Politik

Impfstoff nicht in EU zugelassen Ungarn schert aus und ordert Sputnik V

220318958.jpg

Keine Liebesgeschichte: Viktor Orban und die EU.

(Foto: picture alliance/dpa/AFP Pool/AP)

Schon bei der Zulassung des Biontech-Impfmittels regt sich Kritik am langsamen EU-Zulassungsverfahren. Die Ungarn warten nicht länger und beschaffen sich weitere Mittel im Alleingang. Die Freigabe der Medikamente Sputnik V und Astrazeneca ist dabei erst der Anfang.

Als erstes EU-Land kauft Ungarn den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V, obwohl dieser in der Europäischen Union bislang keine Zulassung hat. Ein entsprechender Vertrag sei unterzeichnet worden, teilte der ungarische Außenminister Peter Szijjarto am Rande von Gesprächen in Moskau mit. Der Impfstoff solle in drei Tranchen geliefert werden, erklärt er in einem Video auf seiner Facebook-Seite. Details über das Volumen der Lieferungen würden später bekannt gegeben.

Die wegen der Beschneidung von Grundrechten und ihrer rigiden Migrationspolitik in Brüssel umstrittene Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban schert damit einmal mehr aus der EU-Linie aus. Die 27 Länder bemühen sich bislang um eine gemeinsame Impfstrategie. Die Kommission koordiniert die Anschaffung der Mittel.

*Datenschutz

Der europäischen Arzneibehörde EMA obliegt die Freigabe der Mittel. Auch in Deutschland war angesichts der im Vergleich zu anderen Ländern verzögerten Freigabe des Biontech-Mittels eine Debatte über das gemeinsame Vorgehen losgebrochen. Kritiker konnten die Langwierigkeit des Prüfverfahrens sowie vergleichsweise geringe Bestellmengen nicht nachvollziehen. Die Bundesregierung warnte ihrerseits vor "Impf-Nationalismus" und beschwor den europäischen Zusammenhalt.

Kritik an EU-Verfahren auch in Deutschland

Nach den Worten Orbans kann erst dann über eine Aufhebung der Beschränkungen des öffentlichen Lebens gesprochen werden, wenn eine Massenimpfung möglich ist. Dies erreiche man am besten, indem man mehrere Impfstoffe zulasse, sagte Orban im staatlichen Hörfunk. Denn dann würde der Wettbewerb die Hersteller zwingen, ihre Lieferungen zu beschleunigen. "Wir brauchen keine Erklärungen, wir brauchen Impfstoffe."

Erst vor wenigen Tagen hatte die ungarische Arzneiaufsicht dem russischen Mittel sowie dem Impfstoff des britischen Pharmakonzerns Astrazeneca eine vorläufige Zulassung erteilt. Die EMA hat bislang beide Vakzine nicht zugelassen. Die Vorschriften der in Amsterdam ansässigen EMA sehen vor, dass nationale Behörden in Dringlichkeitssituationen Impfstoffe freigeben können.

Ungarn informierte sich in Russland

Der Kabinettschef des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban, Gergely Gulyas, hatte die Ankündigung der vorläufigen Zulassungen für Sputnik V und Astrazeneca mit einer Kritik an der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA verknüpft: Diese treffe ihre Entscheidungen zur Eindämmung der Corona-Krise "unglücklicherweise außerordentlich langsam". Ungarische Ärzte hätten sich seit Wochen in Moskau aufgehalten, um sich dort über das Vakzin Sputnik V zu informieren, sagte Gulyas.

Ungarn erhielt laut Gulyas inzwischen 330.000 Impfstoff-Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna. Das sind derzeit die beiden einzigen in Europa zugelassenen Vakzine. Der von Astrazeneca angebotene Impfstoff könne noch nicht verimpft werden, weil die EMA dies nicht genehmigt habe. Eine Entscheidung über das von Astrazeneca und der Universität Oxford entwickelte Mittel wird für den 29. Januar erwartet.

Ungarische Ärzte auch China-Mission

Russland hatte über die Verfügbarkeit des Vakzins Sputnik bereits im August informiert. Allerdings lagen zu diesem Zeitpunkt noch keine Berichte über klinische Tests mit dem Impfstoff vor. Inzwischen beanspruchen die Entwickler von Sputnik V eine Zuverlässigkeit von mehr als 90 Prozent. Laut den russischen Behörden wurde Sputnik schon in Serbien, Weißrussland, Venezuela, Bolivien und Algerien zur Impfung freigegeben.

Ungarn will auch großflächig den Corona-Impfstoff einsetzen, der von dem chinesischen Pharma-Giganten Sinopharm angeboten wird. Von dem Sinopharm-Vakzin bestellte Ungarn laut Gulyas eine Million Impfstoff-Dosen. Ungarische Prüfer hielten sich derzeit in Peking auf. Ungarn hat 9,8 Millionen Einwohner. "Wir hoffen, dass in Ungarn Impfstoffe aus möglichst vielen Ländern und in möglichst großer Menge zur Verfügung stehen werden", sagte Gulyas. Bislang verzeichnete das Land rund 11.700 Corona-Todesfälle.

Quelle: ntv.de, shu/rts/AFP