Politik

Fall von Kabul vor einem Jahr Taliban-Rückkehr ist "größte moralische Niederlage"

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Kabul im August 2021: Die Taliban haben die Stadt kampflos eingenommen, sie regieren jetzt wieder Afghanistan.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Als die Taliban im August vergangenen Jahres in Kabul einmarschierten, begann eine chaotische Evakuierungsmission. Die Ursachen für das Scheitern liegen laut dem Afghanistan-Experten Ruttig aber weiter zurück. Es habe sich über viele Jahre angedeutet, dass es zu diesem Ende kommen würde, sagt er.

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig sieht das Scheitern der internationalen Mission in dem Land in einem "Ursachen-Cocktail" begründet. Auf die Frage, warum die internationale Gemeinschaft den schnellen Vormarsch der Taliban vor einem Jahr so unterschätzt habe, sagte er ntv.de: "Weil man sich selber überschätzt und die Taliban systematisch klein geredet hat." Die eigenen Erfolge seien dagegen übertrieben dargestellt worden. "Es war ja nicht so, dass das Land erst in den Monaten vor dem Fall Kabuls in die Hände der Taliban gefallen ist. Vielmehr stand ein Großteil des Landes, vor allen Dingen die ländlichen Gebiete, schon lange unter ihrer Kontrolle oder zumindest ihrem Einfluss."

Es habe sich über viele Jahre angedeutet, dass es zu diesem Ende kommen würde, sagte Ruttig. "Dass das nicht erkannt wurde, hat mit politischen Fehleinschätzungen zu tun, mit der fehlenden politischen Bereitschaft, größere oder systemische Probleme zuzugeben. Zudem haben Korruption und Vertuschung auf afghanischer Seite dazu beigetragen." Bei den afghanischen Streitkräften habe es nach wie vor Leute gegeben, die Waffen und Munition an die Taliban verkauft haben. "Es ist also ein breiter 'Ursachen-Cocktail'."

Vor einem Jahr, am 15. August 2021, hatten die Taliban kampflos die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen und damit nach 20 Jahren Krieg wieder die Herrschaft über das Land errungen. Zuvor hatten sie innerhalb weniger Monate mehrere Provinzen erobert und die Regierungstruppen immer weiter zurückgedrängt. Nach der Einnahme Kabuls folgte eine chaotische Evakuierungsmission der internationalen Gemeinschaft.

"Die größte moralische Niederlage"

Mit der Bundeswehr-Mission zur Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen sowie Ortskräften soll sich auch ein Untersuchungsausschuss des Bundestags beschäftigen, der kürzlich eingesetzt wurde. Ruttig kritisierte jedoch, dass der U-Ausschuss lediglich die Evakuierungsmission behandeln soll. "Insgesamt halte ich es für viel wichtiger, den gesamten Prozess in Afghanistan zu beurteilen, nicht nur die Evakuierungsmission", sagte er ntv.de. "Der Zusammenbruch am Ende interessiert mich weniger, denn wenn man nur aufs letzte Jahr sieht, wird man die Ursachen nicht erkennen. Diese liegen zum großen Teil sehr viel weiter zurück", so Ruttig, der das Afghanistan Analyst Network mitgegründet hat.

"Die eigentliche Kernfrage ist aber: Wie konnte es passieren, dass die Taliban zurück an die Macht kommen konnten? Das ist die größte moralische Niederlage des Westens." Deutschland sei Teil dieser großen Koalition gewesen, "und es gibt bereits Anzeichen dafür, dass mancher Politiker die Schuld auf die Amerikaner abwälzen und die eigene Mitverantwortung kleinreden möchten". Er hoffe, dass sowohl im Untersuchungsausschuss als auch der Enquete-Kommission zu Afghanistan "eine wirklich umfassende Aufarbeitung nicht durch jene Parteien verhindert wird, die den Afghanistaneinsatz über die vergangenen zwei Jahre getragen haben - das sind alle Bundestags-Parteien außer Linke und AfD", so Ruttig.

Zudem hofft Ruttig, dass die Versprechen, die in der Umbruchzeit im vergangenen Sommer gemacht wurden, umgesetzt werden. "Dass also alle Ortskräfte, ohne bürokratisches Ausklammern mancher Gruppen, aus dem Land geholt werden." Das Gleiche gelte für die Menschen auf der sogenannten Menschenrechtsliste, die ebenfalls zu früh geschlossen worden sei. "Wie lange will man diesen Menschen noch zumuten, unter den Bedingungen der Taliban überleben zu müssen?"

An politischer Erfahrung gewonnen

Bei den neuen Herrschern in Afghanistan sieht Ruttig, der selbst lange Zeit in dem Land gelebt hat, "mehr Parallelen und Kontinuitäten als Unterschiede" zum Regime zwischen 1996 und 2001. Beim derzeitigen Führungspersonal "gibt es viele, die schon vor 2001 in hohen Positionen gewesen sind, oder in manchen Fällen auch deren enge Verwandte", sagte er. "Die Hauptparallele zu der Zeit vor 2001 ist für mich die Konzentration der Taliban auf ideologische Fragen und ihre Konzentration auf das islamische Recht."

Gleichzeitig hätten die Taliban seit ihrem Sturz 2001 an politischer Erfahrung hinzugewonnen. "In ihrer jungen Generation gibt es viele gut Gebildete. Sie sind durchaus bemüht, in bestimmten Bereichen konstruktiv zu arbeiten, zum Beispiel in der Wirtschaftspolitik, oder dabei, offizielle Beziehungen mit der Außenwelt herzustellen", so der Experte.

Laut Ruttig gibt es nach der Machtübernahme vor einem Jahr "keine größere Demobilisierung oder Abwanderungsbewegungen" bei den Taliban. "Afghanistans sehr schwache Wirtschaft hätte auch kaum Aufnahmekapazitäten. (…) Die Kämpfer können also gar nicht in ihre Dörfer zurückkehren. Würden sie massenhaft nach Hause geschickt, obwohl sie dort kaum überleben könnten, drohten Revolten." Das wisse natürlich auch die Taliban-Führung, so Ruttig. Diese versuche deswegen, "die Leute als Polizisten, Armeeangehörige oder in anderer Weise weiterzubezahlen".

Quelle: ntv.de, mli

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