Politik

Fulbright-Laudatio mit Grenell Merkels Botschaft für den US-Botschafter

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Merkel bei der Preisverleihung in Berlin

(Foto: dpa)

Kanzlerin Angela Merkel steht nun in einer Reihe mit Nelson Mandela, Vaclav Havel und Kofi Annan. Den renommierten Fulbright-Preis bekommt sie als eine Art Anti-Trump. Sie könnte die Dankesrede nutzen, um dem US-Präsidenten die Leviten zu lesen. Das tut sie aber nicht.

Dass die USA für Angela Merkel schon zu Zeiten der Mauer ein Sehnsuchtsort waren, ist bekannt. Ihr Plan war, mit dem Eintritt ins Rentenalter aus der DDR in die Bundesrepublik zu gehen, dort einen westdeutschen Pass zu beantragen und dann gleich in die USA zu fliegen.

Merkels Sehnsuchtsland hat sich in den vergangenen Jahren verändert, doch die Bindung ist geblieben. Sie sei bewegt, sagt sie, als sie am Montagabend in einem Kongresszentrum am Brandenburger Tor den renommierten Fulbright Prize for International Understanding entgegennimmt. Sie sagt das so nüchtern, wie sie meist spricht, doch die Bewegung wird man ihr abnehmen dürfen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Fulbright-Preis zum ersten Mal außerhalb der USA überreicht wird. Und weil die Begründung wirklich eindrucksvoll ist: Die Fulbright Association sei "der Überzeugung, dass Bundeskanzlerin Merkel ihre Führungsrolle in Zeiten globaler Krisen und Herausforderungen in herausragender Weise ausfüllt". Das klingt schon fast nach Anführerin der freien Welt - ein Titel, den US-Medien ihr verliehen hatten und den sie nie mochte. Besonders geehrt fühle sie sich, sagt Merkel, weil der erste Preisträger 1993 Nelson Mandela gewesen sei. Andere Preisträger, die an diesem Abend in einem kurzen Film gezeigt werden, waren Jimmy Carter, Vaclav Havel, Kofi Annan und die Organisation "Ärzte ohne Grenzen".

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"Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel sind menschengemacht, Kriege und Krisen auch", sagt Merkel. "Also können und sollten wir auch alles Menschenmögliche unternehmen, um diese Herausforderungen gemeinsam anzugehen."

(Foto: imago/ZUMA Press)

Fulbright ist in Deutschland vor allem bekannt für die Stipendien, die die Organisation vergibt. Der Initiator des Programms, Senator J. William Fulbright, wollte nach dem Zweiten Weltkrieg den internationalen Austausch von Studenten und Wissenschaftlern fördern, um so Bindungen zwischen den Ländern zu schaffen und gegenseitiges Verständnis zu wecken. Bei dem Studenten aus Greifswald, der bei der Preisverleihung über seine Erfahrungen als Fulbright-Stipendiat spricht, scheint das gut funktioniert zu haben. "Die amerikanische Seele ist komplex", sagt der junge Mann in Anspielung auf Unterschiede zwischen den USA und Deutschland, "aber das amerikanische Herz ist gut".

Christiane Amanpour feiert Merkel als Anti-Trump

So würde Merkel das vermutlich nicht formulieren, aber inhaltlich dürfte sie zustimmen. Wie immer wirbt sie nachdrücklich "für eine Stärkung der multilateralen, werte- und regelgebundenen Weltordnung", und es klingt, als wende sie sich an US-Präsident Donald Trump, der von Multilateralismus bekanntlich nicht so viel hält und dessen Botschafter Richard Grenell in der ersten Reihe sitzt - ein Publikum im Rücken, das Merkel immer wieder stehend Beifall spendet. Grenell muss sich auch die Laudatio von CNN-Moderatorin Christiane Amanpour anhören. Sie als Fan der Kanzlerin zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Sie fühle sich "so geehrt", über eine Frau sprechen zu dürfen, "die ich so sehr bewundere, in einem Land, das ich so sehr bewundere", sagt Amanpour.

Amanpour feiert Merkel dafür, sich an Fakten zu orientieren, "und das in einer Welt, in der die Wahrheit und Fakten angegriffen werden". Sie erinnert daran, dass Merkel Trump nur mit Vorbehalt zu seinem Wahlsieg gratuliert hatte. Ausführlich liest die Journalistin vor, was Merkel am Morgen danach erklärt hatte: "Deutschland und Amerika sind durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, eine enge Zusammenarbeit an." Danach spricht Amanpour über "beispiellose Bedrohungen", die den Westen von innen herausforderten, und sie dankt Merkel für ihre Flüchtlingspolitik. "Menschen verlassen ihr Zuhause nicht, nur weil sie einen Mercedes oder eine Siemens-Waschmaschine oder ihrer deutschen Lieblingsmannschaft nah sein wollen." Ohne Eklat geht es nicht deutlicher.

Und was macht die Kanzlerin? Setzt sie jetzt weitere Spitzen gegen Trump oder seinen Botschafter? Ein bisschen. Merkel dankt Amanpour, "dass Sie heute hier sind und meine politische Arbeit eingeordnet haben". Wie als Botschaft an den Botschafter beschwört sie den Wert des Kompromisses. Wer glaube, es gehe in der Politik auch ohne, den wolle sie "an die Wochenendgestaltung einer durchschnittlichen Familie" erinnern. "Ohne Kompromiss gibt es keine Gemeinsamkeit." Merkel benennt Populismus und Nationalismus als Gefahr für die Demokratie. "Globalisierung, Digitalisierung und Klimawandel sind menschengemacht, Kriege und Krisen auch. Also können und sollten wir auch alles Menschenmögliche unternehmen, um diese Herausforderungen gemeinsam anzugehen."

"Wir könnten uns keinen besseren Partner wünschen"

Aber sie hat auch eine andere Botschaft. Merkel dankt den USA für das Vertrauen, dass sie den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschenkt hätten. "Wir Deutschen werden das nicht vergessen." Sie sagt, dass Europa und die USA "natürlich nicht immer einer Meinung" seien. Und fährt mit dem Hinweis fort, dass Deutschland nach dem Ende des Kalten Krieges immer mehr internationale, sprich: militärische, Verantwortung übernommen habe, etwa in Afghanistan und in Mali. Deutschland steigere sein Budget für Verteidigungsausgaben und für Entwicklungshilfe - das Erste liegt Trump bekanntlich besonders am Herzen.

Ihre Mahnungen vom Morgen nach der Wahl wiederholt Merkel nicht, schon gar nicht ihren späteren Satz, die Zeiten, "in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei". Statt dessen beschwört sie das Verbindende: "Die transatlantische Partnerschaft baut auf einem gemeinsamen Wertefundament auf, auf Demokratie, auf Menschen- und Freiheitsrechten. Und weil das so ist, können wir uns, Deutschland, Europa und die Vereinigten Staaten, keine besseren Partner füreinander wünschen. Das sollten wir, trotz aller Differenzen, die es in jeder Partnerschaft gelegentlich gibt, niemals vergessen."

Was Grenell von der Rede hält, ist nicht überliefert. Auf seinem Twitter-Account gibt es zu der Veranstaltung keinen Hinweis. Der vorerst letzte Eintrag dieses Abends bezieht sich auf den Neujahrsempfang der Linken-Bundestagsfraktion, den er im Anschluss an die Preisverleihung besuchte. "Thanks to @dieLinke for the invitation and the GREAT music."

Quelle: n-tv.de

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