Politik

IS-Anhänger tötet vier Menschen So verlief die Terrornacht von Wien

Unmittelbar vor der neuen Corona-Ausgangssperre in Wien halten sich viele Menschen in einem beliebten Ausgehviertel der österreichischen Hauptstadt auf. Dann schießt ein Mann an mehreren Orten wahllos um sich. Die Terrorattacke kostet mindestens vier Passanten das Leben.

Hunderte Menschen flanieren am Montagabend durch das Wiener Ausgehviertel "Bermuda-Dreieck". Plötzlich fallen Schüsse. Mehrere Menschen sterben durch die Gewalttat eines Islamisten im Zentrum der österreichischen Hauptstadt. Wenige Zeit später spricht Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz von einem "widerwärtigen Terroranschlag". Eine Rekonstruktion der Terrornacht von Wien:

Zum Zeitpunkt des Anschlags gegen 20 Uhr sind bei mildem Novemberwetter viele Menschen auf den Straßen im historischen Zentrum der Zwei-Millionen-Stadt unterwegs. In wenigen Stunden soll die neue Corona-Ausgangssperre in Kraft treten. Noch einmal genießen die Wiener das bunte Treiben in ihrer Stadt. Dann geschieht das Unfassbare: Zeitversetzt fallen mehrere Schüsse. Die Polizei wird später von sechs Tatorten sprechen. Lange ist unklar, ob es sich um einen Einzeltäter handelt oder ob es Mittäter gibt.

Sofort gehen bei der Polizei Notrufe ein: Ein Mann schieße mit einer Schrotflinte auf Passanten, erklärt Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl später. Die Beamten rücken Richtung Seitenstettengasse aus. Dort befinden sich die Hauptsynagoge und viele beliebte Lokale, Bars und Restaurants. In dem Viertel treffen die Beamten auf einen Schützen. Die Polizei erwidert das Feuer - ein Beamter wird getroffen und schwer verletzt.

Schnell kursieren im Internet erste Videos. Sie zeigen einen anscheinend wahllos um sich schießenden Mann, der maskiert ist. Vor einem Restaurant ist eine große Blutlache. Die Polizei appelliert an die Menschen: "KEINE Videos und Fotos in sozialen Medien posten, dies gefährdet sowohl Einsatzkräfte als auch Zivilbevölkerung!" Die Polizei sei "mit allen möglichen Kräften im Einsatz".

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Wenig später kreisen die ersten Hubschrauber über der Stadt, es herrscht Ausnahmezustand. Gerüchte machen die Runde, dass es an mindestens fünf weiteren Orten Schießereien geben soll: am Morzinplatz, Salzgries, Fleischmarkt, Bauernmarkt und am Graben. Die Nervosität steigt. Verunsicherte Passanten heben die Hände. So sollen die Polizisten sehen, dass sie unbewaffnet sind. Neue Gerüchte besagen, dass zumindest einer der Täter einen Sprengstoffgürtel trage. Es ist eine Vermutung, die sich bewahrheitet: Am Morgen erklärt Innenminister Karl Nehammer, dass der Angreifer mit einem automatischen Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete bewaffnet ist - und eine Sprengstoffgürtel-Attrappe trägt.

Bei ntv erzählen Zeugen, sie hätten hinter den Geräuschen der Schüsse Feuerwerk vermutet. Ein Mann berichtet davon, "20 bis 25 Schüsse" gehört zu haben. Eine der Kugeln traf einen Fahrradfahrer, der zu Boden stürzte. Dann sei die Polizei angekommen und es habe weitere, kurze Schusswechsel gegeben. Am Schwedenplatz habe er dann den mutmaßlichen Täter liegen sehen, der von der Polizei angeschossen wurde, sagte er weiter.

Bereits um 20.09 Uhr wird der mutmaßliche Täter "neutralisiert", wie Polizeipräsident Pürstl später erklärt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Rede von einem Todesopfer und mehr als einem Dutzend Verletzten. "Der Angriff läuft noch", sagt Innenminister Nehammer hörbar unter Anspannung in einer Sonder-Nachrichtensendung des ORF. Mittlerweile ist auch die Armee mit Soldaten in der historischen Innenstadt im Einsatz. Das österreichische Bundesheer habe den gesamten Objektschutz in der Hauptstadt übernommen, wird Kurz einen Tag später sagen. So könne die Polizei mit allen verfügbaren Kräften ermitteln und mögliche weitere Täter und Hintermänner "jagen".

Innenstadt als "rote Zone"

Noch am Abend bedienen die Verkehrsbetriebe im Innenstadtbereich keine Haltestellen mehr. "Bleiben Sie in Sicherheit, verlassen Sie öffentliche Orte umgehend", twittert die Polizei. Die Innenstadt gilt als "Rote Zone". Die Straßen im Zentrum leeren sich schnell, vereinzelte Passanten gehen mit schnellerem Schritt vorbei. Vor einer Bar einige Straßen stadtauswärts des Rings sitzen noch einige Gäste, fast jeder von ihnen schaut gebannt auf sein Smartphone.

Unterdessen gibt es erste Erfolge: Ermittler durchsuchen die Wohnung des Täters. Mit Sprengstoff verschaffen sie sich Zutritt, wie der Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, Franz Ruf, später erklärt. Dem ORF zufolge liegt nahe, dass sich die Wohnung im Bezirk Simmering im Südosten Wiens befindet. Ruf dementiert nicht.

Gegen 23.30 Uhr - dreieinhalb Stunden nach den ersten Schüssen - verurteilt Bundeskanzler Kurz im ORF die Gewalttat. "Es ist definitiv ein Terroranschlag", sagt er. Er fordert die Menschen weiter auf, an einem sicheren Ort zu bleiben. "Ob es möglich ist, morgen in der Früh ganz normal das öffentliche Leben aufzunehmen, das wird stark von der heutigen Nacht abhängen, und ob es gelingt, die Verdächtigen zu fassen beziehungsweise auszuschalten." Ob die Tat einen antisemitischen Hintergrund hat, könne er "noch nicht wirklich sagen". Er spricht von 15 Verletzten.

Derweil schließt die Israelitische Kultusgemeinde alle Synagogen, koschere Restaurants, Supermärkte und Schulen. Zugleich twittert der Vorsitzende der Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, es könne nicht gesagt werden, ob der Stadttempel eines der Ziele war. "Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge in der Seitenstettengasse als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren."

Sonderministerrat tagt

Bis zum nächsten Tag steigt die Zahl der Toten auf vier. Ein älterer Herr, eine ältere Dame, ein junger Herr und eine Kellnerin, wie Kanzler Kurz erklärt. 15 Menschen seien verwundet, einige kämpften noch um ihr Leben.

Laut Innenminister Nehammer geht der Angriff auf das Konto mindestens eines islamistischen Terroristen: "Wir können derzeit nicht ausschließen, dass es noch andere Täter gibt", hatte er bereits am Morgen gesagt. Der Attentäter sei ein Sympathisant der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen. Er sei 20 Jahre alt und einschlägig vorbestraft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Er habe neben der österreichischen auch die nordmazedonische Staatsbürgerschaft besessen. Nehammer appelliert weiter an die Wiener, möglichst zu Hause zu bleiben und die Innenstadt weiterhin zu meiden. Die Schulpflicht in Wien wird für zwei Tage ausgesetzt.

Um 9 Uhr tagte der Sonderministerrat. "Es war ein Anschlag aus Hass, aus Hass auf unsere Grundwerte, aus Hass auf unser Lebensmodell, aus Hass auf unsere Demokratie", sagt der Innenminister anschließend in einer TV-Rede. Die Menschen seien "aus nächster Nähe kaltblütig von dem Attentäter getötet worden". Kanzler Kurz sagt: "Die Nacht wird auf tragische Weise in unsere Geschichte eingehen."

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Quelle: ntv.de, cri/dpa/AFP