Politik

Neue Bewegungen im Ukraine-Krieg Russland greift nach Sjewjerodonezk

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Brutaler Eroberungskrieg in der Ukraine: Pro-russische Truppen rollen Ende Mai durch das zerstörte Popasna.

(Foto: REUTERS)

Im Osten der Ukraine toben heftige Gefechte: Gleich an mehreren Stellen der Front rückt die russische Militärmaschinerie langsam, aber scheinbar unaufhaltsam vor. Wie lange können die Ukrainer der Übermacht noch standhalten? Ein Blick auf die Karte zeigt größere russische Erfolge.

Im Kampf gegen die russische Invasionsarmee gerät das ukrainische Militär im Osten des Landes zunehmend unter Druck. Im Frontbogen rund um Slowjansk, Kramatorsk und Bachmut dringen russische Truppen an mehreren Durchbruchsstellen tiefer ins Hinterland vor. Die blutig erkauften Geländegewinne sind zwar bislang noch überschaubar. Doch durch das russische Vorgehen geraten wichtige Versorgungslinien der Ukrainer zunehmend in Gefahr.

An der Donbass-Front sehen sich die ukrainischen Verteidiger bereits von drei Seiten von angreifenden russischen Einheiten umgeben. Sollte die russische Offensive weiter vorankommen, droht den benachbarten Städten Sjewejerodonezk und Lyssytschansk über kurz oder lang die Einschließung. Aus den jeweils rund 100.000 Einwohner zählenden Industriestandorten könnte dann ein zweites Mariupol werden.

Das russische Vorgehen in der Region folgt offenkundig einer neuen Strategie: Anders als in den ersten Wochen des Angriffskrieges wagen die Militärplaner des Kreml keine kühnen Vorstöße mehr. Stattdessen setzen die Russen auf ihre militärische Übermacht und auf den brachialen Dauerbeschuss aus allen Rohren. Erkannte ukrainische Stellungen werden mit Artillerie, Mörsergranaten und Raketengeschossen eingedeckt, bis sich kein Widerstand mehr regt. Erst dann rücken russische Panzer vor.

Das Problem: Die Kampfhandlungen machen vor bewohnten Gebieten nicht Halt. Im Gegenteil: Städte und Siedlungen bieten den Verteidigern in der Regel gute Deckung. Wichtige Bahn- und Straßenverbindungen laufen mitten durch die Ortschaften. Das russische Trommelfeuer trifft unterschiedslos militärische Ziele und zivile Einrichtungen.

Bei Popasna zum Beispiel haben russische Truppen auf diese Weise bereits einen Keil tief in die ukrainische Frontlinie getrieben. Rund zwanzig Kilometer tief konnten die Russen bereits vordringen, und das in einer Region, in der die Ukrainer über gut ausgebaute Stellungen verfügen. Die alte "Kontaktlinie" zu den russisch kontrollierten Separatistengebieten liegt nicht weit von hier entfernt. Seit 2014 haben sich hier kriegserfahrene ukrainische Einheiten auf einen russischen Angriff vorbereitet.

Weiter nordwestlich auf der anderen Seite des Frontbogens melden russische Kämpfer unterdessen die Einnahme der Kleinstadt Lyman. Ukrainische Stellen haben hier bislang nur schwere Gefechte um diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt bestätigt. Klar ist jedoch längst, dass russisches Militär hier von Norden her in Richtung der beiden Städte Slowjansk und Kramatorsk drängt: Der Kessel beginnt sich also auch von dieser Seite her einzuschnüren.

Kesselschlacht um Sjewjerodonezk?

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Das umkämpfte Lyman liegt westlich des noch von ukrainischen Truppen kontrollierten Ballungsraums um die Großstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk. Dort trennt der Fluss Siwerskyi Donez als natürliche Barriere die noch von den Ukrainern gehaltenen Teile des Donbass von den russisch besetzten Gebieten. Mit dem Fall von Lyman wird die Versorgung des ukrainischen Militärs bei Sjewjerodonezk schwieriger: Die Nachschubrouten führen nun durch einen Korridor, der nordöstlich von Bachmut nur noch weniger als 50 Kilometer breit ist.

Dem russischen Dauerbeschuss haben die an Material, Gerät und Munition unterlegenen Verteidiger im Osten der Ukrainer bisher wenig entgegenzusetzen. Die russische Offensive kam in den vergangenen Tagen in kleinen Schritten immer weiter voran. Zeitweise kamen russische Einheiten sogar bereits der Hauptverkehrsanbindung nach Sjewjerodonezk gefährlich nahe. "Die russischen Besatzer feuern weiter auf unsere Positionen", heißt es dazu im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs. Zwischen den Zeilen ist in den knappen Formulierungen der Ernst der Lage deutlich zu spüren. "Der Feind versucht, in Richtung Bachmut vorzudringen, unsere Versorgungsrouten zu unterbrechen und unsere Einheiten vom Gros der ukrainischen Streitkräfte abzuschneiden."

Quelle: ntv.de

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