Politik

Debatte über Grenzwerte Wie Lungenarzt Köhler sich verrechnete

Wenn es um saubere Luft geht, geraten Fakten in den Hintergrund. Diesen Eindruck verstärkt die aktuelle Debatte über Schadstoff-Grenzwerte. Eine Stellungnahme mehrerer Lungenärzte spielt dabei eine zentrale Rolle - doch wie sich herausstellt, liegen dieser gravierende Fehler zugrunde.

Es ist doch eigentlich ganz einfach und klingt schlüssig: Ein Mensch, der 80 Jahre lang an einer vielbefahrenen Straße lebt, atmet so viel Stickoxid und Feinstaub ein wie ein Raucher, der nur wenige Monate lang eine Schachtel Zigaretten pro Tag konsumiert. Diese plakative Aussage bildet eine der zentralen Aussagen in der Stellungnahme, die mehr als 100 Lungenärzte unterzeichneten und die seit Januar die Debatte über Schadstoff-Grenzwerte bestimmt. Das Problem: Die Berechnung, die dieser These zugrunde liegt, ist schlicht falsch.

Die "tageszeitung" (taz) hat in dieser Woche das gemacht, was nur wenige nach der aufsehenerregenden Publikation für nötig hielten: die zugrunde liegenden Werte zu überprüfen und selbst einmal zum Taschenrechner zu greifen. Das Blatt zentriert seine Kritik dabei auf den Initiator des Papiers, den ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, Dieter Köhler.

Der 70-Jährige nutzt den oben aufgeführten Zigarettenvergleich dazu, um zu verdeutlichen, dass einige Raucher in der Regel erst nach vielen Jahren exzessiven Konsums an den Folgen der eingeatmeten Schadstoffe, etwa durch Lungenkrebs, sterben. Sie fallen nicht nach wenigen Monaten tot um. Deswegen dürften Nichtraucher - auch an stark frequentierten Straßen - ein recht unbeschwertes Leben führen (alle anderen gesundheitsbeeinträchtigenden Faktoren einmal ausgenommen).

Wie die "taz" nun schreibt, ist der Vergleich der Schadstoffbelastung in der Luft mit Zigarettenrauch grundsätzlich unseriös. "Das ist schon aufgrund des unterschiedlichen zeitlichen Zusammenhangs nicht sinnvoll", zitiert das Blatt den Mediziner und Mitarbeiter des Umweltbundesamtes Wolfgang Straff. Werden die wissenschaftlich fragwürdigen Berechnungen Köhlers dennoch durchgeführt, gelangt man überdies zu ganz anderen Einsichten. "Die Fehler, die Köhler unterlaufen, sind so gravierend, dass er teilweise das Gegenteil dessen beweist, was er aussagen wollte", schreibt die "taz".

Zwei entscheidende Rechenfehler

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Demnach ist vielmehr folgender Zusammenhang korrekt: Derjenige, der an einer viel befahrenen Straße wohnt, atmet während seines 80 Jahre langen Lebens so viele Grenzwerte-relevante Schadstoffe ein wie ein Kettenraucher in 6 bis 32 Jahren - nicht, wie von Köhler suggeriert, in wenigen Monaten. An zwei zentralen Berechnungen belegt die Zeitung ihre Kritik:

  1. Das "Deutsche Ärzteblatt" zitierte Köhler im vergangenen Jahr mit folgender Berechnung über die Menge von Stickstoffdioxid (NO2) im Zigarettenrauch, welche bei rund 500 Mikrogramm pro Zigarette liege: "Nimmt man zur Konzentrationsberechnung ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von 10 Litern an, so inhaliert man 50.000 μg pro Kubikmeter Luft. Bei einer Packung am Tag wäre das 1 Million Mikrogramm."

    Der "taz" zufolge ist dies viel zu hoch gegriffen. Vielmehr liege der Wert bei einer Schachtel mit 20 Zigaretten nur bei 10.000 Mikrogramm - eine Hochrechnung, wie Köhler sie von Liter auf Kubikmeter vornimmt, findet also aus logischen Gründen nicht statt. Die Folge: Ein Raucher braucht quasi viel länger, um dem Äquivalent von 80 Jahren an Straßen mit dem gängigen EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2 zu entsprechen.

    Beim Verbrennen einer Zigarette entstehen laut Umweltbundesamt etwa 100 bis 600 Mikrogramm Stickoxide. Wie viel dabei zu Stickstoffdioxid reagiert und entsprechend in den menschlichen Körper gelangt, ist variabel. Köhler bezieht sich - wie er selbst zugibt - bei den Werten fälschlicherweise ausschließlich auf NO2. Für Stickoxide (NOx) im Allgemeinen gibt es aber keine generellen Grenzwerte.
     
  2. Auch bei einem anderen Wert ist Köhler ein gravierender Fehler unterlaufen, wie die "taz" belegt. "Die Konzentration an Feinstaub im Hauptstrom des Zigarettenrauches erreicht tatsächlich 100-500 g/m³ und ist damit bis zu 1 Million Mal größer als der Grenzwert", heißt es in der von Köhler verfassten Stellungnahme. Der Tagesgrenzwert für Feinstaub liegt bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, führt das Umweltbundesamt auf. Köhlers genannter Maximalwert von 500 Gramm pro Kubikmeter entspricht umgerechnet 500 Millionen Mikrogramm pro Kubikmeter. Die Konzentration im Zigarettenrauch ist damit also nicht eine Million Mal, sondern sogar zehn Millionen Mal so hoch wie der Grenzwert auf der Straße.

    Im Gespräch mit der Zeitung gibt der Facharzt diesen Rechenfehler zu. Korrekt wäre nach Aussage Köhlers für den Zigarettenrauch statt 100 bis 500 Gramm pro Kubikmeter ein Wert von 10 bis 50 Gramm. Dann wäre zumindest der genannte Faktor von einer Million korrekt. Doch auch diese Korrektur stimmt nicht. Denn den Feinstaubwert berechnete er nach Angaben der "taz" auf Grundlage des umgangssprachlichen Teers, der sich durch Rauchen in der Lunge absetzt. Dabei ging er für aktuelle Zigaretten von 10 bis 25 Milligramm pro Zigarette aus. Allerdings gilt, so stellt es die Zeitung heraus, seit 2004 ein EU-weiter Grenzwert von 10 Milligramm. "Die Vorgabe der EU kannte ich nicht", erklärt Köhler der Zeitung. Angesichts seiner Fehler macht er zudem folgende Ausrede geltend: "Ich mache ja praktisch alles allein und habe nicht einmal mehr eine Sekretärin als Rentner."

Köhler: "Es ist kompliziert"

Im Gespräch mit n-tv gibt Köhler zu verstehen, dass er sich bei dem falschen Wert von sogar bis zu 50 Milligramm auf ältere Publikationen bezogen habe. Doch auch mit dem korrekten Wert von 10 Milligramm würde sich an seiner Grundaussage nichts ändern. Vielmehr würden dann statt der zwei, drei Monate täglichem Rauchen einer Schachtel Zigaretten das Äquivalent für die Feinstaub-Belastung eines Lebens entsprechen. "Das ist alles."

Auf die Frage, warum niemandem die Fehler aufgefallen seien, entgegnete Köhler bei n-tv: "Es ist kompliziert." Es würden sich nur wenige in dem Sachgebiet auskennen. Er habe einfach in die Literatur geschaut und sich so informiert. Auch angesichts seiner offensichtlichen Fehler will der Arzt nicht an seiner Stellungnahme rütteln und hält an seinen zentralen Thesen fest. Was die "taz" schreibt, sei "schlichtweg falsch", nämlich in dem Sinne, dass seine Aussagen durch die neuen Berechnungen nun ad absurdum gestellt sind.

Auch mit den neuen Werten würde sich an der Diskrepanz nichts ändern: Raucher nehmen innerhalb weniger Monate so viel Feinstaub und Stickoxide auf wie Nichtraucher in mehreren Jahrzehnten. Dass das nicht gravierend gesundheitsschädlich sei, würde dadurch bewiesen, dass Raucher nicht nach drei Monaten tot umfallen, so Köhler.

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Quelle: n-tv.de

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