Politik

Abwehrversuch bleibt wirkungslos Warum flüchten Menschen vom Balkan?

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Miganten unterschiedlicher Herkunft warten an der ungarisch-serbischen Grenze. Durch die Balkan-Länder verlaufen auch Fluchtrouten aus dem Nahen Osten.

(Foto: REUTERS)

Bosnien, Mazedonien und Serbien gelten seit Ende 2014 als "sichere Herkunftsstaaten". Dennoch hat sich die Zahl der Asylbewerber von dort nicht verringert. Die Aussichten in diesen Ländern sind zu schlecht, der Weg nach Deutschland zu einfach.

Im November 2014 war Mazedonien zum "sicheren Herkunftsstaat" erklärt worden. Das soll Asylverfahren beschleunigen und damit auch den Flüchtlingsstrom verringern. Dennoch kamen im den ersten sechs Monaten dieses Jahres 4200 Menschen aus Mazedonien nach Deutschland und beantragten hier Asyl. Mazedonien liegt damit auf Platz sieben der Herkunftsstaaten von Asylbewerbern. Auch aus anderen Balkanländern wie Kosovo, Albanien und Serbien kommen viele Menschen.

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Amdi Bajram

(Foto: dpa)

Viele von den Balkan-Flüchtlingen sind Roma. Deren Lage habe sich in den letzten Jahren "dramatisch verschlechtert", sagt Ljatife Shikovska von der mazedonischen Roma-Hilfe "Ambrela". In dem kleinen Balkanland seien etwa 5000 von ihnen ohne Personalpapiere und damit ohne Sozial- und Krankversicherung. Sie haben keinen Zutritt zum Bildungssystem und zum Arbeitsmarkt. "Es kommt zu grotesken Situationen, wenn Roma wegen Straftaten ins Gefängnis müssen, ohne dass ihre Identität festgestellt wurde." Amdi Bajram ist der führende Roma-Politiker des EU-Beitrittskandidaten Mazedonien und sitzt sogar im Parlament. Er kann die Massenflucht seiner Landsleute nach Deutschland nachvollziehen. Praktisch alle seien arbeitslos. Mit der staatlichen Sozialhilfe von 20 Euro pro Person kann man nicht überleben. Von fünf Euro pro Tag durch Papier- und Metallsammeln erst recht nicht. Die Leute verkauften ihre bescheidenen Behausungen zu Spottpreisen, um die Reise nach Deutschland zu finanzieren. "Hier gibt es für sie keine Perspektive."

Zeitungen in Montenegro zitieren deutsche Bürgermeister

Herkunftsländer von Asylbewerbern Januar bis Juni 2015

Syrien: 32.472
Kosovo: 28.672
Albanien: 21.806
Serbien: 10.126
Irak: 8331
Afghanistan: 7932
Mazedonien: 4182
Eritrea: 3582
Nigeria: 2805
Pakistan: 2701
sonstige: 37.318

Quelle

Die Folge: In der größten Roma-Siedlung in Europa, im Skopje-Stadtviertel Sutka, hat jede Familie Kontakte nach Deutschland. Die Dörfer rund um Strumica im Süden des Landes - ebenfalls eine Roma-Hochburg - sind leer, berichten Menschen aus der Region.

Nicht nur Roma strömen aus Südosteuropa nach Deutschland. Im Frühjahr machten sich Zehntausende Albaner aus dem Kosovo auf den Weg. Sie waren nach Parlamentswahlen maßlos enttäuscht, dass sich die beiden eigentlich tief verfeindeten größten Parteien zu einer Regierungskoalition zusammengeschlossen hatten. Das wurde als Zeichen gewertet, dass keine Besserung des miserablen tagtäglichen Lebens zu erwarten ist. "Die bis ins Mark korrupten Politiker wollen das Land nur noch mehr ausrauben", begründeten viele Flüchtlinge ihre Motive.

Auch aus dem kleinen Montenegro, ebenfalls EU-Beitrittskandidat, kommen Tausende Migranten nach Deutschland. Zählungen in bitterarmen Städten wie Rozaje und Bijelo Polje brachen in den ersten sechs Monaten des Jahres 6200 Menschen Richtung Deutschland auf. In montenegrinischen Zeitungen wurden die Bürgermeister von Braunschweig und Goslar zitiert, Zuwanderung sei sehr willkommen. Dass der größte Teil der über 6000 Menschen in Niedersachsen untergekommen sei, wird von den Behörden dort allerdings bestritten.

Mazedonier bekommen Pässe in Bulgarien

Viele Menschen aus Bosnien-Herzegowina können ganz regulär nach Deutschland reisen. Denn in Bosnien leben viele Kroaten, die nicht nur einen bosnischen, sondern auch einen kroatischen Pass haben. Und als EU-Bürger genießen Kroaten Reisefreiheit. Ganze Dörfer rund um die Städte Livno, Tomislavgrad, Kupres, Drvar und Grahovo sollen fast leer sein. Bei einer Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen von bis zu 67 Prozent will praktisch jeder weg.

Den Vorteil von EU-Pässen wollen auch viele Mazedonier nutzen, die sich als Angehörige der bulgarischen Minderheit ausgeben und Dokumente im Nachbarland Bulgarien erwerben. 100.000 sollen es sein, berichten Medien.

Die Regierungen all dieser Länder, denen die Bürger den Rücken kehren, reagieren uninteressiert, lustlos oder genervt auf dieses für sie unangenehme Thema, berichten deutsche Diplomaten in der Region. Dabei liege die Aufgabe, die Lage der Armen und Perspektivlosen zu verbessern, in erster Linie doch bei den jeweiligen nationalen Behörden. Es sei skandalös, dass sich Ende August in Wien wieder die Spitzen der Balkanländer mit EU-Vertretern zu einem Gipfel treffen und gleichzeitig zu Hause nicht ihre Aufgaben erledigten.

Quelle: n-tv.de, Thomas Brey, dpa

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