Politik

"Nicht ethisch vertretbar" Gassens "Freedom Day" kassiert Absage

Mit seiner Forderung, Ende Oktober alle Corona-Beschränkungen aufzuheben, stößt Kassenärzte-Chef Gassen auf Ablehnung in der Politik. Er halte nichts von einem "Freedom Day", sagt Kanzleramtschef Braun. Auch von SPD und Grünen kommt deutlicher Widerspruch.

Kanzleramtschef Helge Braun hat die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) geforderte Aufhebung aller Corona-Auflagen Ende Oktober abgelehnt. "Von einem 'Freedom Day' im Herbst (...) halte ich derzeit nicht viel", sagt der CDU-Politiker der Nachrichtenagentur Reuters. "Denn es kann gut sein, dass es noch eine weitere Welle geben wird."

Gut vier Millionen Menschen hätten sich bis heute infiziert, aber 20 Millionen noch keinen Impfschutz, sagte Braun weiter. "Das zeigt, wie groß eine neue Welle im schlechtesten Fall werden kann. Wir sollten erst eine Aufhebung der Beschränkungen versprechen, wenn der Prozentsatz der Durchgeimpften insbesondere in den höheren Altersgruppen deutlich gestiegen ist - wir also eine Gemeinschaftsimmunität erreichen", sagte Braun, der auch Arzt ist.

KBV-Chef Andreas Gassen hatte ein Ende der Corona-Eindämmungsmaßnahmen zu Ende Oktober gefordert. Nötig sei "eine klare Ansage der Politik: In sechs Wochen ist auch bei uns 'Freedom Day'", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" mit Verweis auf das entsprechende Vorgehen in Großbritannien im Juli. Am 30. Oktober sollten "alle Beschränkungen" aufgehoben werden.

"Das gibt jedem, der will, genug Zeit, sich noch impfen zu lassen", argumentierte Gassen. "Meine Wette: Dann sind wir Ende Oktober bei einer Impfquote von 70 Prozent oder noch höher, weil sehr viele Menschen das Angebot dann doch schleunigst annehmen werden." Ohne die Ankündigung eines klaren Stichtags "werden wir uns endlos weiter durch diese Pandemie schleppen", sagte Gassen.

Auch SPD und Grüne gegen "Freedom Day"

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält den Wegfall aller Corona-Beschränkungen zum 30. Oktober für "nicht ethisch vertretbar". Die Welle der Pandemie, die dann käme, wäre zu groß, warnte der Epidemiologe auf Twitter. Besser wäre eine Öffnung, wenn 85 Prozent geimpft seien. Bis dahin sollte die 2G-Regel gelten.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen widersprach Gassen ebenfalls. "Jetzt so zu tun, als sei die Pandemie ein Privatvergnügen und Ungeimpfte letztlich selbst dran Schuld und wir könnten uns jetzt von allen Schutzmaßnahmen verabschieden, das halte ich für zynisch", sagte Dahmen dem Sender NDR Info. Auch widerspreche die Forderung der Haltung der Mehrheit der niedergelassenen Ärzte. Für eine Lockerung der Maßnahmen bräuchte es eine Impfquote bei den über 60-Jährigen von deutlich über 90 Prozent, in der Gesamtbevölkerung bei den impffähigen Personen von über 80 Prozent. "Es wäre gut, wenn die Kassenärztliche Vereinigung sich hier auf das Impfen konzentriert, hier mehr Tempo macht", riet Dahmen.

Der FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann hält eine Diskussion über eine Aufhebung der Corona-Regeln zwar für richtig. Es sei aber zu früh dafür, ein konkretes Datum zu nennen, sagte er NDR Info. "Ob es jetzt der 30. Oktober ist, Allerheiligen oder vielleicht auch Mitte November ist", dazu wage er nichts zu sagen. In den kommenden Wochen müsse man die Corona-Entwicklungen genau beobachten.

Unverständnis äußerte auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. "Der 'Freedom Day' zur Aufhebung aller Corona-Beschränkungen ist eine tolle Sache. Doch beim Blick in die Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeheime scheinen solche flotten Sprüche nicht anzukommen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Hier seien die Einschränkungen für Patienten, Pflegebedürftige und Angehörige allgegenwärtig. "Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen sich zunächst dafür einsetzen, dass ihre Vorschläge im medizinisch-pflegerischen Bereich ankommen."

Quelle: ntv.de, mli/rts/dpa

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