfen wir die Diskussion jetzt nicht verwässern.

Was glauben Sie, steckt hinter der Kehrtwende?

Söder war bisher ein Hardliner. Dass er jetzt einen anderen Weg geht, ist politisch motiviert. Hier geht es um Wählerstimmen. In einigen Bundesländern stehen in diesem Jahr Wahlen an, vor allen Dingen auch in Nordrhein-Westfalen. Und ich bin schon jetzt gespannt darauf, wie sich der Koalitionspartner der CDU im nordrhein-westfälischen Landtag, die FDP, mit ihrer Grundhaltung auf Bundesebene in Nordrhein-Westfalen positionieren wird.

Mit Uwe Janssens sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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