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Timo Ulrichs im Interview Wird es eine vierte Welle geben?

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Sinkende Inzidenz - "in der Tat sehr erfreulich".

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Inzidenz sinkt, die Zahl der Geimpften steigt - ist das schon Grund genug zur Freude? Ja, sagt Epidemiologe Timo Ulrichs bei ntv. Doch er mahnt weiter zur Vorsicht. Es sei noch immer ein Wettlauf mit dem Virus. Alles hänge vom Grad der Durchimpfung ab. Und der müsse höher sein als die bislang angenommenen 70 Prozent.

ntv: Die bundesweite Inzidenz liegt unter 100 - das ist erfreulich. Aber birgt das auch Risiken, weil damit automatisch auch Lockerungen und Öffnungen verbunden sind?

Timo Ulrichs: Das in der Tat sehr erfreulich und hauptsächlich der Dreierkombination aus Impfungen, die schon langsam epidemiologisch wirken, dann dem saisonalen Effekt und eben auch der bundeseinheitlichen Notbremse zuzuschreiben. Und genau das ist der springende Punkt: Wenn wir jetzt wieder den Fehler machen, zu schnell alles auf einmal zu öffnen, dann riskieren wir, dass sich das Virus wieder Lücken sucht und ausbreiten kann. Deswegen sollte man möglichst stringent öffnen, was eben sicher ist - also die Außenbereiche von Gastronomie, aber eben auch Sport im Freien. Alles andere Stück für Stück und wenn die Zahlen niedriger sind.

Vor genau einem Jahr haben wir bei Inzidenzen unter 100 schon über Öffnungen diskutiert und sind geradewegs in eine Pandemie gelaufen.

Wir sehen wieder sehr stark den saisonalen Effekt. Nach dem Sommer mit niedrigen Ansteckungszahlen hat man aber nicht mehr daran gedacht, dass das nochmal gefährlich werden könnte. Mittlerweile sind wir schlauer, auch wenn wir viele Fehler gemacht haben Richtung Herbst und Winter. Jetzt aber gibt es einen Unterschied zur Lage vor einem Jahr: Wir haben zusätzlich die Impfungen und wir haben gelernt, dass die Pandemie wiederkommen kann. Deswegen sind wir jetzt besser vorbereitet und haben auch etwa die Frage der Reiserückkehrer und der möglichen Einschleppung von weiteren Varianten mit im Blick.

Aber es gibt Varianten, die bei uns auch langsam Fuß fassen. Glauben Sie denn, dass es eine vierte Welle geben wird oder schützen uns die Impfungen davor tatsächlich?

Auch bei sinkenden Zahlen dürfen wir nicht vergessen, dass es immer noch ein Wettlauf ist und den müssen wir gewinnen. Das heißt, wir müssen bis zum Herbst so gut mit dem Durchimpfen vorankommen, dass wir, wenn überhaupt eine Welle, dann nur noch eine kleine sehen. Das ist möglich, weil wir jetzt ganz breit impfen können und die Impfstofflieferungen, die lange zugesagt sind, jetzt nach und nach auch kommen. Das alles zusammen sind gute Voraussetzungen. Aber es wird wahrscheinlich so sein, dass wir dort, wo nicht geimpft worden ist, trotzdem noch eine kleine Welle sehen werden. Aber das wird nur noch ganz wenig Auswirkungen auf Erkrankungsfälle, intensivmedizinisch zu versorgende Fälle und Todesfälle haben.

Die Zahl der Neuinfektionen liegt jetzt viel, viel höher als vor einem Jahr.

Richtig. Viel, viel höher. Aber wir haben gelernt, wie wir damit besser umgehen können. Die Kapazitäten in unserem Gesundheitswesen sind nicht mehr so stark bedroht wie noch vor einem Jahr.

In den USA werden auch Kinder geimpft. Soll man das in Deutschland auch machen?

Das ist sehr wichtig, weil sich das Infektionsgeschehen nach und nach zu den Jüngeren verlagert. Die Sicherheitsüberprüfungen und die Schutzwirkungen des Impfstoffs sehen sehr gut aus. Und dann sollte man in der Tat anfangen, auch bei uns ganz stringent durchzuimpfen. Denn wir wollen nicht nur den Individualschutz herstellen, sondern auch eine Grundimmunisierung der Bevölkerung. Da kommen wir um die jüngeren Jahrgänge nicht herum.

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Epidemiologe Timo Ulrichs rät, sich genau zu überlegen, ob man sich nicht doch impfen lässt.

(Foto: ntv)

Wie lange, glauben Sie dauert es, bis die Herdenimmunität erreicht ist in Deutschland?

Es sieht gut aus. Wir haben derzeit ganz hohe Verimpfungszahlen pro Tag oder pro Woche. Das wird auch so weitergehen. Jetzt kommen in der nächsten Stufe die Betriebsärzte hinzu. Wenn wir so über eine Million Impfungen pro Tag kommen, dann sind wir so bis Ende Juni/Juli so weit, dass es epidemiologisch wirksam wird. Das ist eine ganz wichtige Etappe. Danach ist es immer noch ein Stück Weg bis zur Herdenimmunität. Wir brauchen wegen der erhöhten Ansteckungsfähigkeit der britischen Variante auf jeden Fall mehr als die früher veranschlagten 60 bis 70 Prozent, eher so 70 bis 80 Prozent Durchimpfungsrate. Das sollte aber erreichbar sein bis zum Sommer. Wichtig wäre auch, die Schülerinnen und Schüler zu impfen, wenigstens die ab zwölf Jahre, sodass sie dann nach den Sommerferien sicher in die Schule gehen können.

Und wenn wir das geschafft haben, können wir uns ausruhen und es ist alles wie früher?

In der Tat, dann kann man sich eher entspannen - allerdings bei aller Vorsicht. Ich bin relativ zuversichtlich, dass der Impfschutz eine Weile halten wird. Aber das hängt sehr stark von der Verbreitungsdynamik weiterer Varianten ab. Die indische Variante wird sich zwar in Deutschland langsam ausbreiten, aber nicht mehr die Ausbreitungschance der britischen haben. Vielmehr wird sie eingedämmt werden durch unsere aktuellen Maßnahmen.

Bedeutet Herdenimmunität dann, dass diejenigen, die nicht gegen Corona geimpft sind, es nicht mehr bekommen?

Die Ungeimpften haben immer noch ein Risiko, aber es wird immer kleiner, je mehr Menschen um sie herum geimpft sind.

Ich frage deswegen, weil Christian Drosten in seinem Podcast gesagt hat, die einen werden geimpft sein und sind deswegen geschützt, und die anderen werden sich unweigerlich mit dem Virus infizieren.

Es ist völlig richtig, was Herr Drosten sagt. Es gibt das Risiko für die Nichtgeimpften. Gerade wenn man die wieder erhöhte Mobilität durch Reisen im Sommer zugrundelegt, sollte man sich gut überlegen, ob man sich vielleicht die Impfung doch abholt.

Mit Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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