Politik

Italiens Sardinenbewegung "Wir fordern eine Politik des Anstands!"

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Mailand am 1. Dezember: Mehrere Tausend Mitglieder der Sardinen-Bewegung haben sich zum Protest gegen Salvini vor dem Dom versammelt.

(Foto: dpa)

Eine neue Bürgerbewegung gegen Salvinis Rhetorik sorgt für Aufsehen im Land. Im Rahmen des Protestes der Sardinen versammeln sich Tausende friedlich auf Italiens Plätzen. Sie wollen zurück zu einer zivilen Konfrontation.

In Italien formiert sich der Protest gegen den Rechtspopulisten und früheren Innenminister Matteo Salvini. Seit Wochen bringt die sogenannte Sardinen-Bewegung Tausende in verschiedenen Orten des Landes auf die Straße. 40.000 waren es nach Veranstalter-Angaben am Samstag in Florenz. Am gestrigen Sonntag versammelten sich trotz strömenden Regens 30.000 Menschen auf dem Mailänder Domplatz. Und wie schon in den vergangenen beiden Wochen in Bologna, wo die Sardinen von einem Tag auf den anderen aufgetaucht waren, dann in Modena, Palermo, Reggio Emilia, Rimini, Parma, Florenz, kamen die Menschen mit bunten Fischen aus Pappkarton. Schulter an Schulter sangen sie das Partisanenlied "Bella Ciao". Sie lasen aus dem italienischen Grundgesetz und plädierten für eine Politik des Anstandes, ohne Hetze, ohne Ausgrenzung.

Seit Mitte November finden sie sich zusammen, um gegen das politische Klima und die Rhetorik des rechtsnationalen Lega-Chefs Matteo Salvini zu demonstrieren. Ins Leben gerufen haben die Bewegung vier Freunde aus Bologna, alle um die 30 Jahre alt. Mattia Santori, Giulia Trappoloni, Andrea Garreffa und Roberto Morotti hatten Salvinis aggressiven Wahlkundgebungen, nicht nur in der Regionalhauptstadt Bologna, sondern in der ganzen Emilia Romagna, satt. In der norditalienischen Region wird am 26. Januar gewählt und Salvini will diese Abstimmung unbedingt gewinnen. Endlich die letzte historische Hochburg der "Roten" zu erobern, ist sein großer Traum. Umfragen sehen die Lega und die regierende Mitte-Links-Partei eng beieinander.

Bei den Regionalwahlen in der 70 Jahre lang linksregierten Region Umbrien Ende Oktober hatte die Kandidatin von Salvinis rechtsradikaler Lega einen deutlichen Sieg errungen. Unterstützt wurde sie von der neofaschistischen Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) und der Mitte-Rechts-Partei Forza Italia des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi.

Sardinen gegen Haifisch

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Mattia Santori, einer der Gründer der Sardinen-Bewegung.

(Foto: REUTERS)

Begonnen hat der Protest erst vor wenigen Wochen. Doch seitdem hat der Fisch in Norditalien zum Symbol des Widerstands gegen Salvini und die Lega entwickelt. Salvini hatte für den 14. November die städtische Sporthalle PalaDozza mit ihren mehr als 5500 Plätzen gemietet. Und so beschlossen die vier Freunde unter dem Titel "6000 Sardinen", ihre Mitbürger zu einem Flash Mob am selben Tag und zur selben Abendstunde wie Salvini - aber an einem anderen Ort - aufzurufen. Mattia, Giulia, Andrea und Roberto hofften, mehr Leute auf die Piazza Maggiore, den Hauptplatz der Stadt, zu bringen als Salvini in die PalaDozza-Halle, sicher waren sie sich aber nicht.

Dann geschah das Unerwartete: Ihrem Aufruf folgten nicht 6000, sondern 12.000 Bürger. Dicht an dicht wie ein Sardinen-Schwarm kamen sie und formten einen bunten Fisch aus Pappkarton. Auf ihren Transparenten stand "Bologna non si Lega" - ein Wortspiel, das sowohl "Bologna bindet sich nicht" als auch eine klare Absage an eine Lega-Regierung bedeutet. Der Lega-Chef blickte stattdessen auf so manch leeren Platz im PalaDozza.

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Die Sardinen sind zum Symbol des Protestes geworden.

(Foto: Andrea Affaticati)

Nach diesem Abend ging alles sehr schnell: Von Norditalien bis hinunter nach Sizilien formten sich, wo immer Salvini angekündigt war, "Sardinen-Schwärme". Jede Stadt organisiert ihren eigenen Schwarm mit immer gleichen Regeln für alle: keine Parteiflaggen, keine beleidigenden Sprechchöre, keine Ausschreitungen.

Die Demonstration am gestrigen Sonntag in Mailand war insofern eine Ausnahme - denn Salvini war nicht in der Stadt. Hier hatte er aber seine letzte Wahlkundgebung vor den EU-Wahlen gehalten. "Ob er da ist oder nicht, ist doch einerlei", sagt die 23-jährige Giulia n-tv.de. "Seine hetzerischen Botschaften verkündet er ja tagtäglich und wir wollen sie nicht mehr hören. Wir sind die Sardinen gegen den Haifisch."

"Das ist nur der Anfang"

Anfangs versuchte Salvini, die Bewegung ins Lächerliche zu ziehen. Auf Facebook veröffentlichte er das Bild einer jungen Katze mit einer Sardine im Maul. Dazu schrieb er, dass er Kätzchen bevorzuge. Er forderte seine Follower auf, Bilder ihrer Katzen zu posten und zu sagen, ob sie auch kleine Fische und Sardinen lieben. Doch schon kurz danach ändert er die Tonlage, sprach von "Muttersöhnchen" und davon, dass hinter den Sardinen die Sozialdemokraten stünden. Dem widersprach Mattia Santori, einer der Gründer der Bewegung. Erstens sei er kein "Muttersöhnchen", sondern verdiene sich seinen Unterhalt als Sportlehrer; zweitens gehe es hier nicht um eine bestimmte politische Front, sondern um das politische Klima im Land, um den Ton der Auseinandersetzungen. Und alle, die gegen diesen Ton sind, gleich wo sie das Kreuz dann in der Wahlkabine machten, seien willkommen.

Inzwischen schwappt die Bewegung auch über die Landesgrenzen. Für den 14. Dezember rufen die Sardinen zu einer Protestveranstaltung in Berlin am Brandenburger Tor. London, Helsinki, Amsterdam, Paris und Dublin sind weitere europäische Metropolen, in denen die Sardinen zusammenkommen sollen. Höhepunkt wird an jenem Wochenende sicherlich die Demonstration in der italienischen Hauptstadt Rom sein. Selbst im fernen San Francisco soll es Proteste geben.

Noch ist es zu früh, um sagen zu können, ob sich die Bewegung bewähren kann. Federica, die dieses Jahr das Abitur macht, ist sich aber sicher, dass sie sich nicht in Luft auflösen wird: "Das ist nur der Anfang", versichert sie n-tv.de. Ja, aber hat Salvini nicht recht, wenn er meint, die Sardinen halte doch nur die Aversion ihm gegenüber zusammen? Warum protestieren sie nicht auch gegen eine Politik, die ihnen keine Zukunftsperspektive gibt? "Stimmt, das kommt aber jetzt auch", meint der etwas ältere Ludovico. Und was ist, wenn Salvini am 26. Januar die Wahlen in der Emilia Romagna und in Kalabrien, wo zeitgleich gewählt wird, gewinnt? "Dann machen wir erst recht weiter", sagt Valentina bestimmt.

Quelle: n-tv.de, mit Agenturen

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