Politik

Bericht aus Odessa "Man kann so schnell alles verlieren!"

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Die Strandsaison beginnt in Odessa normalerweise Ende Mai. Jetzt ist der Strand gesperrt - einige Jugendliche springen daher vom Pier.

(Foto: IMAGO/NurPhoto)

Die Einwohner von Odessa trotzen dem Krieg. Anfang Mai gab es russische Raketenangriffe, bei denen auch Menschen ums Leben kamen. Doch trotz der Gefahr trifft man sich auf einen Kaffee, erkämpft sich, wann immer es geht, ein Stück Alltag zurück, erzählt die ukrainische Deutschlehrerin Karina Beigelzimer.

Seit fast 100 Tagen tobt in der Ukraine der Krieg. Es geht mir aber besser als am Anfang. Na ja, so ganz stimmt das nicht. Heute bin ich zum Beispiel mit dem Schrecken aufgewacht, dass der Krieg mittlerweile zum Alltag geworden ist. Es geht mir also nicht wirklich besser, ich hab mich nur an die jetzigen Umstände gewöhnt.

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Karina Beigelzimer ist Deutschlehrerin an einer Schule mit erweitertem Deutschunterricht in Odessa.

(Foto: privat)

Kein normaler Mensch kann sich an Krieg gewöhnen. Im Mai gab es viele Fliegeralarme und Raketenangriffe auf Odessa. Häuser wurden zerstört und Menschen starben. Am 9. Mai war es besonders arg. Ganz nah bei uns fiel eine Rakete und ich spürte, wie auch mein Haus erzitterte. Eigentlich kann man sich an Krieg nicht gewöhnen, es geschieht aber trotzdem. Denn wenn man es nicht schafft, sich anzupassen, überlebt man das alles nicht. Ich meine auch psychisch.

Deswegen verwundern und ärgern mich manche Kommentare unter den Berichterstattungen. Wie gestern. Zu einer Reportage über Kiew und Tschernihiw, wo einige Einwohner wieder zurückgekehrt sind, einige Cafés wieder aufgemacht haben, schrieben viele: "Was, es ist Krieg und die Ukrainer gehen spazieren, sitzen und trinken Kaffee?" Meine Reaktion darauf ist: Was soll das? Ihr müsstet doch froh sein, dass sich die Menschen hier noch ablenken können. Es ist ja nicht so, dass wir uns der Gefahr nicht bewusst wären, jederzeit Opfer eines Raketenangriffs werden zu können. Wir wollen aber, wenn auch nur ein winzig kleines Stück, Normalität zurück!

Die Raketenangriffe töten und zermürben die Menschen

Ich denke an Mariupol, Butscha, an die Gräueltaten, die dort verübt wurden. Auch hier in Odessa haben wir Flüchtlinge aus Charkiw, Mariupol und Butscha. Dem zuzuhören, was sie erlebt und gesehen haben, ist fast unmöglich. Und ich frage mich, ob es für diese traumatisierten Menschen, die unendliches Leid gesehen und erlitten haben und davon gebrandmarkt sind, der richtige Entschluss war, nach Odessa zu kommen, statt sich im Ausland in Sicherheit zu bringen.

Fast alle meine Freunde sind weg. Manchmal überkommt mich die Einsamkeit. Zu meinem Geburtstag im April habe ich dafür Glückwünsche aus allen Kontinenten bekommen. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Ein paar sind auch wieder hier, andere würden gerne zurückkehren, sind sich aber nicht sicher, ob es das Richtige ist. Sie rufen mich an und fragen: "Karina, was meinst du, können wir zurückkommen?" Was soll ich da antworten? "Ja kommt nur." Und wenn ihnen dann etwas passiert? Ich würde es mir mein Leben lang nicht verzeihen.

Weil Mykolajiw so nahe bei Odessa liegt, denken viele, wir müssten hier alle in Angst leben. Das ist aber nicht so. Freilich, die Russen haben dort unglaublich viel zerstört, aber eingenommen haben sie die Stadt, die viel kleiner als Odessa ist, nicht. Auch einen Angriff vom Meer halte ich für eher unwahrscheinlich. Die größte Gefahr stellen meines Erachtens die Raketenangriffe dar. Sie zerstören, töten und zermürben die Menschen.

Zwischen "Ich halte das nicht mehr aus" und "Das Leben geht weiter"

Mittlerweile weiß ich nicht mehr, ob es eine gute Idee war, dass meine Eltern in Odessa geblieben sind. Wir diskutieren oft, was wir machen sollen, wie es weitergeht. Bei Fliegeralarm erschreckt sich meine Mutter jedes Mal zutiefst und sagt: "Ich will weg von hier." Sobald die Entwarnung kommt, überlegt sie es sich aber anders: "Weg aus Odessa, in die Fremde? Nein, niemals!" Und so geht es mir eigentlich auch. Wie gesagt, die Tage um den 9. Mai waren schrecklich und auch ich habe gedacht: "Ich muss weg, ich halte das nicht mehr aus." Wenn es wieder ruhig ist, sage ich mir jedoch: "Wir sind noch am Leben, das Leben geht weiter."

Odessa mit seiner Architektur und den gerade aufblühenden Bäumen ist ein Traum. Die Stadt ist wirklich die Perle am Schwarzen Meer. In der Derybasivska-Straße, das ist unsere Haupt- und Shoppingstraße, sieht man keine Panzer und auch keine Sandsäcke mehr. Die stehen und liegen in den Nebenstraßen. Einige Cafés haben wieder aufmacht. Hier sieht man mehr Menschen als anderswo in der Stadt. Junge Leute musizieren, es gibt kleine Konzerte am Büchermarkt. Das alles hilft uns, für ein paar Stunden nicht an den Krieg zu denken.

Jetzt ist in Odessa auch das Schuljahr zu Ende. Seit Kriegsbeginn war der Unterricht nur noch online. In manchen Regionen hat es überhaupt keinen mehr gegeben. Mir ist es noch gelungen, drei Schüler aus der 7. Klasse zu treffen und sie zu einer Pizza einzuladen. Meine Abiturklasse hat sich online versammelt, um sich von mir zu verabschieden. Per Lieferboten schickten mir die Schüler einen wunderschönen Blumenstrauß. Der Großteil ist nicht mehr in Odessa und ich weiß nicht, ob sie je zurückkommen werden.

Es gibt auch positive Momente

Keine Ahnung, was ich in diesen Sommerferien machen werde. Früher bin ich gerne ans Meer gegangen, jetzt ist aber alles vermint. Vor einigen Tagen war ich dort. Trotz der Trostlosigkeit der menschenleeren Strände habe ich fast nichts empfunden. Wir erleben jeden Tag so viel Schlimmes, das stumpft ab.

Sicher werde ich jetzt mehr Beiträge für Zeitungen schreiben und wieder ein Buch in die Hand nehmen. Vor dem Krieg war ich eine leidenschaftliche Leserin. Jetzt versuche ich es, aber schon einen Moment später schau ich Nachrichten im Internet, um zu wissen, was in meinem Land gerade geschieht. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich weiß, das muss sich ändern, aber jetzt schaffe ich es nicht.

Es gibt aber auch positive Momente. Angefangen bei den Reaktionen zu meinem ersten Bericht aus Odessa, den ntv.de im März veröffentlicht hat. So viele Leute haben mir geschrieben und schreiben mir bis jetzt regelmäßig, erkundigen sich, wie es mir geht und was sie tun können. Ein Kölner, der den Beitrag gelesen hat, war schon zweimal mit Hilfsgütern hier. Eine deutsche Firma, die in Odessa eine Niederlassung hat, arbeitet trotz des Kriegs weiter, damit die Angestellten nicht ohne Arbeit und Gehalt bleiben. Was eine unschätzbare Hilfe ist, denn laut Statistikamt ist mittlerweile jeder dritte Ukrainer arbeitslos.

Apropos Wirtschaft. Viele Geschäfte haben zwar wieder aufgemacht, verkaufen aber nur mehr die Lagerbestände, weil kein Nachschub kommt. Manche haben gar nicht mehr aufgemacht, weil ihnen die Mitarbeiter fehlen oder die Leute sowieso kein Geld haben und das wenige, was ihnen übrig geblieben ist, für das Nötigste, also in erster Linie für Nahrungsmittel, ausgeben.

Die Angst, dass dieser Krieg noch lange dauern wird, weil Putin weder gewinnt noch verliert, hat sich in mir verfestigt. Deswegen schätze ich die Solidaritätsbekundungen, die ich auch von Menschen bekomme, denen ich noch nie begegnet bin, besonders. Und jeder, gleich wo er sich befindet, sollte sich bewusst sein, wie schnell man alles verlieren kann.

Quelle: ntv.de

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