Politik

IAEA plant Tschernobyl-Mission Kiew: Russische Soldaten wurden verstrahlt

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Am ersten Tag der Invasion nahmen russische Truppen die Atomruine von Tschernobyl ein. Inzwischen soll sie wieder unter ukrainischer Kontrolle sein.

(Foto: IMAGO/Russian Look)

Die Internationale Atomenergiebehörde will in Kürze Experten nach Tschernobyl schicken. Die russischen Truppen sollen das frühere AKW verlassen haben. Von ukrainischer Seite heißt es zudem, Soldaten der Besatzer hätten bei der Einnahme der Atomruine eine hohe Strahlendosis abbekommen.

Russische Soldaten sollen sich nach offiziellen Angaben aus Kiew bei einem Einsatz um das frühere Atomkraftwerk Tschernobyl Strahlenschäden zugezogen haben. Die ukrainische Atomenergiebehörde Energoatom teilte mit, dass russische Truppenteile in der Sperrzone rund um den Unglücksmeiler Gräben ausgehoben und sich dabei mit radioaktivem Material verseucht hätten. Dafür gibt es allerdings keine unabhängige Bestätigung. Bereits am Dienstag hatten zwei Kraftwerksmitarbeiter in Tschernobyl behauptet, russische Soldaten hätten ihre Panzer und gepanzerten Fahrzeuge ohne Schutzausrüstung durch besonders stark verseuchtes Gebiet gelenkt und radioaktiven Staub aufgewirbelt.

"Es ist unmöglich, das Ausmaß der radioaktiven Verstrahlung russischer Soldaten zu beziffern", sagte nun der Kraftwerksdirektor Walerij Sejda. In einem auf der Webseite der Behörde veröffentlichten Interview sagte der Energoatom-Chef Petro Kotin, dass die Soldaten keine Physiker und völlig ahnungslos in die radioaktiv verstrahlte Region geschickt worden seien. Die stellvertretende Ministerpräsidentin der Ukraine, Iryna Wereschtschuk, schrieb auf ihrer Facebook-Seite, dass sie eine so hohe Strahlendosis abbekommen hätten, dass "deren Folgen ihnen Ärzte in Schutzanzügen erklären werden müssen". Der Kreml äußerte sich bislang nicht.

Zuvor gab es Berichte, dass das russische Militär nach mehreren Wochen Krieg das Kraftwerk wieder verlassen hätte. "Es sind keine Außenstehenden mehr auf dem Gebiet des Atomkraftwerks Tschernobyl", teilte die für das Sperrgebiet zuständige ukrainische Behörde am Donnerstagabend auf Facebook mit. Heute Vormittag erklärte der Chef der Behörde im Fernsehen, dass die russischen Truppen die Anlage selbst verlassen hätten, im Umfeld seien aber noch Soldaten zu sehen gewesen.

Russische Armee soll Geiseln genommen haben

Energoatum behauptete zudem, die russische Armee habe ukrainische Soldaten mitgenommen. Um wie viele Soldaten es sich handelte, ist demnach unklar. "Als sie von der Atomanlage Tschernobyl wegrannten, nahmen die russischen Besatzer Mitglieder der Nationalgarde mit, die sie seit dem 24. Februar als Geiseln gefangen gehalten hatten", teilte die ukrainische Atombehörde bei Telegram unter Berufung auf Arbeiter in der Anlage mit. Auch hätten russische Soldaten "Ausrüstung und andere Wertgegenstände" aus der stillgelegten Atomanlage gestohlen. Ukrainische Spezialisten würden nun auf das Gelände geschickt, um es auf "potenzielle Sprengkörper" hin zu durchkämmen.

Die russischen Truppen hatten am 24. Februar, dem Tag des Einmarschs in der Ukraine, die Kontrolle über das frühere Kernkraftwerk Tschernobyl übernommen und das Personal festgesetzt, das erst nach knapp einem Monat ausgetauscht werden konnte.

IAEA-Chef will selbst nach Tschernobyl kommen

Der Chef der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) Rafael Grossi kündigte an, in den kommenden Tagen eine Experten-Delegation zur Besichtigung der Anlage nach Tschernobyl zu schicken. Er wolle die Hilfsmission selbst anführen, fügte Grossi hinzu. Die IAEA werde auch anderen Atomanlagen sicherheitsrelevante Ausrüstung und Expertise bereitstellen, sagte er. Zuvor war Grossi aus der Ukraine und aus Russland zurückgekehrt, wo er in den vergangenen Tagen über solche Unterstützungsmaßnahmen Gespräche geführt hatte.

Die geplanten IAEA-Missionen seien jeweils mit Russland und der Ukraine vereinbart, hieß es. Über konkrete russische Sicherheitsgarantien für ukrainische AKWs oder für IAEA-Mitarbeiter sprach er jedoch nicht. "Wir benötigen sichere Routen, Schutz und befriedete Zonen, in denen wir uns bewegen können." Grossi räumte ein, dass er von seinem Plan abgerückt sei, ein Übereinkommen zwischen Russland und der Ukraine zum Schutz von Nuklearanlagen während des Krieges auszuhandeln. "Ich habe entschieden, dass es wichtig ist, an der Sicherheit der Kraftwerke zu arbeiten", sagte er. Konkrete Hilfe sei wichtiger als langwierige Verhandlungen. Im Zuge der russischen Invasion war es auch zu Schäden in ukrainischen Atomanlagen gekommen, ein Austritt radioaktiver Strahlung ist bislang jedoch nicht bekannt.

Quelle: ntv.de, hul/AFP/dpa/rts

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