Politik

Enthüllungsjournalist kommt frei Das Wunder zum Tag Russlands

6648e4e1094a1610fa2e9dc7559f7336.jpg

Iwan Golunow kam nach nationalen und internationalen Protesten wieder auf freien Fuß.

(Foto: dpa)

ALT Jetzt anhören

Am vergangenen Donnerstag scheint das normale Leben des russischen Enthüllungsjournalisten Iwan Golunow wegen gefälschter Drogenvorwürfe vorbei zu sein. Doch das Verfahren wird überraschend eingestellt - für Russland eine Sensation.

Bereits am Montag war klar: Die russische Gesellschaft erlebt derzeit ganz außergewöhnliche Tage. Die wichtigsten Wirtschaftszeitungen des Landes, "Kommersant", "RBK" und "Wedomosti", erschienen an diesem Tag allesamt mit dem Bild des Journalisten Iwan Golunow. Der Text dazu: "Ich bin/Wir sind Iwan Golunow".

Iwan Golunow ist einer der bekanntesten Investigativreporter Russlands, er arbeitet für das regierungskritische Online-Medium Meduza, das seinen Sitz im lettischen Riga hat. Am Donnerstag in der vergangenen Woche wurde er von der Polizei in Moskau festgenommen. In seinem Rucksack wurde angeblich die Designerdroge Mephedron entdeckt, auch in seiner Wohnung soll die Polizei Kokain gefunden haben. Allerdings stellten sich die meisten Fotos aus der Wohnung als gefälscht heraus, was später auch von russischen Behörden zugegeben wird. Eine Untersuchung von Golunows Fingernägeln und Haaren ergab ebenfalls nichts.

Und so erlebte Russland eine unglaubliche, bis dahin nicht gesehene Welle der Solidarität, die im Falle eines regierungskritischen Journalisten ungewöhnlich ist. Zwar hat sich Golunow nicht direkt mit den Machenschaften des russischen Präsidenten Wladimir Putin auseinandergesetzt. Dennoch haben seine Korruptionsrecherchen, vor allem über die Moskauer Stadtregierung, in den höchsten Rängen der russischen Politik die Runde gemacht. Unmittelbar vor seiner Festnahme recherchierte Golunow zum Beerdigungsgeschäft in der Hauptstadt, an dem angeblich Vertreter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB groß mitverdienten. Diesen Zusammenhang erwähnte der 36-Jährige selbst als Vermutung, wer hinter dem Versuch stehen könnte, ihm Drogen unterzuschieben.

Innenminister will Putin bitten, zwei Polizeibeamte zu entlassen

Selbst Star-Moderatoren des staatlichen Fernsehens äußerten ihre Unterstützung für Golunow, bemerkenswerte Statements gab es ebenfalls von hochrangigen Politikern. "Die Beweislage sorgt für legitime Fragen", betonte etwa Alexej Puschkow, Vorsitzender des Ausschusses für Informationspolitik im russischen Föderationsrat. "Das ist eine sehr ungute Geschichte", meinte auch Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrats.

Normalerweise läuft es in Russland in solchen Fällen anders. Der kleine liberale Teil der Gesellschaft stellt sich auf die Seite des Opfers - dass Golunow unschuldig ist, daran zweifelte von Anfang an kaum jemand. Doch in der Regel läuft die staatliche Propagandamaschine auf Hochtouren und verteidigt die Sichtweise der Polizei, vor allem die drei wichtigsten Fernsehsender Erster Kanal, Rossija 1 und NTW. Es sei denn, der fragwürdige Fall wird in den staatlichen Medien überhaupt nicht angesprochen.

*Datenschutz

Zwar wurde Golunow nicht ins Gefängnis gesteckt, sondern stand nur unter Hausarrest. Doch der Vorwurf des Drogenhandels wog schwer. Im schlimmsten Fall hätte er bis zu 20 Jahre Haft bedeutet. Dass die "ungute Geschichte" so schnell, kurz vor dem "Tag Russlands", dem russischen Nationalfeiertag, der am heutigen 12. Juni gefeiert wird, ihr Ende findet, daran haben nur wenige geglaubt. Umso erstaunter waren die Reaktionen, als der russische Innenminister Wladimir Kolokolzew ankündigte, das Verfahren gegen den Journalisten sei eingestellt worden. "Es gibt keine Beweise der Schuld von Golunow", sagte Kolokolzew, der gleich ankündigte, er werde Präsident Putin empfehlen, zwei ranghohe Polizeibeamte zu entlassen.

Selbst die Drogengesetze sollen nun gelockert werden

Golunows Nachrichtenseite Meduza zeigte sich erfreut. "Die Einstellung des Verfahrens gegen Iwan Golunow ist ein Ergebnis der präzedenzlosen internationalen Kampagne und der zivilen Solidarität", hieß es in einem Statement. "Wir sind froh, dass die Machthaber die Gesellschaft gehört haben. Das müsste immer passieren, wenn irgendwo Ungerechtigkeit stattfindet." Dennoch seien die Menschen, die die Operation gegen Golunow organisiert hätten, nicht genannt worden. Deswegen würden die Journalisten ihre Recherchearbeit der letzten Tage gemeinsam mit dem freigelassenen Kollegen fortsetzen.

Internationale Organisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen begrüßten die Freilassung ebenfalls. Dass sich das staatliche Fernsehen dem anschloss, kam dann nicht mehr überraschend. "Das ist eine großartige Nachricht", hieß es bei Rossija 1. "Das ist die Gerechtigkeit, die gesiegt hat. Dieses Gerechtigkeitsgefühl fehlt übrigens unseren Nachbarn." Angesprochen war damit natürlich die Ukraine, mit der sich Russland seit der Annexion der Krim im März 2014 in einem Konflikt befindet.

Aus seinem Hausarrest wurde Golunow am Dienstag gegen 21 Uhr lokaler Zeit freigelassen. "Die beste moralische Kompensation für mich wäre, dass so etwas niemandem mehr passiert", sagte der sichtlich aufgeregte 36-Jährige. Er sei allen unendlich dankbar, die ihn unterstützt hätten - und es sei ihm bewusst, mit welcher Aufmerksamkeit seine künftigen Recherchen nun von der Gesellschaft wahrgenommen würden. Ein Taxi fuhr sogar kostenlos zu Golunow, um ihm abzuholen. Doch wie konnte es in Russland zu so einem unerwarteten Ergebnis kommen?

Wahrscheinlich zeigt die Freilassung, dass das Verfahren gegen den Journalisten nicht von ganz oben kam, sondern von einer Stelle, die von seinen Recherchen direkt betroffen war. "Viele tendieren dazu, dass es sich um einen kommerziellen Auftrag an die Polizisten handelte", sagte eine Quelle im russischen Sicherheitsdienst dem Wirtschaftsmedium "RBK", eine weitere Quelle bestätigt diese Sichtweise. Offenbar hätten alle Beteiligten die Wichtigkeit von Golunow sowie die mögliche Reaktion der Gesellschaft unterschätzt. Gleichzeitig kündigen Vertreter der russischen Staatsduma an, dass die Drogengesetze etwas gemildert werden könnten, was ebenfalls von vielen als positives Zeichen wahrgenommen wird, denn die Unterschiebung der Drogen ist keine unübliche Praxis in Russland.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema