Politik

Streit um Impfpatente Es wird "immens hoher Gewinn gemacht"

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Am Freitag erreichte eine Lieferung von Covid-19-Impfstoff den Hafen von Abidjan in der Elfenbeinküste.

(Foto: imago images/Xinhua)

Um selbst Covid-Impfstoff herzustellen, wollen Indien und Südafrika, dass die Patentierung darauf ausgesetzt wird. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) unterstützt die Forderung. Ohne schnelle weltweite Impfungen würden immer mehr Mutationen Europa erreichen, sagt Elisabeth Massute, die für MSF die Medikamentenkampagne betreut. Die hohen Gewinne für 2021 wären den Herstellern sicher, auch wenn die Patente ausgesetzt würden.

ntv.de: Die Bundesregierung will alle zur Immunisierung bereiten Deutschen bis Ende September einmal durchgeimpft haben. Das klingt gut, allerdings macht eine Pandemie nicht vor Ländergrenzen Halt. Reicht die Strategie aus Ihrer Sicht?

Elisabeth Massute: Gerd Müller, der CSU-Entwicklungsminister, hat das am Donnerstag im Bundestag sehr treffend zusammengefasst: Er sagte, wenn wir die Pandemie nur bei uns und nicht global bekämpften, säße sie im nächsten Flieger zurück nach Deutschland. Wenn sich die Pandemie in die Länge zieht, kostet dies Menschenleben und es entstehen immer mehr Mutationen. Die können uns dann wieder betreffen, wenn die Impfung gegen die Mutanten nicht wirksam ist. Es liegt absolut in unserem eigenen Interesse, dass die Verbreitung des Coronavirus weltweit so schnell wie möglich gestoppt wird.

Wie sehr könnte sich die Pandemie denn in die Länge ziehen?

Bis 2024. Für viele Länder des globalen Südens könnte es nach Berechnungen noch drei Jahre dauern, bis sie ihre Bevölkerung immunisiert haben.

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Die Politologin Elisabeth Massute betreut für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Medikamentenkampagne.

(Foto: Jannette Kneisel)

Passiert da noch gar nichts?

Doch, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte ja mit der Impfstoff-Allianz GAVI zusammen das Programm COVAX gegründet, darüber wollen 145 Staaten Vakzine beziehen. Eins der Ziele ist, ärmeren Ländern zu ermöglichen, bis Ende des Jahres etwa 20 bis 27 Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen. Als erstes Land weltweit hat Ghana in der vergangenen Woche 600.000 Impfdosen über COVAX erhalten, damit soll vor allem medizinisches Personal geimpft werden. Als Nächstes hat die Elfenbeinküste eine Lieferung bekommen. Sehr viele arme Länder stehen aber immer noch völlig ohne Impfstoff da.

Die Europäische Union will ihre Beteiligung an COVAX auf eine Milliarde Euro aufstocken. Wird das schnell einen Effekt zeigen?

Kaum, denn das Problem ist das begrenzte Angebot. COVAX war nicht nur als Initiative zugunsten ärmerer Länder gedacht, sondern es war gedacht als internationaler Einkaufs- und Verteilungsmechanismus, sodass alle gemeinsam über COVAX einkaufen und dann gerecht nach Rahmenplan der WHO verteilt wird. Dann haben jedoch viele reiche Länder eigene Verträge abgeschlossen und das Abkommen unterlaufen. Da aber nur begrenzt Impfstoff auf dem Weltmarkt vorhanden ist, sehen wir nun, dass COVAX nur wenige Verträge abschließen konnte. Zum Teil sind die Lieferungen bisher nur in Absichtserklärungen der Hersteller versprochen, dadurch geht es sehr schleppend voran.

In der Welthandelsorganisation (WTO) fordern Indien, Südafrika und mehr als 100 weitere Staaten nun, die Patente auf die Impfstoffe bis zum Ende der Pandemie aufzuheben. Ärzte ohne Grenzen unterstützt die Forderung. Warum?

Weil uns die Zeit davon rennt. Durch die Patente wird ein lebensrettender Impfstoff in einer weltweiten Pandemie künstlich knapp gehalten, von dem es eigentlich größere Mengen geben könnte, die wir dringend benötigen.

Deutschland, die EU, die USA und viele andere lehnen die Forderung strikt ab. Ein Argument: Patentierung sei Voraussetzung dafür, dass Pharmafirmen solche Präparate überhaupt entwickeln. Denn so verdienen sie damit. Den Patentschutz auszuhebeln, sei das falsche Signal.

Wir stecken gerade in einer globalen Pandemie. Die Forderung lautet, lediglich für Impfstoffe gegen Covid-19 und weitere Covid-19 Technologien die Patente auszusetzen, und das auch nur bis zum Ende der Pandemie. Die Kapazitäten der Hersteller sind für dieses Jahr beinahe vollständig ausgeschöpft, nur für das vierte Quartal scheinen noch geringe Produktionsressourcen vorhanden, über die man verhandeln könnte. Das heißt, die Pharmakonzerne haben für 2021 bereits ihren Gewinn gesichert.

In welchen Größenordnungen?

Vorgestern hat der US-Pharmahersteller Moderna seine Bilanzen vorgelegt und rechnet nur auf Basis der Verträge, die schon abgeschlossen sind, mit Einnahmen von 18,4 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Die Forschung und Entwicklung seines Vakzins wurde ausschließlich mit öffentlichen Geldern und Non-Profit-Zuwendungen finanziert, das hat die BBC in einem Überblick anschaulich dargestellt. Moderna hat demnach also selbst kein Geld in die Forschung stecken müssen - ein sehr geringes Investitionsrisiko.

Bei dem Präparat von Biontech/Pfizer soll der Anteil der öffentlichen Gelder nur etwa ein Sechstel der Forschungskosten ausmachen.

Das BBC-Modell legt das nahe, ja. Vom Bundesforschungsministerium kamen 375 Millionen Euro Sonderförderung. Pfizer hat seinerseits 15 Milliarden Dollar Jahresumsatz vorausgesagt. Auch hier wird also immens hoher Gewinn gemacht. Die WHO hat für COVAX zudem einen Haftungsfonds aufgemacht, der den Pharmafirmen die Haftung für den Einsatz ihrer Vakzine in ärmeren Ländern abnimmt. Auch das ist ein Faktor, der das Geschäftsrisiko für die Entwickler massiv minimiert. Wir sind sehr dafür, dass solche Forschung öffentlich mitfinanziert wird. Aber daran sollte man Bedingungen knüpfen, was den Preis und den Zugang angeht.

Die Firma Biontech forscht schon seit langer Zeit an der mRNA-Technologie, auf der ihr Covid-Impfstoff basiert. Die Entwickler arbeiten an einem Impfstoff gegen Hautkrebs. Ist es nicht gut, wenn Biontech dank seiner jetzigen Gewinne auch die Krebsforschung weiter nach vorn bringen kann?

Ja, aber man muss auch im Blick haben, dass die mRNA-Technologie schon vor 25 Jahren entwickelt wurde, von Anfang an mit Fokus auf die Krebsbehandlung. Auf die seitdem gewonnenen Erkenntnisse der Forschung bauen die Pharmafirmen heute ihre Forschung auf, auch Biontech oder Curevac profitieren davon. Laut Curevac-Gründer Ingmar Hoerr haben die aktiven Firmen untereinander eine Art "Gentleman's Agreement" und erheben keine Forderungen auf eigene Patente innerhalb der Branche.

Allerdings ist die Produktion der hoch entwickelten Covid-19-Impfstoffe sehr kompliziert. Aus der Pharmabranche heißt es, ein Werk aufzubauen, dauere drei bis fünf Jahre. Die Vakzine werden aber jetzt benötigt. Lohnt sich der Streit um die Patentierung dann überhaupt?

Im neuen Marburger Standort für die Biontech-Produktion wurden zuvor keine Impfstoffe hergestellt, und es wurde in wenigen Monaten eingerichtet. Der Schweizer Konzern Lonza, der nun für Moderna produziert, war zuvor kein Impfstoffhersteller. Es ist also vieles auch in kurzer Zeit möglich. Die WHO arbeitet gerade an einer Übersicht über die weltweiten Ressourcen zur Impfstoffherstellung. In Südafrika und Indien sind sie auf jeden Fall vorhanden. Indien stellt derzeit 60 Prozent aller Vakzine für den globalen Gebrauch her. Es ist wichtig, dass pharmazeutische Produktion weltweit ausgebaut wird. Covid-19 wird leider nicht die letzte Pandemie sein, wir müssen zukünftig schneller reagieren können.

Mit Elisabeth Massute sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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