Politik

Zukunft ohne Großbritannien Was Europa verloren geht

Punkt Mitternacht schieden die Briten aus einem der größten Politikprojekte der Menschheitsgeschichte aus. Die Europäische Union zählt künftig nur noch 27 Mitglieder. Wie stark verändert der Brexit Europa? Und was heißt das für Deutschland?

Der EU-Austritt Großbritanniens trifft Europa an empfindlicher Stelle: Erstmals überhaupt scheidet ein Mitglied aus der Europäischen Union aus. Das politische Großprojekt EU, dessen Wurzeln tief in die europäische Nachkriegsgeschichte zurückreichen und das bislang nur Erweiterungen kannte, muss den bislang schwersten Rückschlag hinnehmen.

Wie einschneidend der Rückzug der Briten die europäische Gemeinschaft verändert, zeigt sich schon bei einem Blick auf die Bevölkerungsdaten: Auf einen Schlag verliert die Union in der Nacht auf Samstag 13 Prozent ihrer bislang knapp 513,5 Millionen Einwohner.

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Zum Brexit-Stichtag am 31. Januar um Mitternacht müssen rund 66,6 Millionen Europäer ihren Status als EU-Bürger aufgeben. Zum Vergleich: In Deutschland leben laut Daten des europäischen Statistikamts Eurostat etwas mehr als 83 Millionen Menschen. Die EU schrumpft durch den Rückzug der Briten von bislang 28 auf künftig nur noch 27 Mitgliedsstaaten.

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Ab Mitternacht verringert sich jedoch nicht nur die Zahl der EU-Bürger. Zugleich schwillt der relative Bevölkerungsanteil Deutschlands deutlich an. Dadurch dürfte sich über kurz oder lang auch das politische Gewicht der schon jetzt stärksten Wirtschaftsmacht Europas verändern.

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Bis zum Brexit-Stichtag stellten die Deutschen noch einen Anteil von lediglich 16 Prozent aller EU-Bürger. Ab diesem Samstag jedoch bekommt Deutschland mehr Gewicht: Künftig stammt fast jeder fünfte Einwohner der EU aus Deutschland, hier wohnen ab sofort 19 Prozent aller EU-Bürger. In ihrer neuen Gestalt als EU-27 wird die Union noch immer knapp 447 Millionen Einwohner umfassen - rund 120 Millionen Menschen mehr als die USA.

Wie sehr sich der Verlust der Schwungmasse Großbritanniens langfristig auf die wirtschaftliche Entwicklung Europas auswirken wird, ist dagegen noch vollkommen unklar. Die neuen Beziehungen zwischen der EU und der Handels- und Industrienation auf der Insel soll - nach dreieinhalb Jahren Brexit-Debakel - innerhalb einer einjährigen Übergangsfrist geklärt werden. Experten zweifeln, dass es bis zum Jahresende 2020 wirklich zu umfassenden Regelungen auf allen Ebenen kommen wird. Geklärt werden müssen nämlich nicht nur einfache Rechts- und Zollfragen, sondern auch komplexe Probleme wie zum Beispiel der Umgang mit der neuen EU-Außengrenze zwischen Nordirland und Irland.

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Sicher ist bislang nur, dass dem europäischen Binnenmarkt durch den britischen EU-Austritt ein großer Brocken verloren geht: Die jährliche Wirtschaftsleistung der EU insgesamt wird sich - basierend auf den Daten aus dem Vergleichsjahr 2018 - durch den Brexit um rund ein Sechstel verringern.

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Vorausgesetzt, die nationale Wirtschaftskraft kann sich auf beiden Seiten des Ärmelkanals ungestört weiterentwickeln wie bisher, dann zeichnen sich auch hier gravierende Veränderungen durch den Brexit ab: Die ökonomischen Machtverhältnisse innerhalb der EU verschieben sich - falls es keine größeren Verwerfungen gibt - rein rechnerisch kräftig zugunsten Deutschlands.

Die deutsche Wirtschaft trägt künftig zu einem vollen Viertel zur EU-Wirtschaftsleistung bei. 2018 entsprach der deutsche Anteil von 25 Prozent am gesamten Bruttoinlandsprodukt der 27 verbleibenden EU-Staaten einem Volumen von 3,344 Billionen Euro. Großbritannien kam in diesem Vergleichsjahr umgerechnet nur auf 2,424 Billionen Euro. Die Wirtschaftsleistung der EU insgesamt (inklusive Briten) lag bei 15,908 Billionen Euro.

Ungeahnte Nebenwirkung

Der Brexit wird also die Bedeutung Deutschlands innerhalb Europas stärken. Doch ob sich daraus auch konkrete politische Vorteile ergeben, muss sich noch zeigen. Denn das neue deutsche Gewicht in der verkleinerten EU kommt zunächst höchstens indirekt zum Tragen. Von der anstehenden Neuverteilung der Sitze im europäischen Parlament zum Beispiel sollen die Deutschen bisher vorliegenden Plänen zufolge nicht profitieren.

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Ab dem 1. Februar 2020 sind im EU-Parlament nur noch 705 statt bislang 751 Abgeordnete vertreten. 27 der bisher 73 britischen Sitze werden auf andere Mitgliedstaaten umverteilt. Die Namen der Nachrücker ergeben sich aus den jeweiligen Ergebnissen der zurückliegenden Europawahl auf nationaler Ebene.

Die übrigen 46 Sitze werden für mögliche künftige EU-Erweiterungen in Reserve gehalten. Einige Mitgliedstaaten wie etwa Frankreich dürfen künftig fünf zusätzliche EU-Parlamentarier stellen. Andere EU-Mitglieder, darunter auch Deutschland, gehen bei dieser Neuverteilung leer aus.

Quelle: ntv.de