Panorama

Virologe Streeck im Interview "Wir wissen eigentlich sehr wenig über C.1.2"

Die Kassenärzte fordern eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu Booster-Impfungen. Dem stimmt auch Virologe Hendrik Streeck zu. Laut ihm gibt es bisher aber zu wenige Daten zu Effektivität und Nutzen. Auf diese sollte man warten, sagt er. Die Variante C.1.2 müsse derweil erstmal weiter beobachtet werden, so Streeck.

ntv: Die Kassenärzte fordern eine STIKO-Empfehlung für eine dritte Impfung. Da gibt es aber noch immer viele Fragezeichen, oder?

Hendrik Streeck: Ja, in der Tat. Für die Booster-Impfung gibt es zwar Daten, die von den Firmen vorgelegt wurden. Aber zu deren Effektivität und Nutzen liegen bisher eigentlich nur wenige Daten vor. Auch die US-Behörde CDC hat sich vor ein paar Tagen ähnlich geäußert, dass nicht eindeutig bewiesen wäre, dass eine Booster-Impfung für alle sinnvoll ist. Von daher finde ich den Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, das Thema an die STIKO zu geben, und dass die STIKO dann evidenzbasiert einen Vorschlag macht, genau den richtigen Weg.

Macht die STIKO das denn nicht ohnehin?

Sie macht das ohnehin. Aber sie hat sich bisher noch nicht dazu geäußert, ob eine Booster-Impfung sinnvoll ist. Ich denke, bis dahin sollte man auch darauf warten.

Immer öfter hört man in diesen Tagen von der Virusvariante C.1.2. Wird diese auch ein großes Thema so wie die Delta-Mutation?

Die C.1.2-Variante ist in Südafrika aufgetaucht. Sie ist - und das muss man deutlich unterscheiden - noch keine Variant of Concern, so wie die Alpha-, Beta-, Gamma- oder Delta-Varianten. C.1.2 ist bisher eine Variant of Interest, also eine Mutation, die von den Experten beobachtet wird.

Was ist bisher bekannt?

Wir wissen eigentlich sehr wenig über C.1.2. Die Variante kommt auch noch gar nicht häufig vor, bei rund einem Prozent der Infizierten in Südafrika wurde sie nachgewiesen. Das Besondere an der Variante ist, dass sie sehr viele Mutationen zeigt, vor allem im Oberflächenprotein, wogegen auch der Impfstoff gerichtet ist, also die Antikörper, die durch den Corona-Impfstoff gebildet werden. Da schwingt so ein bisschen die Sorge mit, dass der Impfstoff vielleicht schlechter wirken kann. Aber auch das wurde nicht gezeigt. Von daher muss man das erstmal weiter beobachten, Daten sammeln und sich vor allen Dingen mit Spekulationen zurückhalten.

Bleibt es im Wesentlichen bei der Delta-Variante, dann haben zumindest die Geimpften keine Einschränkungen mehr zu befürchten. Das hat die Bundesregierung zumindest versprochen. Ist das sinnvoll? Geimpfte können das Virus doch auch weitergeben.

Es macht natürlich Sinn, sich erstmal Gedanken zu machen, wie man einen Weg zurück in die Normalität beschreitet. Es ist in der Tat so, dass Geimpfte sich zwar infizieren können und auch gelegentlich das Virus weitergeben können, aber sie werden nicht mehr schwer erkranken. Und wenn das Virus dann sozusagen nur noch über den Rachen huscht, dann hat das dafür eigentlich keine Konsequenz. Aber ich wäre vorsichtig, Geimpfte und Ungeimpfte voneinander zu trennen, weil es passieren kann, dass Ungeimpfte sich im Privathaushalt treffen, dann nicht mehr getestet werden und wir dann plötzlich große, unüberschaubare Ausbrüche unter den Ungeimpften und gar keinen Herdeneffekt mehr haben. Denn einen zusätzlichen Effekt hat die Impfung ja auch: Sie reduziert insgesamt das Infektionsgeschehen. Infektionsketten brechen durch die Impfung eher ab.

Mit Hendrik Streeck sprach Marie Görz

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.