Politik

"Wie dumm muss man sein?" Nicht Twitter ist das Problem von Habeck

Habeck_Aufmacher.jpg

Robert Habeck hat seinen Twitter-Account gelöscht und seinen Facebook-Account abgeschaltet.

(Foto: Screenshot Twitter/n-tv.de)

Für eine instinktlose Bemerkung über Thüringen erntet Robert Habeck einen Shitstorm. Gut möglich, dass der Grünen-Chef damit tatsächlich einige ostdeutsche Wähler verprellt hat. Fragwürdiger ist allerdings sein Verständnis von Demokratie.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Deutsche Ehen scheitern in der Regel viel früher - nach durchschnittlich 15 Jahren. Und das bedeutet nicht, dass sie vorher keine harte Arbeit gewesen wären. Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg sei die Kommunikation. Zumindest predigen das Paartherapeuten immer wieder. Wenn dem tatsächlich so ist, hat Grünen-Chef Robert Habeck der bundesdeutschen Ost-West-Ehe mit seinem jüngsten Twitter-Video einen üblen Schlag versetzt. Im 30. Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer wird in drei ostdeutschen Bundesländern gewählt; auch in Thüringen. Der gebürtige Lübecker Habeck hat dies zum Anlass genommen für eine Social-Media-Mutrede. "Wir versuchen alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird", sagte er in dem Clip.

*Datenschutz

Instinktloser geht es kaum. Das ist auch Habeck bewusst. "'Wird' statt 'bleibt'; ein kleines Wort, ein echter Fehler." Was folgte, war - wen wundert's? - ein Shitstorm seltenen Ausmaßes. "In welchem Gefängnis habe ich die letzten Jahrzehnte gelebt?", fragte sich nicht nur der SPD-Parlamentsgeschäftsführer und Thüringer Carsten Schneider mit bissiger Ironie. Dass ausgerechnet dem Schriftsteller Habeck ein solcher sprachlicher Lapsus unterläuft, ist ein gefundenes Fressen für seine politischen Gegner. Und er hat Konsequenzen. Zuallererst natürlich für Habeck selbst, aber auch für seine Partei und im schlimmsten Fall sogar für die Akzeptanz westdeutscher Politiker in den neuen Bundesländern. Denn mit seinem Twitter-Fauxpas bedient der Grünen-Chef ein Narrativ, das mindestens so alt ist wie der Einigungsvertrag: jenes vom Besserwessi.

Seit der Wiedervereinigung ist das Vertrauen in die politischen Parteien und ihre Akteure im Osten traditionell niedriger als im Westen (Westen 2016: 25,2 Prozent; Osten: 17,3 Prozent). Wer es trotzdem schafft, die Ostdeutschen für sich zu gewinnen, hat eigentlich viel richtig gemacht. Habeck ist einer von denen, die das von sich behaupten können. Der Wählerzuspruch für den Grünen-Chef ist groß. Im bundesdeutschen Ranking der beliebtesten Politiker steht Habeck aktuell auf Platz drei - das schafft niemand ohne den Osten. Auch dort verfängt seine unaufgeregte, spontane Art. Habeck ist kein routinierter Polit-Rhetoriker. Er redet, wie er denkt. Das hat ihm in der Vergangenheit viele Sympathien eingebracht - nun offenbart es auch seine Schwächen.

*Datenschutz

Der grüne Shootingstar ist übers Ziel hinausgeschossen. Indem er den Thüringern mit seiner missglückten Wortwahl die demokratische Grundkompetenz abgesprochen hat, verprellte er womöglich nicht nur jene, die sich ohnehin von der westdeutsch dominierten Bundespolitik nicht ernst genommen fühlen. Für seine Partei kommt der Fehlgriff zur Unzeit. Erreichten die thüringischen Grünen in den Umfragen lange gerade mal die Sechs-Prozent-Marke, liegen sie aktuell bei rekordverdächtigen zwölf Prozent - und damit gleichauf mit der SPD. Erste Versuche der Schadensbegrenzung fielen dennoch holprig aus. Habeck sei falsch verstanden worden, hieß es vonseiten der Partei. Der 49-Jährige selbst schob dem rauen Ton auf Twitter eine Mitschuld zu - eine Verteidigungsstrategie ganz nach dem Motto #Mausgerutscht.

Gegen den Vorwurf der Ost-Ressentiments kann sich Habeck aber durchaus glaubhaft wehren - immerhin ist Thüringen nicht das erste Bundesland, das er niedermacht. Schon im vergangenen Wahlherbst hatte er die Volkssouveränität in Bayern unter CSU-Führung infrage gestellt. "Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern!", hatte er erklärt, nachdem die Christsozialen ihre Mehrheit im Landtag verloren hatten. "Wie dumm muss man sein, einen Fehler zweimal zu begehen?", fragte er nun in einer Erklärung. Und die Frage ist durchaus berechtigt. Demokratie ist eben auch ohne die Grünen möglich - ob in Bayern, Thüringen oder anderswo. Anstatt also reumütig seine Social-Media-Kanäle zu löschen, sollte Habeck besser sein Politikverständnis überdenken.

Quelle: n-tv.de