Politik

Kinzinger, Trumps neuer Feind In der Partei beäugt, von Verwandten verstoßen

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Adam Kinzinger sitzt für einen Wahlkreis südlich von Chicago im Kongress.

(Foto: REUTERS)

Es ist in diesen Tagen in den USA nicht einfach, ein Konservativer alten Schlags zu sein. Der Abgeordnete Adam Kinzinger erlebt dies am eigenen Leibe. Er hat sich von Trump losgesagt. Seine eigene Familie sieht ihn deshalb mit der "Armee des Teufels" im Bunde.

Seit mehr als zehn Jahren sitzt Adam Kinzinger als Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus, bei einem zweijährigen Wahlrhythmus sind das fünf gewonnene Wiederwahlen. Man könnte meinen, der 42-Jährige sei damit politisch etabliert und seine Familie stolz auf ihn. Falls es so war, hat sich das in der Folge des Kongresssturms am 6. Januar geändert. Denn Kinzinger stimmte nach dem Gewaltausbruch mit neun anderen Republikanern für ein Impeachment des damaligen Noch-Präsidenten Donald Trump. Außerdem sprach er sich dafür aus, die Verschwörungstheorie-Anhängerin und Abgeordnete Marjorie Taylor Greene von ihren Ausschussposten zu entfernen.

Damit setzt Kinzinger seine Karriere aufs Spiel - und stellt sein Privatleben womöglich auf den Kopf. Die Republikaner seines Bundesstaates Illinois haben ihn getadelt. Ein Teil seiner Familie hat ihn gar verstoßen. "Was für eine Enttäuschung du für uns und für Gott bist", beginnt ein handschriftlicher Brief seiner Cousine an ihn, unterzeichnet von elf Verwandten. "Es ist überaus beschämend, dass wir mit dir verwandt sind", heißt es in dem zweiseitigen Schreiben weiter: "Du hast den Familiennamen beschmutzt!"

Kinzinger könnte man vorwerfen, er benutze die Veröffentlichung als PR-Stunt. Aber der Brief war ohnehin schon im Umlauf, da seine Familie das Schreiben vom 8. Januar nicht nur an ihn, sondern zudem an andere Kongressmitglieder aus Illinois verschickte. "Ich will, das er gemieden wird", sagte die Cousine US-Medien. "Wir rufen dazu auf, dich aus dem Amt zu entfernen", heißt es in dem Brief. Der Abgeordnete habe sich der "Armee des Teufels" angeschlossen, womit die Demokraten und die führenden Medienhäuser gemeint sind: "Es ist die größte Sünde, sich mit einer Partei zu verbünden, die an Abtreibung und Sozialismus glaubt."

Kinzinger selbst ist seiner Sache sicher. "Ich habe nichts gegen sie", sagte er der "New York Times" über die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefes: "Es ist zu 100 Prozent an ihnen, auf mich zuzukommen und das zu reparieren. Aber ehrlich gesagt ist mir egal, ob sie das tun oder nicht." Die Familienmitglieder litten unter der "Gehirnwäsche" konservativer Kirchen, sagte er.

Verblendung der Basis

Politisch war Kinzinger in den vergangenen Jahren meist mit Trump auf einer Linie, tat sich aber nie als besonders loyal hervor. Laut US-Medien frustrierte ihn die Präsidentschaft vielmehr. Bedingungslose Treue zu Trump als Lackmustest seiner konservativen Überzeugungen will Kinzinger nun nicht mehr akzeptieren. Also tritt er in Late-Night-Shows auf und spricht in Podcasts über seine kritische Sicht auf den Zustand der Republikaner. Der Abgeordnete ist nicht der einzige, der versucht, seine Partei aus dem offenbar allumfassenden Schatten des Ex-Präsidenten herauszuführen. Aber sichtbar gibt es noch keine große Bewegung.

Die Unterstützung für Trump in Washington bröckelt zwar, aber in den ländlichen Gegenden, wo seine Basis lebt, ist sie weiterhin groß. In einer aktuellen Umfrage zeigt sich die Verblendung der Basis: Zwei Drittel der Republikaner sind noch immer der Ansicht, die Wahl sei illegal abgelaufen, heißt es in Umfrageergebnissen des konservativen Thinktanks American Enterprise Institute. Fast vier Fünftel meinen zugleich, das politische System sei zu ihren Ungunsten unfair. Und fast 40 Prozent von ihnen halten politische motivierte Gewalt für ein legitimes Mittel, um die USA zu schützen, falls es ihre Anführer nicht tun. 55 Prozent sind der Ansicht, den Verfall des "American Way of Life" dürfe man auch mit Gewalt stoppen.

In einer anderen Umfrage sprachen sich 75 Prozent der Republikaner dafür aus, dass Trump weiterhin eine einflussreiche Rolle in ihrer Partei spielt. 21 Prozent sind dagegen. Mit anderen Worten: Es ist eine riskante politische Wette, sich wie Kinzinger offen gegen den Ex-Präsidenten zu stellen. Dieser zeigt sich allerdings überzeugt davon, dass die Unterstützung für Trump schwinden wird.

Vor Kurzem gründete der Abgeordnete dafür die Wahlkampforganisation "Country First". Das sogenannte Political Action Committee (PAC) soll dabei helfen, die Partei wieder von Verschwörungstheorien und Opfertum zu befreien, die derzeit die Republikaner dominieren. "Wir haben nur Angst. Angst vor den Demokraten. Angst vor der Zukunft. Angst vor allem", wird er von der "New York Times" zitiert. Die Partei sei krank. Sollten Trumps Anhänger ihre Mehrheit festigen, kann er sich einen Parteiwechsel vorstellen. "Aber zuerst werde ich kämpfen, um sie zu retten."

Quelle: ntv.de

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