Politik

"Fürchtet euch, Feinde!" Der Drohnen-Krieg zielt auch auf die Psyche

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Eine Bayraktar TB2 der ukrainischen Streitkräfte (Archivbild aus 2021). Sie kann als Kampf- und Aufklärungsdrohne eingesetzt werden.

(Foto: picture alliance / Photoshot)

Die Ukraine brüstet sich mit militärischen Erfolgen ihrer Bayraktar-Drohnen. Tatsächlich haben die unbemannten Flugkörper türkischer Bauart einen erheblichen Anteil an der psychologischen Kriegsführung Kiews. Doch auch Russland scheint nach anfänglichen Problemen aufzurüsten.

Am Tag des russischen Einmarschs schreibt der ukrainische Soldat Taras Borovok einen Song. In einfacher, aber eingängiger Melodie heißt es darin etwa: "Schafe kamen aus dem Osten zu uns, um einen großen Staat wiederherzustellen, aber der beste Hirte einer Schafsherde ist ... Bayraktar". Das Lied feiert eine Drohne aus türkischer Produktion, es preist ihre Schlagkraft als Antwort auf den russischen Aggressor. Auf Youtube wurde der Propagandasong schnell ein Hit, inzwischen skandieren offenbar auch Demonstrierende in der Ukraine: "Bayraktar!"

Die Bayraktar TB2, so der vollständige Name, bewegt sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h recht langsam, was nicht unbedingt von Nachteil ist. Wegen ihres kleinen Formats und der maximalen Flughöhe von etwa 8000 Metern agiert die Drohne unauffällig und ist für das gegnerische Radar nur schwer zu erkennen. "Die Bayraktar TB2 ist wie ein Erdhörnchen. Ihr seht es nicht, doch es ist da", schreibt das ukrainische Verteidigungsministerium auf Facebook.

Dazu sind die Drohnen vergleichsweise günstig. Geschätzt rund zwei Millionen Dollar soll ein Exemplar der türkischen Rüstungsschmiede Baykar kosten- ein Bruchteil der US-amerikanischen oder israelischen Modelle. Ihre Kampfstärke hat die Drohne bereits im Konflikt um Bergkarabach unter Beweis gestellt: Hunderte Präzisionsschläge auf Panzer und anderes militärisches Gerät gelten als maßgeblich für den Sieg Aserbaidschans über Armenien.

Seit 2019 ist die Ukraine im Besitz von zwölf Bayraktar-Drohnen, mindestens eine Lieferung mit geschätzt zwanzig weiteren Exemplaren bestätigte das ukrainische Verteidigungsministerium Anfang März. Über den genauen Bestand der Drohnen-Flotte ist nichts bekannt, umso öffentlichkeitswirksamer präsentiert die ukrainische Armee Einsätze der unbemannten Flugkörper. Ein Video vom 27. Februar soll etwa einen Angriff auf einen russischen Militärkonvoi zeigen. "Fürchtet euch, Feinde", schreibt die Armee auf Twitter dazu.

"Wunderwaffe" Bayraktar?

Solche Aufnahmen und nicht zuletzt die musikalische Lobeshymne erwecken den Eindruck, dass die "Wunderwaffe" einen gewissen Hype erzeugen soll. Die Videos "werden vor allem nützlich für die Propaganda-Seite sein", sagt auch Aaron Stein, Forschungsdirektor am Foreign Policy Research Institute in den USA, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Sie hätten Menschen "in Verzückung versetzt", weil sie einen Luftangriff in hoher Auflösung zeigten. Im Gespräch mit dem "Spiegel" nennt Can Kasapoğlu vom Centre for Economics and Foreign Policy Studies in Istanbul die Clips "Lehrbuchbeispiele für technologiegestützte Informationskriegsführung, die im digitalen Zeitalter besonders wichtig bleibt".

Alles nur Propaganda also? Über den tatsächlichen Einfluss der Drohnen auf dem Schlachtfeld sind sich Experten uneins, dafür fehlt es an ausreichend validen Informationen. Zu Kriegsbeginn hieß es, die günstigen Bayraktars könnten der hochmodernen russischen Luftabwehr nur wenig entgegensetzen. Diese Einschätzung scheint sich, wie so viele Vorhersagen, wohl vorerst nicht zu bestätigen.

Im britischen "Spectator" schreibt der Militärexperte Justin Bronk vom Royal United Services Institute for Defence and Security Studies in London, dass die russischen Streitkräfte sich als überraschend unfähig erwiesen hätten, ukrainische Drohnen aufzuhalten. Abwehrsysteme wie Störsender setzten eine komplexe Planung voraus, an der es den Bodentruppen mangele. Ein Grund könnte die schlechte Ausstattung sein. Dem Experten zufolge müssen russische Soldaten teilweise über Mobiltelefone ohne militärische Verschlüsselung kommunizieren. "Möglicherweise haben die russischen Befehlshaber deshalb beschlossen, dass sie es nicht riskieren können, ihre üblichen elektronischen Angriffsfähigkeiten einzusetzen - und dabei bei ihren eigenen, bereits angeschlagenen Truppen Schaden anzurichten", schlussfolgert Bronk.

"Unsichtbare Bedrohung"

Das führt dazu, dass die Bayraktar bereits einige Achtungserfolge verbuchen konnte. Die Open-Source -Website Oryx, auf der Verluste beider Kriegsparteien gesammelt werden, führt von insgesamt knapp 1000 zerstörten russischen Militärfahrzeugen immerhin rund 50 auf TB2-Angriffe zurück. Auch wenn diese Angaben keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, ist sich Experte Bronk einer hohen symbolischen Bedeutung sicher: "Es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Bedrohung durch Drohnenangriffe - eine unsichtbare Bedrohung - einen großen psychologischen Einfluss auf die Moral und Taktik der russischen Truppen hat", so Bronk.

Das weiß auch Moskau. Der Luftraum ist derzeit schwer umkämpft, es dürfte ein Hauptanliegen Russlands sein, nicht zuletzt aufgrund dieser Bedrohung schnellstmöglich die Kontrolle zu erlangen. Solange das nicht der Fall ist, wird die Ukraine Drohnenangriffe fliegen und damit wohl auch weiterhin Erfolge erzielen - militärisch wie psychologisch. Denn die ukrainische Drohnenflotte bekommt schlagkräftige Unterstützung aus den USA. Die jüngst auf den Weg gebrachte, rund 800 Millionen Dollar schwere Militärhilfe beinhaltet neben einer Vielzahl an Waffen und Munition auch 100 unbemannte Switchblade-Systeme, berichtet der "Business Insider".

Diese nur 60 Zentimeter großen Kamikaze-Drohnen sind mit einem Sprengkörper ausgestattet und werden per GPS-Ortung zum Ziel geführt. Anders als die Bayraktar-Flugkörper sind sie Verbrauchsmaterial: Einmal abgefeuert, gibt es kein Zurück. Beim US-Militär hat sich Switchblade bereits bewährt: "Sie sind sehr effektiv, weil sie eine gewisse Distanz zwischen Bediener und Ziel schaffen. Sie waren in Syrien und im Irak gegen den IS sehr effektiv", zitiert die Nachrichtenseite ein Mitglied der US-Spezialeinheit Green Berets.

Offensive könnte bevorstehen

Und Russland? Die zweitstärkste Armee der Welt verfügt immerhin über mehr als 2000 Flugkörper jeglicher Größenordnung und übertrifft damit deutlich das ukrainische Arsenal. Der Fachzeitschrift "IEEE Spectrum" zufolge setzte der Kreml während der Annexion der Krim noch verstärkt auf Drohnen, infolge westlicher Sanktionen verlor Russland aber den Zugang zu neuen Technologien und Importmöglichkeiten. Das habe zwar zu massiven Investitionen in die heimischen Waffenschmieden geführt, die Resultate hinkten demnach aber der ausländischen Konkurrenz lange hinterher.

Auch wenn bereits mehrere verschiedene Drohnentypen aus Russland im ukrainischen Luftraum dokumentiert wurden, scheint sich ihr Einsatz bislang vermehrt auf Aufklärungsflüge zu beschränken. Darauf weisen auch die Einsätze veralteter Modelle aus der Sowjetzeit hin. Zudem führte Moskau offenbar verschiedene Testläufe durch. Der Drohneneinsatz könnte jedoch bald in die Offensive gehen, denn derzeit mehren sich Berichte über Sichtungen von Objekten des Typs KUB im Land.

Dieser vom berüchtigten AK47-Hersteller Kalaschnikow im Jahr 2019 vorgestellte unbemannte Flugkörper ist mit 95 Zentimetern Spannweite relativ klein und fliegt nahezu geräuschlos, wodurch sich Ziele unerkannt und mit hoher Präzision angreifen lassen. Laut Hersteller besitzen die KUB-Modelle eine integrierte künstliche Intelligenz, die Feinde "in Echtzeit" erkennen kann. Bis zu drei Kilogramm Sprengstoff kann die Drohne laden und zerstört sich ähnlich wie das US-Modell Switchblade selbst. Sichtungen auf Twitter zeigen jedoch auch abgestürzte Flugkörper, was auf technische Probleme hindeuten könnte. Der große Vorteil für Russland: Das militärische Eigengewächs gilt als besonders günstig, ein Nachschub könnte also auf lange Sicht gesichert sein.

Der Militärexperte Samuel Bendett geht zudem davon aus, dass Russland nach anfänglichen Koordinierungsproblemen auch seine größeren und modernen Aufklärungsdrohnen immer häufiger einsetzen wird. Dazu würden etwa Forpost-R, der Nachbau eines israelischen Modells, oder die russische Drohne Orlan-10 zählen, die bereits Teil der Kampfhandlungen auf der Krim war. Beide ließen sich auch zu Kampfdrohnen aufrüsten, schreibt er auf Twitter. Ähnlich wie die Ukraine würden die russischen Streitkräfte inzwischen verstärkt Videos von Drohnenangriffen verbreiten, um den Erfolg des Militärs zu demonstrieren. Es deutet also vieles darauf hin, dass sich der Drohneneinsatz im Ukraine-Krieg noch verschärfen wird.

Quelle: ntv.de

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