Politik

Unterricht nach den Ferien Diese Digitalprobleme erwarten die Schulen

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Nur wenige Schulträger haben Gelder aus dem Digitalpakt Schule abgerufen.

(Foto: dpa)

Die Corona-Krise hat den Schulalltag von analog auf digital gedreht. Weil der Unterricht von zuhause für Schüler anfangs eher provisorisch als professionell abläuft, gibt es nun große Wissenslücken. Doch für das neue Schuljahr gibt es schon einen Plan.

Die Tafeln sind sauber, die Klassen leer und die Stühle stehen auf den Tischen - es sind Sommerferien an Deutschlands Schulen. Das Thema Corona scheint ein Stück weit in den Hintergrund gerückt zu sein. Doch weil die ersten Bundesländer in wenigen Wochen ihre Schultüren wieder öffnen, müsste jetzt der Resetbutton für den Umgang mit dem Corona-Virus in der Schule und vor allem in der digitalen Lehre gedrückt bleiben, fordert der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger im Gespräch mit ntv.de.

"In jedem Landkreis, in jeder Kommune müsste jetzt eine ganz hohe Priorität darauf gesetzt werden, damit die IT-Infrastruktur verbessert wird und die notwendigen Endgeräte wie Ausleihlaptops für Schüler beschafft werden. Ich glaube kaum, dass nach den Ferien bessere Bedingungen herrschen als vor den Ferien", sagt er.

Denn die Kultusminister haben entschieden: Der reguläre Schulbetrieb soll für alle Schüler weitergehen. Ziel sei es, die Digitalisierung des Lehrens und Lernens weiter voranzutreiben und ein "besonderes Augenmerk auf den Zugang von Schülerinnen und Schülern zu legen", um Bildungsgerechtigkeit herzustellen. So stehe es im aktuellen Beschluss der Kultusministerkonferenz.

"Das Geld aus dem Digitalpakt Schule ist da, aber man nutzt es nicht

Für den Fall coronabedingter Schulschließungen oder eines zweiten Lockdowns sollten Länder und Kommunen die hygienebedingten und digitalen Aufrüstungen gerade jetzt in den Sommerferien zur Chefsache machen, fordert Meidinger. Natürlich seien sechs Wochen ein kurzer Zeitraum, um Baumaßnahmen anzuschieben, aber Vorlauf habe es lange genug gegeben und "ich konnte nicht feststellen, dass der Abruf von Geldern aus dem Digitalpakt in den letzten Wochen massiv zugenommen hat".

Fünf Milliarden Euro für die digitale Bildung - das verspricht der Digitalpakt Schule. Seit mehr als einem Jahr können Schulträger Fördergelder abrufen, um ihre Schulen zu digitalisieren. Die Bilanz ist bisher aber dürftig. Nur 12 von 16 Bundesländern haben laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom überhaupt Anträge zur Förderung eingereicht. Nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes wurden nur fünf Prozent abgerufen.

"Das Geld ist da, aber man nutzt es nicht. Das liegt nicht an den Schulen, sondern an den Ländern, die so lange gebraucht haben, ihre Richtlinien festzulegen - und an den Schulträgern, die nicht aufs Gaspedal treten." Das Problem sei auch der zusätzliche bürokratische Aufwand, der mit Förderanträgen verbunden sei. Weil ein Umbau nicht von heute auf morgen stattfinden könne, sei es umso wichtiger, jetzt damit zu beginnen.

500 Millionen für Schullaptos sollen helfen

Priorität solle jetzt allerdings die Vorbereitung des Schulalltags bekommen. Der Fernunterricht habe viele Schüler abgehängt. "Wir haben drei Millionen Schüler nur unzureichend im Homeschooling erreicht." Ein Grund dafür sei auch die mangelnde technische Austattung: "Es gibt Schulen, auch in sozialen Brennpunkten, da hat mehr als Hälfte der Haushalte keinen Computer oder ein Gerät, das die Schüler nutzen können", so Meidinger.

Lösen will das Problem Bildungsministerin Anja Karliczek mit einem weiteren Förderpaket - zusätzlich zum Digitalpakt: 500 Millionen Euro soll es für Schülerlaptops geben. Das soll Kindern und Jugendlichen, die zuhause nicht auf Tablet, Notebook und Co. zugreifen können, die Möglichkeit geben, am Online-Unterricht teilzuhaben. Ein wichtiger Schritt für die Bildungsgerechtigkeit, so Meidinger. "Wenn man sagt, ein Laptop kostet etwa 500 Euro, dann könnte man zumindest eine Million Schüler damit ausstatten."

Von der digitalen Ausstattung der Schule hänge außerdem ab, ob Lehrer digitale Tools während und nach der Corona-Krise weiter nutzen. Denn "in dem Augenblick, in dem alle Klassenzimmer mit Smartboards und schnellem Wlan ausgestattet sind, ist es auch kein Problem, Lehrer für digitale Fortbildungen zu motivieren", sagt Meidinger. Entscheidend sei, ob der Umgang mit digitalen Medien schon in der Lehrerausbildung eine Rolle spiele. "Wir fordern deshalb eine Ausdehnung des Referendariats deutschlandweit auf 24 Monate."

Corona-Krise verschärft den Lehrermangel

Ein weiteres Problem: Den sowieso schon einschneidenden Lehrermangel habe die Corona-Krise besonders verschärft. Lehrer, die aufgrund von Vorerkrankungen und Alter zur Corona-Risikogruppen gehörten, fielen für Präsenzunterricht völlig aus. "Dazu kommt jetzt die Frage: Wie gleichen wir die Kompetenzdefizite und die Wissenslücken aus, die es bei fast allen Schülern gibt? Ich denke die Antwort ist klar: Wir brauchen zusätzliche Lehrkräfte und zusätzliche Stunden."

Pensionäre zurück in den Klassenraum zu holen, war bislang eine Option, auf die viele Schulen zurückgegriffen haben. Weil die ehemaligen Lehrer zur Risikogruppe gehören, ist das nur noch bedingt möglich. Nordrhein-Westfalen geht jetzt einen Schritt weiter. Seit Mai können Lehrer dort Stellen an einer Schule mit dringendem Personalbedarf annehmen und erhalten für zweieinhalb Jahre einen Bonus für 350 Euro brutto im Monat. 52 Lehrer sind schon eingestellt, für NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer ein Erfolg: "Das neue Instrument, das erst seit drei Monaten eingesetzt wird, beginnt zu wirken", sagt sie. Auch Seiteneinsteigern soll es einfacher gemacht werden, in der Schule zu unterrichten.

*Datenschutz

Neben dem zusätzlichen Lehrermangel in der Corona-Krise und dem digitalen Aufholbedarf steht für den Präsident des Deutschen Lehrerverbandes fest: "Bei allen Defiziten, die es an den Schulen immer noch gibt, hat die Pandemie auch was Gutes gebracht, vor allem was die Kommunikation zwischen Eltern, Kindern und Lehrer betrifft", so Meidinger. "Den Lehrern mal eine Rückfrage per Video stellen oder eine Arbeit per E-Mail senden, das machen vereinfachte Kommunikationswege möglich, die uns auch nach der Krise bleiben."

Quelle: ntv.de