Politik

Raketen-Opa und "Miss Hitler" Italiens Sehnsucht nach dem starken Mann

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Viele Italiener sehnen sich nach Stärke in der Politik.

(Foto: imago images/Pacific Press Agency)

Die Italiener sind ihre Politik leid. Inzwischen wäre gut jeder Zweite dort bereit, für eine Zukunftsperspektive Teile der Demokratie zu opfern. In dem Land gedeiht zunehmend der Rechtsextremismus.

Italien ist eines der Krisenländer der EU. Zwar ist das Land die drittgrößte Volkswirtschaft des Staatenverbundes. Doch sie steht seit Jahren bestenfalls auf der Stelle. Die Staatsverschuldung ist gigantisch. In den vergangenen zehn Jahren hatte das Land sechs Ministerpräsidenten. Die Frustration in der Bevölkerung wächst. Hunderttausende haben das Land bereits verlassen. Inzwischen schlägt sich der Frust deutlich sichtbar auch in den Wahlergebnissen nieder. Weite Teile des Landes rücken nach rechts. Die Legitimation der Demokratie bröckelt.

Die empirische Untermauerung dieser Befunde liefert das italienische Forschungsinstitut Censis. Demnach wünscht sich inzwischen fast jeder zweite Italiener (48 Prozent) einen starken Mann am Ruder. Bei den Befragten mit einem niedrigeren Bildungsstand und geringeren Einkommen sind es sogar mehr als 60 Prozent. Nur ein starker Mann, der die alleinige Verantwortung für die Politik im Land übernimmt, könne ihrer Meinung nach den Wirtschaftsmotor ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen und ihnen eine Zukunftsperspektive geben, meinen viele. Und dafür wären sie sogar dazu bereit, einen Teil der Demokratie zu opfern, dem starken Mann mehr Macht als dem Parlament einzuräumen und ihn von der Bürde der Wahlen zu befreien.

"Miss Hitler"

Doch das war nicht die einzige Nachricht, die diese Woche für Aufsehen gesorgt hat. Medien berichteten über ein Netzwerk von Neonazis, das daran arbeitet, die rechtsextremen und faschistischen Gruppen in ganz Italien zusammenzubringen. Ziel sei die Gründung einer Nationalsozialistischen Partei Italiens.

Rädelsführerin dieses Netzwerks soll die 36-jährige Francesca Rizzi gewesen sein, die in Pozzo d'Adda nahe Mailand lebt. Die alleinerziehende Mutter eines kleinen Mädchens schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Rizzi führt ein unscheinbares Leben und verehrt Hitler. Besondere Merkmale der blondierten Frau: Auf den Rücken hat sie sich ein großes Tattoo stechen lassen, das einen Reichsadler zeigt, darunter ein Hakenkreuz. Bilder von ihr erwecken den Eindruck, dass sie beides durchaus gern zur Schau stellt.

Im russischen sozialen Netzwerk Vk, in dem sich mittlerweile auch viele italienische Neonazis, Faschisten und Identitäre tummeln, wurde Rizzi in diesem Jahr zur "Miss Hitler" erkoren. Sie selbst beschreibt sich im Netz als die "schönste Arierin auf der Welt".

Der Rentner mit der Boden-Luft-Rakete

Natürlich könnte man das alles als Hirngespinst abtun. Doch die rechtsextremen Gruppierungen mehren sich in Italien und werden immer forscher, als ob sie sich eines gewissen Konsenses in Teilen der Gesellschaft sicher wären. Allein in diesem Jahr sind die Ermittler italienweit nicht nur auf Neonazi-Objekte, Fahnen, Banner und Propagandaschriften gestoßen, sondern immer häufiger auch auf umfangreiche Waffenarsenale.

Im Sommer etwa fanden sie in einem Hangar in der Nähe von Mailand neben vielen Kampf- und Sturmwaffen sogar eine französische Boden-Luft-Rakete der Marke Matra. Wer sie dem Besitzer, einem 60-jährigen Rentner und ehemaligen Zollbeamten, geliefert hat, wird weiter ermittelt. "Es ist extrem wichtig, dass wir den Lieferanten ausmachen", erklärte ein Offizier der Abteilung für Allgemeine Ermittlungen und Sonderoperationen, DIGOS, der Tageszeitung "La Repubblica". "Denn von dieser Quelle könnten auch andere, die es auf unsere nationale Sicherheit abgesehen haben, ihre Waffen beziehen."

Wie zum Beispiel Leonardo Chesi, ein Manager der Bank Monte dei Paschi di Siena. Chesi gehört zu den tragenden Figuren der Neonazi-Szene in der toskanischen Stadt Siena und wurde vor einigen Tagen bei einer Durchsuchungsaktion verhaftet. Der Vorwurf lautet, er plane einen Anschlag auf die Moschee in Colle Val d'Elsa.

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Der frühere Innenminister Salvini wäre wahrscheinlich gern der starke Mann.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ebenfalls in Siena wurde diese Woche der 68-jährige Philosophieprofessor Emanuele Castrucci suspendiert. Der Akademiker hatte auf seinem Twitter-Account unter einem Bild von Hitler folgenden Text veröffentlicht: "Man hat euch gesagt, ich sei ein Monster gewesen, um euch nicht wissen zu lassen, dass ich gegen die eigentlichen Monster gekämpft habe, die euch heute regieren." Auf die entrüstete Reaktion vieler Leser erwiderte Castrucci: "Die lieben Kritiker, die sich über meinen Tweet aufgeregt haben, haben etwas Grundlegendes nicht verstanden: Auch wenn Hitler sicher kein Heiliger war, so hat er in jenem Moment die ganze europäische Zivilisation verteidigt." Dass erst dieser letzte Hitler-Tweet Castruccis Folgen für ihn hatte, ist mehr als verwunderlich - denn der Professor hetzt schon seit Langem gegen eine angebliche Judenverschwörung.

400.000 junge Leute sind gegangen

Und was haben nun diese gewaltbereiten rechtsextremen Gruppierungen, Miss Hitler und der Akademiker mit dem sich in Italien verbreitenden Wunsch nach einem starken Mann zu tun? Die Antwort gibt die Censis-Studie. Diese macht eine stark verunsicherte Gesellschaft sichtbar. Zwei von drei Italienern (65 Prozent) bangen um ihre Zukunft und fühlen sich von der Politik verraten. Und dies sagen nicht nur die sozial Schwächeren, sondern auch der Mittelstand. Die zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse und niedrigen Löhne versperren sämtliche Aufstiegsmöglichkeiten. Deswegen haben in den vergangenen zehn Jahren bereits 400.000 Italiener zwischen 18 und 39 Jahren das Land verlassen.

Das Gefühl der Perspektivlosigkeit und des Frustes erfasst zunehmend weitere Gesellschaftsschichten. Der Eindruck, die Politik beschäftige sich nur mit sich, greift immer weiter um sich. Und so beginnt bei vielen Bürgern die Suche nach einem Ventil, um den aufgestauten Frust abzubauen, ebenso wie die Suche nach einem starken Mann.

Widerstand der Sardinen

Das alles bedeutet aber nicht, dass es in der italienischen Zivilgesellschaft keinen Widerstand gibt, der sich dem rechtsextremen Gedankengut, der grassierenden Fremdenfeindlichkeit und dem zunehmenden Antisemitismus entgegenstellt. Im Gegenteil, wie die vor Kurzem ins Leben gerufene Sardinen-Bewegung beweist, die inzwischen beinahe tagtäglich auf Italiens Plätzen friedlich zusammenkommt. Inzwischen mobilisieren die Initiatoren Zehntausende in einzelnen Städten. Kommenden Samstag ist ein europaweiter Aktionstag geplant.

Doch das genügt nicht. Gefragt ist auch die Politik. Denn die wachsende Frustration in der Bevölkerung ist ein gefährlicher Nährboden, auf dem das rechtsradikale Gedankengut gedeiht und sich immer mehr in die Öffentlichkeit traut. Es geht also um Perspektiven gerade für junge Menschen. Es geht um soziale Sicherheit, und es geht um Jobs, mit denen die Bürger ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Quelle: ntv.de