Politik

Mordpläne gegen Top-Virologen Interpol jagt den "belgischen Rambo"

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Auch belgische Soldaten suchten im Nationalpark Hoge Kempen nach Jürgen Conings. Bisher ohne Erfolg.

(Foto: REUTERS)

Seit acht Tagen ist ein schwer bewaffneter, rechtsextremer Ex-Elitesoldat der belgischen Armee auf der Flucht. In Briefen drohte er Politikern und Virologen mit dem Tod. Während die Ermittler bei der Suche nach dem Mann im Dunkeln tappen, wird er auf Facebook gefeiert.

Bevor er verschwindet, schreibt der Belgier Jürgen Conings gleich zwei Abschiedsbriefe. Er plane, sich dem Widerstand anzuschließen und werde womöglich nicht überleben, heißt es in einer Notiz an seine Freundin. In einem anderen Brief droht er mehreren Staatsvertretern und dem bekannten belgischen Virologen Marc Van Ranst mit dem Tod. Dann legt der auslandserfahrene Soldat seine militärischen Abzeichen am Grab seiner Eltern nieder. Conings Wagen wird später am Rande des Nationalparks Hoge Kempen gefunden - inklusive vier Panzerabwehrraketen. Bis unter die Zähne hat sich der 46-Jährige offenbar bewaffnet. Zur Munitionskammer seiner Militärbasis hatte er bis zuletzt freien Zugang. Mindestens ein Maschinengewehr und eine Pistole soll er noch bei sich tragen.

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Mit diesem Foto fahndet Interpol nach dem Flüchtigen.

(Foto: AP)

Dass der Mann kein Spinner ist, beweist allein die Tatsache, dass die Sicherheitsbehörden nicht nur in Belgien seit einer Woche in Alarmbereitschaft sind. Um Conings zu finden, war Ende der Woche der gesamte 5700 Hektar große Nationalpark in der Provinz Limburg für Touristen gesperrt worden. An der umfassenden Suchaktion - unter Einsatz von Panzerfahrzeugen - beteiligten sich neben 400 belgischen Sicherheitskräften auch die niederländische Polizei sowie die deutsche GSG9. Doch ohne Erfolg. Von Conings fehlt weiter jede Spur. Ermittler versuchen nun, über sein Umfeld an Hinweise zu seinen Plänen zu gelangen. Häuser von mehreren ihm nahe stehenden Personen wurden durchsucht. Inzwischen steht der Mann auch auf der Fahndungsliste von Interpol - zusammen mit den meistgesuchten Terroristen Europas.

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Selbst Panzerfahrzeuge kamen bei der Suchaktion im Nationalpark zum Einsatz.

(Foto: REUTERS)

Unter Rechtsextremen und Corona-Leugnern, aber auch von Militärangehörigen wird Conings' Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitsbehörden indes bewundernd verfolgt. Erst gestern schloss Facebook eine Unterstützer-Gruppe für den Flüchtigen mit fast 50.000 Mitgliedern. Die Initiatoren hatten vergangenen Sonntag einen Schweigemarsch in Maasmechelen organisiert - einem Örtchen nahe des zeitweise vermuteten Verstecks von Conings. 200 Menschen nahmen daran teil. Dass er in der Gegend bisher nicht gefunden wurde, bedeute nicht, dass er nicht dort war oder noch immer ist, erklärte die Bundesanwaltschaft. Conings ist nicht nur aufs Schießen spezialisiert, sondern auch auf Tarnung. Weil er als Soldat unter anderem im Kosovo, dem Irak und Afghanistan gedient hat, nennen ihn Medien den "belgischen Rambo".

Seit Langem auf Terrorliste

Auch in Brüsseler Regierungskreisen sorgt Conings' Verschwinden für Aufruhr. Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder wehrt sich gegen Rücktrittsforderungen, seitdem publik geworden ist, dass Conings' Gesinnung schon lange kein Geheimnis mehr war. Obwohl er wegen seiner rechtsextremen Ansichten auf der Liste der Antiterror-Behörde Ocam stand, vom Geheimdienst überwacht wurde und die belgische Armee 2020 mehrere Strafen gegen ihn verhängte, blieb der Soldat als Ausbilder von Rekruten für Auslandseinsätze im Dienst. Dedonder will nun gesetzlich festschreiben, dass Soldaten mit Zugang zu Waffen und sensiblen Informationen stärker überprüft werden. Premier Alexander de Croo kündigte zudem einen Aktionsplan gegen extremistische Tendenzen innerhalb der Sicherheitsbehörden an.

Für Marc Van Ranst kommen diese Maßnahmen zu spät. Er und seine Familie mussten angesichts der Anschlagsgefahr ihr Haus verlassen. Wie belgische Medien berichten, wurden sie an einem unbekannten Ort in Sicherheit gebracht und stehen rund um die Uhr unter Polizeischutz. Conings soll dem Virologen noch am Tag seines Verschwindens stundenlang aufgelauert haben. Er sieht den Uni-Professor als Leitfigur eines "medizinischen Establishments", das den Menschen gemeinsam mit Belgiens führenden Politikern im Zuge der Corona-Krise "alles weggenommen" habe, wie er in einem seiner Briefe schrieb. Van Ranst gilt als Verfechter eines strengen Lockdowns. In den sozialen Medien steht er deshalb seit Monaten unter Beschuss. Auch Drohungen gab es immer wieder.

Auch Moscheen im Visier

Dass sie nun in konkrete Mordpläne gemündet sind, überrascht den 55-jährigen Mediziner nicht. Van Ranst macht dafür auch die rechtsextremistische flämische Regionalpartei Vlaams Belang verantwortlich, die mit populistischen Angriffen dafür gesorgt habe, dass Drohungen gegen Virologen unter Corona-Kritikern als akzeptabel gewertet würden. "Die Botschaft ist: Ihr könnt diesen Virologen alles Mögliche antun", so Van Ranst. Trotzdem will er sich nicht einschüchtern lassen. "Für mich hat sich nicht sehr viel geändert. Ich kann auch von dort, wo ich gerade bin, weiter arbeiten." Indes gehen die Sicherheitsbehörden nach Informationen der "Brussels Times" davon aus, dass Conings noch eine zweite Zielperson hat. Um wen es sich handelt, ist nicht offiziell bekannt.

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Weil Conings gegenüber Freunden auch zwei Moscheen in Eisden und Limburg als mögliche Anschlagsziele angegeben hatte, waren zudem beide Gebetshäuser zeitweise geschlossen worden. Den Medien gegenüber betonen die belgischen Behörden, dass sie den Flüchtigen möglichst lebend stellen wollen. Man wolle in dieser Frage keinerlei Missverständnis hervorrufen, weil das sowohl vonseiten Conings' als auch von anderen "eine unerwünschte Reaktion provozieren" könnte, wird die Staatsanwaltschaft zitiert. Die Sorge, dass Conings seine Pläne nach achttägiger Flucht noch umsetzen könnte, ist groß in Belgien. Mindestens genauso groß ist aber die Sorge vor seinen Fans. Michel Hofman, Befehlshaber der belgischen Streitkräfte, sah sich zuletzt zu einer Klarstellung gezwungen: "Conings ist kein Widerstandskämpfer, kein Held und kein Opfer."

Quelle: ntv.de

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