Panorama

200 Jahre nach der Premiere Wie "Stille Nacht" zum Welterfolg wurde

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Die "Stille-Nacht-Kapelle" in Oberndorf steht an der Stelle der Kirche St. Nicola, in der erstmals das Lied gesungen wurde.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Es ist das Weihnachtslied schlechthin, weltweit bekannt und gehört sogar zum Weltkulturerbe: "Stille Nacht, heilige Nacht". An diesem Heiligabend wird es 200 Jahre alt. Sein Erfolgsgeheimnis könnte ganz simpel sein.

An Heiligabend 1818 dürfte Pfarrer Joseph Mohr in seiner kleinen Gemeinde Oberndorf bei Salzburg leichte Panik empfunden haben. Die Orgel in der Kirche St. Nicola in Oberndorf hatte den Geist aufgegeben, ausgerechnet zu Weihnachten. Doch Mohr hatte eine Idee. Zwei Jahre zuvor hatte er ein Gedicht geschrieben, sechs Strophen lang, das für den Anlass mehr als passend schien. Er fragte den Organisten der Gemeinde, ob der dazu nicht eine Melodie komponieren könne, für zwei Solostimmen, um es dann mit der Gitarre in der Christmette zu spielen. Der Organist, Franz Gruber, nahm sich der Notlösung an. Er komponierte die Melodie zu dem Gedicht. Mohr hatte es mit "Stille Nacht, Heilige Nacht" überschrieben.

Wenn man so will, war dies einer der wirkmächtigsten Momente der Musikgeschichte. Vom kleinen Oberndorf bahnte sich das Lied seinen Weg in die Welt. Heute soll es Übersetzungen in 300 Sprachen und Dialekte geben. Überall, wo Christen Weihnachten feiern, führt kaum ein Weg an diesem Lied vorbei. Erst breitete es sich in Tirol aus, 1831 soll es erstmals im heutigen Deutschland gesungen worden sein, in Leipzig. Sängergruppen nahmen es in ihr Repertoire auf und trugen so maßgeblich zu seiner Verbreitung bei. Große Bedeutung haben dabei die Geschwister Strasser aus Tirol oder die Rainer-Familie, die das Lied in den USA bekannt machte. Im 20. Jahrhundert wurde Bing Crosbys Version von "Silent Night" ein Megaseller - die Weihnachtsaufnahme gilt bis heute als eine der kommerziell erfolgreichsten Singles aller Zeiten. Aber da gehörte das Lied längst zum Weihnachtsrepertoire. 2011 erklärte die Unesco es gar zum Weltkulturerbe.

Was macht dieses einfache Lied aus? Warum hat es sich 200 Jahre gehalten und ist heute aus der Weihnachtszeit nicht wegzudenken? "Das Lied kann man schon als Geniestreich bezeichnen", sagt Professor Arne Stollberg von der Berliner Humboldt-Universität im Gespräch mit n-tv.de. "Es hat so eine gewisse Innigkeit", so der Musikwissenschaftler. "Musikalisch gesehen ist es ein Siciliano. Also eine Art Tanz." Der punktierte Rhythmus sei typisch für ein Wiegenlied. Und genau so eine Wirkung entfalte "Stille Nacht". Das passt ja, schließlich geht es bei Weihnachten um die Geburt Jesu, der in der Krippe liegt. "Das hat auf jeden Fall eine beruhigende, fast regressive Wirkung. Man wird auch selbst eingewiegt durch das Lied", sagt Stollberg. "Es hat einen ganz besonders schönen, das Kind in uns ansprechenden Effekt."

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(Foto: Humboldt-Universität Berlin)

Kriegerische Zeiten

Im Winter 1818 hatten die Menschen vermutlich einen großen Bedarf an Beruhigung. Aufwühlende Zeiten lagen hinter ihnen. Erst drei Jahre zuvor waren die napoleonische Kriege mit dem Wiener Kongress zu Ende gegangen. 1816 dann folgte das "Jahr ohne Sommer", als die Asche eines Vulkanausbruchs in Indonesien die Sonne verdunkelte. Das wussten die Menschen natürlich nicht, sie sahen nur ihre Ernten auf den Feldern verdorren und litten Hunger. Da dürfte diese beruhigende Melodie für die Menschen in der Kirche von Oberndorf eine ganz besondere Kraft ausgestrahlt haben. Und Krieg, Leid und Hunger blieben überall auf der Welt präsent. Der Bedarf an so einem Lied nahm nicht ab.

Gerade die Einfachheit könnte ein Erfolgsfaktor gewesen sein. "Die Mittel des Liedes sind wirklich relativ simpel, vielleicht ist das sogar die Voraussetzung für den Erfolg", sagt Stollberg. "Es ist eben auch einfach genug, dass es jeder singen kann." Manch anderes schönes, aber komplizierteres Weihnachtslied habe es da schwerer. Dass so ein altes Stück auch heute noch so eingängig wirkt, findet Stollberg dabei gar nicht überraschend. "Nehmen Sie zum Beispiel Franz Schubert", sagt er. Der Komponist habe mit dem "Ave Maria" eine ähnlich eingängige Melodie verfasst. "Es ist also kein Ausnahmefall, dass da vieles überlebt und bis heute diese Ohrwurmqualität hat." Doch auch neben solchen Liedern habe "Stille Nacht" eine besondere Qualität. "Das 'Ave Maria' ist für mich durch endloses Musizieren von Straßenmusikanten bis hin zu Helene Fischer schwer erträglich geworden", sagt der Professor. Komischerweise sei das bei "Stille Nacht" nicht der Fall. "Wobei ich sicher bin: Es gibt auch von diesem Lied Versionen, die einem die Schuhe ausziehen würden."

"Stille Nacht" im Schützengraben 1914

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Während des "Weihnachtsfriedens" von 1914 sollen deutsche und britische Soldaten sogar gemeinsam Fußball gespielt haben. 2014 wurde das nachgestellt.

(Foto: dpa)

"'Stille Nacht' wird auch auf Weihnachtsmärkten abgenudelt, aber es schadet ihm irgendwie nicht", so der Professor. Dort bekommt der Besucher auch allerlei andere Notenkombinationen zu hören, etwa "Last Christmas" von Wham, ein Lied, das zumindest seine Unzerstörbarkeit mit dem Jubiläumslied gemeinsam hat. "Das ist auch sehr schön, es geht auch ins Ohr, ich weiß aber nicht, ob es auch 200 Jahre überleben wird", sagt Stollberg. "Ich glaube nicht, dass es 'Stille Nacht' ersetzen kann." Das Gleiche gelte für andere moderne Weihnachtslieder wie "White Christmas", auch wenn das sogar einen ähnlichen Effekt habe. Aber nicht den gleichen.

Kaum ein anderes Lied erreicht diese Tiefe, strahlt diese Ruhe aus, lässt den Geist der Nacht vor Weihnachten so nacherleben. Und das hat über die Jahre immer wieder denkwürdige Situationen mitgeprägt. Etwa Weihnachten 1914, als sich deutsche und britische Soldaten in Flandern in Schützengräben gegenüberlagen. Beim legendären "Weinachtsfrieden" schwiegen an vielen Frontabschnitten die Waffen. Stattdessen wurden Weihnachtsbäume zwischen den Frontlinien aufgestellt, Fußball gespielt und gemeinsam gesungen. "Die Engländer stimmten ein Lied an, wir sangen hierauf 'Stille Nacht, heilige Nacht'. Es war dies etwas Ergreifendes: zwischen den Schützengräben stehen die verhasstesten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder", schrieb der Soldat Josef Wenzl später an seine Eltern. "Weihnachten 1914 wird mir unvergesslich sein." Nach diesem Weihnachtswunder wurde wieder geschossen. Wenzl starb am 6. Mai 1917.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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