Politik

Kampf um das Asowsche Meer "Es geht vor allem um den Zugang zur Krim"

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Mit einem Tanker hat Russland zuletzt die Straße von Kertsch und damit auch die ukrainischen Schifffahrtsrouten blockiert.

picture alliance/dpa

Das Asowsche Meer grenzt im Westen an die Ukraine und im Osten an Russland. Im Süden ist es über die Straße von Kertsch mit dem Schwarzen Meer verbunden. Seit der Eroberung der Krim verleibt sich Moskau das Binnenmeer zunehmend ein. Im Interview mit n-tv.de erklärt Russland-Experte Stefan Meister die strategische Bedeutung des Gewässers und warum die Ukraine ihr Hinterland verlieren könnte.

n-tv.de: Wie ist die Nutzung des Asowschen Meeres geregelt?

Wieder was gelernt

Falls Sie mehr zur Auseinandersetzung in der Straße von Kertsch und zur Bedeutung des Asowschen Meeres wissen möchten, hören Sie rein in diese Ausgabe von "Wieder was gelernt" - dem Podcast von n-tv.de.

Stefan Meister: Es gibt einen Vertrag zwischen der Ukraine und Russland aus dem Jahr 2003, in dem sich beide die gleichwertige Nutzung des Asowschen Meeres zugestehen. Es gelten also die gleichen Nutzungsbedingungen für beide Seiten. Wenn sie die Meerenge von Kertsch passieren wollen, müssen sie sich lediglich gegenseitig vorab informieren.

Gilt das auch für internationale Schiffe?

Ja, andere Nationen dürfen das Asowsche Meer ebenfalls nutzen. Es handelt sich zwar um ein Binnengewässer, aber um eines mit einem Zugang zum Schwarzen Meer. Die meisten Handelsschiffe – egal, ob aus der Ukraine, aus der Türkei oder aus anderen Ländern – laufen Mariupol oder Berdjansk an.  Das sind zwei wichtige ukrainische Hafenstädte und Wirtschaftszentren. Gerade für die Landwirtschaft und für die Stahlindustrie im Donbass ist es der wichtigste Transportweg für Import und Export.

Sind es diese Handelsrouten, auf die es Russland mit seiner Blockade und seinen Kontrollen in der Straße von Kertsch abgesehen hat?

Ja, die Unterbrechung der Versorgung der ukrainischen Häfen spielt eine wichtige Rolle. Aber neben der ökonomischen Bedeutung gibt es auch eine militärische Bedeutung.

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Das Asowsche Meer ist eine wichtige Schifffahrtsroute der Ukraine.

(Foto: cri/Stepmap)

Das heißt?

Wenn man die Sache mal ein bisschen größer betrachtet, geht es aus russischer Sicht vor allem um den Zugang zur Krim. Dort unterbricht die Ukraine immer wieder die Wasser- und Stromversorgung. Deshalb hat Russland auch schon die neue Brücke gebaut. Andererseits ist das Asowsche Meer natürlich auch für die Ukraine eine wichtige Versorgungsroute für das eigene Hinterland, das über das Asowsche Meer einen Seezugang hat.

Es geht also um einen Landzugang zur Krim?

Das Ziel Russlands ist im Prinzip, das Asowsche Meer zu einem russischen Binnengewässer zu machen. Das ist auch die Eskalation, die wir gerade sehen: Wir beobachten seit Monaten, dass Russland Militär in die Region verlegt und Blasen aufbaut, wo es die militärische Oberhoheit hat. Handelsschiffe werden tagelang aufgehalten und deshalb ist die Ukraine immer weniger in der Lage, ihre eigenen Häfen zu versorgen. Man kann zumindest nicht ausschließen, dass Russland diesen Landweg sucht und dafür Städte wie Mariupol abspalten will von Kiew.

Und der Handel auf dem Asowschen Meer ist der Schlüssel dazu?

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Stefan Meister ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und leitet das Robert-Bosch-Zentrum für Mittel- und Osteuropa, Russland und Zentralasien.

Ja, eine Blockade der Handelsrouten hat ja auch ökonomische Konsequenzen für die Menschen vor Ort. Das kann zu Unruhen führen, weil die Häfen extrem wichtige Arbeitgeber sind. Und dann ist die Frage, ob der nächste logische Schritt nicht wäre: "Wenn das Asowsche Meer ein russisches Binnenmeer ist, dann nehmen wir die Region ein und haben einen Landweg zur Krim."   

Welche Mittel hat die Ukraine, sich zu wehren?

Ich glaube nicht, dass die Ukraine viele große Möglichkeiten hat. Ein Großteil ihrer Flotte ist mit der Eroberung der Krim an Russland gegangen, ihr Militärbudget hat sie vor allem in den Stellungskrieg im Donbass investiert. Dort sind Truppen modernisiert worden, aber nicht die Flotte. Deswegen halte ich auch den Kriegszustand, den der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ausgerufen hat, für reine Rhetorik. De facto kann die Ukraine nicht viel tun.

Sie bräuchte die Unterstützung des Westens?

Ja, bräuchte sie. Aber ich denke, dass die russische Blockade in der Straße von Kertsch auch ein Test für uns war. Wie reagiert die EU? Wie reagiert die Nato? Verabschieden sie neue Sanktionen? Zeigen sie eventuell militärische Präsenz? Aus russischer Sicht haben EU und Nato sehr, sehr schwach reagiert. Weil sie nicht eskalieren wollen. Aber wenn man sieht, was Russland in den letzten Monaten getan hat, dann wurde schon systematisch eskaliert.

Das klingt aus ukrainischer Sicht sehr ernüchternd.

Ich fürchte, ja. Derzeit ist es so, dass Russland um die Krim herum seinen militärischen Einfluss systematisch ausbaut. Die Ukraine wird deshalb irgendwann ihre Schiffswege verlieren und den Zugriff auf die Rohstoffe, die dort liegen. Ich glaube aber nicht, dass das Asowsche Meer für Russland die größte Bedeutung hat. Viel wichtiger ist die Frage, wer zukünftig im größeren Rahmen das Schwarze Meer beherrscht. Für Russland ist die Ukraine auch ein Stellvertreterkrieg mit den USA und der Nato. Und ich sehe nicht, dass der Westen irgendein Interesse hat, mit Russland in einen Konflikt zu geraten, was die Möglichkeiten der Ukraine, sich zu wehren, begrenzt.

Mit Stefan Meister sprach Christian Herrmann

Quelle: n-tv.de

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