Politik

Der Kriegstag im Überblick Kreml zwischen Diplomatie und Säbelrasseln - BND entlarvt russische "Entnazifizierung"

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Die Gefechte in der Ukraine werden womöglich noch Wochen und Monate weitergehen - Kiew verlängert vorsorglich das geltende Kriegsrecht um weitere 90 Tage.

(Foto: picture alliance/dpa/TASS)

Während die Gefechte am Boden vorwiegend im Osten der Ukraine ausgetragen werden, intensiviert Russland Luftangriffe im gesamten Land. Aus Moskau kommen zum einen Verhandlungsangebote, aber auch indirekte Drohungen an den Westen, in Form von neuen Interkontinentalraketen. Der 88. Kriegstag im Überblick.

Russland fliegt verstärkt Luftangriffe

Russland intensiviert nach ukrainischen Angaben seine Luftangriffe in der gesamten Ukraine. Die russische Armee setze "ihre Raketen- und Luftangriffe auf das gesamte Territorium" fort und habe "die Intensität erhöht", erklärt der Generalstab der ukrainischen Armee. Demnach setzt Moskau zunehmend die Luftwaffe ein, "um wichtige Infrastrukturen zu zerstören".

Örtliche ukrainische Behörden bestätigen einen russischen Raketenangriff auf die Ortschaft Malyn westlich von Kiew. Das Verteidigungsministerium in Moskau hatte am Samstag erklärt, dort mit "hochpräzisen seegestützten Langstreckenwaffen" eine bedeutende westliche Waffenlieferung zerstört zu haben. Die ukrainischen Behörden sprechen hingegen von Schäden an "ziviler Infrastruktur". Der Generalstab macht keine Angaben zu einer beschossenen Waffenlieferung.

Experten fürchten Einkesselung von Sewerodonezk

Am Ziel Russlands, die totale Kontrolle der Regionen Donezk und Luhansk zu erringen, hat sich derweil nichts geändert. In der Region Luhansk werden inzwischen nur noch die durch einen Fluss getrennten Städte Sewerodonezk und Lyssytschansk von der Ukraine kontrolliert. Nach Ansicht von Experten droht Sewerodonezk, komplett von russischen Truppen umzingelt und belagert zu werden. Der ukrainische Gouverneur von Luhansk, Serhij Gajdaj, zeigte sich dennoch optimistisch. Seine Truppen bewaffneten sich neu und könnten "wahrscheinlich im Juni zum Gegenangriff übergehen".

Ukraine verlängert Kriegsrecht

Die Gefechte in der Ukraine werden womöglich noch Wochen und Monate weitergehen. Entsprechend verlängert die Ukraine das seit Ende Februar geltende Kriegsrecht um weitere 90 Tage. Das Parlament in Kiew stimmt angesichts des russischen Angriffskriegs auch für eine Verlängerung der Generalmobilmachung bis zum 23. August, wie mehrere Abgeordnete im Nachrichtendienst Telegram schreiben.

Massenbegräbnisse vergiften Grundwasser

Tote Soldaten und zivile Opfern zählen beide Seiten zu Tausenden. Die chaotischen Massenbegräbnisse - beispielsweise in Mariupol - könnten zu vergiftetem Grundwasser führen. Der Bürgermeister der von russischen Truppen eingenommenen Stadt Mariupol, Vadym Boychenko, warnt vor dieser neuen Gefahr für die Menschen. Laut "Kyiv Independent" drohe Mariupol der Ausbruch von Infektionskrankheiten, weil die Kanalisation nicht funktioniere. Während des Sommerregens würden so all die Giftstoffe in die Flüsse, das Meer und die Quellen, aus denen die Menschen ihr Wasser beziehen, gelangen, sagt Boychenko laut dem Bericht.

BND-Bericht: Viele Rechtsextreme kämpfen aufseiten Russlands

Interessante Erkenntnisse über den russischen Angriffskrieg liefert derweil der Bundesnachrichtendienstes (BND). Einem Bericht zufolge kämpfen zahlreiche russische Rechtsextreme und Neonazis aufseiten des russischen Militärs, das sich laut Wladimir Putin die Entnazifizierung des Landes auf die Fahnen geschrieben hat. Dem siebenseitigen Dokument zufolge, das dem "Spiegel" vorliegt, kämpfen mit der "Russian Imperial League" und der Gruppe "Rusich" "wenigstens zwei Gruppen mit rechtsextremistischer Gesinnung" gegen die ukrainische Armee. Zudem setze Moskau zumindest eine weitere rechtsextreme "Einzelperson für seine Zwecke ein", heißt es in dem Papier.

Russland weiter bereit für Verhandlungen

Präsident Selenskyj hat bereits mehrfach betont, der Krieg lasse sich nur auf diplomatischer Ebene beenden. Nun signalisiert Russland erneut Gesprächsbereitschaft. Russland sei bereit, die Gespräche mit Kiew wieder aufzunehmen, die Ukraine sei jedoch in Zugzwang, sagte Putin-Berater Wladimir Medinski der Agentur Interfax zufolge im belarussischen Staatsfernsehen. Medinski, der zuvor die Verhandlungen für die russische Seite geleitet hatte, schloss auch ein Treffen zwischen Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nicht aus. Doch dafür werde eine "ernsthafte Vorbereitung" benötigt, wie etwa ausgearbeitete Dokumente, die die Präsidenten dann unterschreiben könnten.

Russland kündigt neue Interkontinentalraketen an

Die eine Hand reicht Russland der Ukraine in Sachen Friedensverhandlungen, mit der anderen wird ordentlich mit Säbeln gerasselt. Bis zum Ende des Herbstes will Russland nämlich etwa 50 neue Interkontinentalraketen vom Typ Sarmat in den Dienst nehmen. Die Raketen (Nato-Codename: SS-X-30 Satan 2) sollen im sibirischen Krasnojarsk hergestellt werden, wie der Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Dmitri Rogosin, der Agentur Interfax zufolge mitteilte.

Ende April hatte Russland auf dem nordrussischen Weltraumbahnhof Plessetzk einen Testabschuss mit der Interkontinentalrakete durchgeführt. Die Sarmat hat eine Reichweite von 18.000 Kilometern und ist mit atomaren Sprengköpfen bestückbar. Laut Putin könne die Waffe könne alle Arten der Raketenabwehr überwinden und zwinge "jene zum Nachdenken, die im Feuereifer einer abgebrühten, aggressiven Rhetorik versuchen, unser Land zu bedrohen".

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Quelle: ntv.de, mba/rts/dpa

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