Politik

Russen zum Rückzug gezwungen Wende im Krieg? Ukrainer brechen bei Balaklija durch

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Ukrainische Soldaten, hier bei Bachmut.

(Foto: REUTERS)

Überraschende Bewegungen in der Ukraine: Die ukrainischen Vorstöße bei Charkiw kommen offenbar sehr viel besser voran als erwartet. Putins Invasionsarmee gerät gleich an mehreren Stellen der mehr als 1000 Kilometer langen Frontlinie unter Druck. Wo genau wird in der Ukraine aktuell gekämpft?

Der Krieg in der Ukraine tritt in eine neue Phase ein: Die "militärische Spezialoperation", wie der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine in Moskau noch immer offiziell genannt wird, läuft aus der Sicht des Kreml offenkundig alles andere als nach Plan.

Die russischen Invasoren sehen sich mehr als sechs Monate nach Kriegsbeginn mit unerwartet heftigen ukrainischen Gegenangriffen konfrontiert. In den letzten Tagen konnten die Ukrainer die russischen Truppen gleich an mehreren Frontabschnitten zum Rückzug zwingen. Anders als von vielen westlichen Experten erwartet, sind die ukrainischen Streitkräfte offenbar doch zu größeren Offensiv-Operationen fähig.

Die ukrainischen Vorstöße bringen Putins Soldaten dadurch massiv in Bedrängnis und das nicht nur im Raum Cherson: Die Ukrainer rücken mittlerweile auch mehrere Hundert Kilometer weiter nordöstlich im Raum Charkiw vor. Dort weitete sich der ukrainische Angriff auf Balaklija offenbar zu einem größeren Frontdurchbruch aus. Ukrainische Angriffsspitzen sind unbestätigten Angaben zufolge dort bereits sehr viel weiter vorgedrungen als bislang bekannt.

Im Netz kursierten zum Beispiel bereits Aufnahmen, die ukrainische Kämpfer bei Wolochiw Jar zeigen. Die Siedlung liegt rund 16 Kilometer weiter nordöstlich von Balaklija in Richtung Kupjansk. Die Ortschaft hat größere strategische Bedeutung: Dort verläuft unter anderem auch die Fernstraße von Charkiw nach Isjum. Wenn sich die Ukrainer dort halten können, wäre eine der wichtigsten Nachschubrouten für russische Kräfte in der Region Isjum unterbrochen.

Übereinstimmenden Berichten zufolge kommt auch die groß angekündigte Offensive an der Cherson-Front weiter voran. Die ukrainische Führung hält sich zu den Fortschritten zwar bislang bedeckt. Aus Kiew gibt es bisher keine offiziellen Angaben zur Aufstellung ukrainischer Kräfte. Es gibt allerdings indirekte Belege, wo die Frontlinien zwischen ukrainischen und russischen Stellungen verlaufen: Im Lagebericht des Generalstabs in Kiew tauchen in der Auflistung der unter russischem Beschuss stehenden Siedlungen täglich mehr Ortsnamen auf, die sich bis vor Kurzem noch komplett in russischer Hand befanden.

Die ukrainischen Truppen befinden sich demnach in der Region Cherson an mindestens drei Frontabschnitten auf dem Vormarsch. Schwere Gefechte werden unter anderem aus den Kampfgebieten zwischen Mykolajiw und der Regionalmetropole Cherson, aus dem Frontbogen bei Kostromka nordöstlich von Cherson und aus den Siedlungen südlich von Wyssokopillja gemeldet. Die russische Besatzungsarmee kämpft dort mit dem Rücken zum Dnipro. Ukrainische Luftschläge haben alle Straßenverbindungen zum östlichen Dnipro-Ufer gekappt. Die letzten Fährverbindungen stehen unter Beschuss.

Wie katastrophal sich die militärische Lage für Russland darstellt, ist bislang noch unklar. Offenkundig jedoch kommen die Ukrainer besser voran als erwartet. Das Ausmaß des Frontdurchbruchs bei Balaklija zum Beispiel scheint selbst die Erwartungen auf ukrainischer Seite übertroffen zu haben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach zuletzt ausdrücklich von den "guten Nachrichten aus der Region Charkiw", ohne dabei näher ins Detail zu gehen.

Ukrainer tief hinter den russischen Linien?

Die Streitkräfte der Ukraine seien bei Balaklija bis zu 50 Kilometer tief hinter die feindlichen Linien vorgestoßen, erklärte ein Sprecher des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte. Beobachter in westlichen Militär- und Geheimdienstkreisen zeigten sich von den Offensiv-Erfolgen der Ukrainer beeindruckt: "Wir sehen den nachweisbaren Erfolg unserer Bemühungen auf dem Schlachtfeld", fasste US-Verteidigungsminister Lloyd Austin die Lage mit Blick auf die Wirkung westlicher Waffenlieferungen zusammen.

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Militärexperten rätseln: Wie konnte den überwiegend leicht gepanzerten ukrainischen Einheiten ein Vorstoß durch russische Stellungen in diesem Tempo und in solcher Tiefe gelingen? Es gibt eine naheliegende Antwort auf diese Frage, die zumindest plausibel klingt. Der ukrainische Vorstoß scheint bei Charkiw in einem bisher vergleichsweise ruhigen Abschnitt der Front auf extrem ausgedünnte russische Linien getroffen zu sein.

Die russische Führung könnte versucht haben, durch den Abzug kampffähiger Einheiten die Schlagkraft der russischen Verbände jenseits des Dnipro zu stärken. Wie wird der Kreml auf die neue Lage reagieren? In den kommenden Tagen wird sich zeigen, inwieweit das russische Militär noch über ausreichende Reserven verfügt, um den Frontdurchbruch bei Charkiw einzudämmen und zugleich weitere Rückschläge in der Schlacht um Cherson abzuwenden.

Quelle: ntv.de

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