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Formel falsch verwendet? Mathematiker zweifelt Stickoxid-Studie an

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Über die Gesundheitsgefahren von Stickoxiden wird in Deutschland kontrovers diskutiert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Diskussion um Gesundheitsgefahren von Stickoxiden geht weiter: Nachdem einige Lungenärzte die derzeitigen Grenzwerte beanstandeten, gibt es nun Kritik an einer Studie des Umweltbundesamts. Ein Experte wirft der Behörde Berechnungsfehler und Panikmache vor.

Eine Studie des Umweltbundesamts (Uba), die einen Zusammenhang zwischen Stickoxid-Belastungen und Todesfällen herstellt, steht in der Kritik. Der Mathematiker Peter Morfeld von der Ruhr-Universität Bochum wirft der Behörde vor, ohne wissenschaftliche Grundlage übertriebene Ängste zu schüren. "In diesem Report wird eine Formel verwendet, die falsch ist", sagte Morfeld der ARD.

Im Frühjahr 2018 hatte das Münchener Helmholtz-Institut die besagte Studie für das Uba veröffentlicht. Darin berechnen Forscher die Zusammenhänge von Stickstoffdioxid-Belastungen und Krankheitsverläufen. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass im Jahr 2014 rund 6000 Menschen in Deutschland vorzeitig durch Stickstoffdioxid gestorben seien. In der Diesel-Debatte entwickelt sich diese Zahl zu einem zentralen Argument der Befürworter von Fahrverboten.

"Unsinn" nennt Morfeld die Aussagen des Instituts. Nach seinen Aussagen nutzt das Helmholtz-Institut eine in der Mathematik gebräuchliche Formel, die sogenannte AF-Formel ("Attributale Fraktion"). Mit ihr könne aber lediglich verlorene Lebenszeit ausgerechnet werden. Für eine Errechnung vorzeitiger Todesfälle fehle die notwendige Datengrundlage, schreibt Morfeld in einem gemeinsamen Fachaufsatz mit Kollegen der Universität Köln, der der ARD vorliegt.

Umweltbundesamt reagiert auf Vorwürfe

Um vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid bestimmen zu können, müsse jeder Person, die beurteilt werden soll, ein statistischer Zwilling zugeordnet werden, so Morfeld. Dieser Zwilling müsse genau dieselbe Lebensweise aufweisen, es dürfe nur einen Unterschied geben: die Belastung durch NO2. "Wenn wir solche Daten nicht zur Verfügung haben, können wir den Begriff der vorzeitigen Todesfälle nicht sinnvoll verwenden", erläutert der Wissenschaftler gegenüber der ARD. "Und solche Daten gibt es in der Epidemiologie nicht." Laut dem Mathematiker sei der Effekt von Stickstoffdioxid im Jahr 2014 in Wahrheit viel kleiner. "Diese große, plakative Wirkung mit den vielen Todesfällen, die ergibt sich nur, wenn ich die Formel falsch anwende."

Das Uba geht nach Informationen der ARD offen mit der Kritik um und will die Vorwürfe nun prüfen. Die Behörde soll bereits mit dem Institute for Health Metrics and Evaluation in den USA in Kontakt stehen, die die kritisierte Formel ebenfalls verwendet.

Bereits Anfang des Jahres wies eine Gruppe von Lungenärzten die derzeitigen Grenzwerte für Stickoxide als unwissenschaftlich zurück. Später deckte die "taz" auf, dass sich in der Stellungnahme der Mediziner viele Zahlen- und Rechenfehler befinden.

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Quelle: n-tv.de, jpe

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