Panorama

Intensivarzt Janssens bei ntv "Werden einen ungemütlichen Herbst haben"

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Prof. Dr. med. Uwe Janssens ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

Auf deutschen Intensivstationen wird es in diesem Herbst wieder voll: Zu den üblichen Atemwegserkrankungen kommt Corona und die Kliniken gehen personell auf dem Zahnfleisch. Intensivmediziner Uwe Janssens macht es traurig, dass unter den schwer Kranken so viele Ungeimpfte sind.

ntv: Erste Kliniken richten sich jetzt schon wieder auf einen Notbetrieb im Winter ein. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Uwe Janssens: Wir werden einen ungemütlichen Herbst haben. Es ist nicht auszuschließen, dass wir Operationen und Eingriffe verschieben müssen. Das hat mehrere Gründe: Wir gehen davon aus, dass Covid-19 Fahrt aufnimmt - wir haben ja noch eine überschaubare Anzahl an Covid-19-Patienten. Aber der Herbst wird zum anderen wieder viele andere Atemwegserkrankungen mit sich bringen, die auch intensivpflichtig werden. Wir haben viele andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die auch im Herbst immer wieder zunehmen. Hinzu kommt die Abnahme der Personaldichte auf den Intensivstationen. Der Pflegepersonalmangel fällt uns in dieser Gemengelage voll auf die Füße. Die verbliebenen Pflegenden sind zudem erschöpft. Wir haben überall Bettensperrungen und auch in sehr großen Krankenhäusern auf Intensivstationen, die Folge der Personalknappheit sind.

Macht es Sie sauer, dass in den Kliniken lauter Ungeimpfte behandelt werden müssen?

Das macht uns nicht sauer, das macht uns traurig. Wir bedauern das sehr, dass viele Leute, aus welchen Gründen auch immer und die Gründe sind sehr unterschiedlich, dieses Geschenk der Impfung, die wirklich einen großen Schutz bedeutet, einfach nicht annehmen. Manche Pflegende sind da auch wirklich stark irritiert, aber - und das ist die wichtige Botschaft: Wir werden jeden Menschen, egal für was er sich entschieden hat, behandeln. Und wir werden jeden gleich behandeln!

Auf den sächsischen Normalstationen sind 25 Prozent der Covid-Patienten doppelt geimpft. Auf den Intensivstationen ist es einer von zehn Patienten. Schützt die Impfung doch davor, dass man auf die Intensivstation kommt?

Ganz eindeutig, das kann man nicht genügend betonen. Die Impfung mit den modernen mRNA-Impfstoffen schützt vor schweren Verläufen zu 90 bis 95 Prozent. Aber wir haben viele Menschen in Deutschland, bei denen die Impfung schon mehr als sechs Monate zurückliegt und bei diesen Menschen nimmt der Impfschutz ab - vor allen Dingen bei Älteren, bei denen die Immunantwort nicht so ausgeprägt ist wie bei Jüngeren. Das ist ja jetzt gerade das Thema der Booster-Impfung, welches ja diskutiert wird und dringend anzugehen ist.

Aber da sind wir ein bisschen langsam unterwegs, oder?

Man hat sich sehr vorschnell dazu entschlossen, die Impfzentren abzubauen. Da reibt man sich schon ein bisschen verwundert die Augen. Wir wussten schon im August dieses Jahres aus Israel, dass genau dieses Problem auf uns zurollt. In Israel sind die Menschen ja schon Anfang des Jahres, vor allem die über 60-Jährigen, komplett durchgeimpft worden. Und wir wissen genau aus diesen Daten mit einer hohen wissenschaftlichen Qualität, dass genau sechs Monate danach der Impfschutz, gerade bei den Älteren, abnimmt und es zu relevanten Impfdurchbrüchen mit auch schwerem Krankheitsverlauf kommt.

Am Werbellinsee in Brandenburg sind elf Menschen in einem Altenheim gestorben und das Virus ist, so vermutet man, durch Mitarbeitende eingeschleppt worden. Nur 50 Prozent der Pflegenden hatten einen Impfschutz. Brauchen wir eine Impfpflicht für Pflegekräfte?

Wir wissen, dass es regional sehr große Unterschiede gibt bei der Impfbereitschaft - in der allgemeinen Bevölkerung ebenso wie beim medizinischen Personal. Wenn wir jetzt, wie zum Beispiel in Griechenland und Frankreich, eine Impfpflicht ausrufen, werden wir wahrscheinlich erhebliche Probleme und Widerstände aufseiten der bisher Ungeimpften haben. Nichtsdestotrotz betone ich ganz klar, dass es natürlich eine berufsethische Verpflichtung darstellt, sich impfen zu lassen, um die uns anvertrauten Patienten zu schützen.

Patienten suchen es sich ja nicht aus, ins Krankenhaus zu kommen - im Gegensatz zum Besuch eines Fußballstadions oder eines Kinos. Das ist es doch eigentlich ein unhaltbarer Zustand, dass es ungeimpfte Pflegekräfte gibt!

Wir plädieren enorm dafür, dass Menschen, die Pflegebedürftige oder kranke Menschen betreuen, den Impfschutz annehmen. Wir müssen auch in den Krankenhäusern dafür Sorge tragen, dass sich Ungeimpfte nicht um Patienten kümmern, die besonders vulnerabel sind. Aber es ist letztendlich eine politische Aufgabe, hier eine Ordnung und Regelung herbeizuführen.

Mit Uwe Janssens sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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