Panorama

Protokoll eines Mailänder Arztes Zustände wie in einem Kriegslazarett

Ärzte und Pflegepersonal gehen in Italien an ihre Grenzen.

Ärzte und Pflegepersonal gehen in Italien an ihre Grenzen.

(Foto: imago images/Independent Photo Agency Int.)

Ein Mailänder Krankenhausarzt, der anonym bleiben will, kämpft täglich gegen die Folgen der Covid-19-Pandemie. Er berichtet von seinen beruflichen Veränderungen, psychischem Druck, Entscheidungen zwischen Leben und Tod und dem letzten Telefonat einer alten Frau mit ihrem Sohn.

Als im Januar das Coronavirus in China wütete, dachten viele von uns, das wäre wieder ein mehr oder weniger asiatisches Problem, wie schon im Fall der Sars-Pandemie. Doch dann kam der Tag, an dem das Virus uns hier in der Lombardei überwältigte und wir mit dem Zählen der Toten nicht mehr nachkamen. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus verbreitete, die von Tag zu Tag steigende Zahl der eingelieferten Patienten, die fehlenden Betten für die schwersten Fälle, die unzureichenden Schutzmaßnahmen für uns in den Krankenhäusern, all das machte uns Angst und gab uns das Gefühl der Ohnmacht. Ich arbeite seit 30 Jahren als Urologe in einem Mailänder Krankenhaus. Seit zwei Monaten ist nichts mehr, wie es war.

Jetzt helfe ich in der Notaufnahme aus, wenn Patienten mit urologischen oder urologisch-onkologischen Problemen kommen, schicke sie in andere Nicht-Covid-Krankenhäuser. Ansonsten stehe ich Kollegen, Anästhesisten und Internisten in den Intensivstationen zur Seite. Wie jeder mittlerweile weiß, müssen sich die Ärzte und das Pflegepersonal in diesen Stationen wie Astronauten mit Schutzbekleidung ausstatten. Das ist ein langes und mühsames Prozedere und um dieses nicht X-mal zu wiederholen, werden sie von einem Kollegen begleitet. Der wartet dann in einem getrennten Raum und schreibt die Paramater des Patienten, die ihm der Kollege mitteilt, auf. So kann sich dieser gleich zum nächsten Patienten begeben. Genau genommen ist das eine Arbeit, für die man keine besondere Ausbildung braucht. Da aber die urologische Station sowieso, wie alle anderen Stationen und OP-Säle, für Covid-Patienten umfunktioniert wurde, ist das in Ordnung.

Die Lage hat sich in der letzten Woche etwas entspannt und der Alltag verläuft jetzt mehr oder weniger in geregelten Bahnen - was am Anfang nicht der Fall war. Wir alle, Ärzte und Krankenpflegepersonal, haben uns in Windeseile umstellen und neue Kompetenzen aneignen müssen und waren während dieses Lernprozesses wer weiß wie oft selber in Gefahr. In den ersten Tagen kamen zum Beispiel Patienten zu mir, die über bestimmte Beschwerden klagten, die aber nicht unbedingt auf Covid-19 zurückzuführen waren. Später stellte sich aber heraus, dass sie sich mit dem Virus angesteckt hatten. Ich habe einfach Glück gehabt. Außerdem sind meine Kinder schon erwachsen und ich lebe alleine. Andere Kollegen haben sich stattdessen eine neue Bleibe gesucht, um ihre Familien nicht anzustecken. Heute können die Internisten oft auch ohne Abstrich mit gewisser Sicherheit sagen, ob ein Patient infiziert ist oder nicht. Und der Test bestätigt dann oft auch ihre Vermutung.

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Medien und Politiker werden nicht müde, die Ärzte als die Retter der Nation zu loben. Einmal abgesehen davon, dass mich diese abgedroschene Rhetorik irritiert, finde ich, dass dabei die Krankenschwestern und -pfleger viel zu wenig beachtet werden. Wobei gerade sie die große Arbeit verrichten. Wenn ich einem Covid-Patienten einen Katheter zu legen muss, dauert das gerade einmal zehn Minuten. Auch der Anästhesist und der Internist verbleiben nicht viel länger am Bett des Patienten. Diejenigen, die wirklich in engem und längerem Kontakt mit ihm sind, das sind die Schwestern und Pfleger, denn sie müssen zum Beispiel für die Hygiene des Patienten sorgen. Wenn man unbedingt von Helden sprechen will, dann sollte man sie in den Vordergrund stellen. Freilich hat es viele Tote unter den Ärzten gegeben. Wobei es die Hausärzte besonders hart getroffen hat, weil sie einerseits nicht über genügend Schutzkleidung verfügten und andererseits das Risiko der Ansteckungsgefahr ein wenig unterschätzten. Hinzu kommt dann wahrscheinlich noch, dass das Pflegepersonal hierzulande im Durchschnitt um einiges jünger ist als die Ärzteschaft.

Das Glück im Unglück war, dass sich, zumindest in den Krankenhäusern, die Verwaltung immer mehr zurückgezogen und der medizinischen Leitung die Entscheidungen über die nötigen Maßnahmen überlassen hat. In Normalzeiten ist das nicht immer so. Das lombardische Gesundheitssystem wird von den Politikern gerne als hervorragend und als Musterbeispiel gelobt und das ist es auch. Nur - das verdankt es nicht den Politikern, die bei jedem Haushaltsgesetz dem nationalen Gesundheitssystem insgesamt immer wieder Ressourcen streichen. Hervorragend ist das Personal, was es auch in dieser Notlage bewiesen hat. Ärzte, Pflegekräfte, Reinigungspersonal, jeder hat sein Bestes getan, keiner hat sich vor den Aufgaben gedrückt, alle haben sich mit Leib und Seele dieser enormen Herausforderung gestellt.

Und dann ist da noch der seelische Druck. Die Lombardei klagt über die höchste Zahl an Todesfällen, 25 Prozent der eingelieferten Patienten haben die Krankheit nicht überlebt. Mag sein, dass sie wegen ihres schon sehr schlechten Gesundheitszustands auch mit mehr Betten und Beatmungsgeräten dem Virus erlegen wären. Nur: Abwägen zu müssen, wer angesichts der beschränkten Kapazitäten mehr Überlebenschancen hat, das muss man erst erleben, um es sich vorstellen zu können. So muss es in den Lazaretten im Ersten Weltkrieg zugegangen sein, so sollte es nicht mehr im Jahr 2020 in einem modernen Krankenhaus zugehen.

Ich habe noch eine sehr alte Patientin vor Augen, die nicht mehr intubiert werden konnte. Trotz des Alters war die Frau noch sehr wach und hatte begriffen, dass es für sie keine Chance mehr gab. Und so bat sie uns, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen - noch einmal mit ihrem Sohn zu sprechen. Wir haben ihr erlaubt, ihn anzurufen. Kurz danach ist sie gestorben.

Das italienische Gesundheitswesen muss unbedingt neu aufgestellt werden. Weniger Bürokratie, weniger Einmischung seitens der Verwaltung, die wie die Politik sowieso immer den Verläufen hinterherhinkt. Ein Beispiel: Wir haben von den Chinesen zwei Beatmungsgeräte bekommen. Super, danke, leider waren die Bedienungsanleitungen auf Chinesisch. Wir mussten also zuerst jemanden finden, der sie sprachlich umstellte. Mittlerweile haben wir sogar wieder freie Betten auf den Intensivstationen. Es wäre also an der Zeit, sich Gedanken zu machen, wie wir Ärzte aus den anderen Bereichen wieder zurück zu unseren eigentlichen Aufgaben gehen. Doch während wir unter uns darüber diskutieren, hält sich die Verwaltung noch bedeckt.

Protokolliert von Andrea Affaticati, Mailand

Quelle: ntv.de