Politik

Britisch-russischer Agententhriller Wer mischte Litwinenkos Giftcocktail?

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Litwinenko im Jahr 2002 bei der Präsentation seines Buches "Blowing Up Russia: The Secret Plot to Bring Back KGB Terror" in London.

(Foto: AP)

Ende 2006 stirbt der Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko an einer Polonium-Vergiftung. Jahrelang stocken die Ermittlungen. Nun rollt die britische Regierung den Fall neu auf. Für Wladimir Putin könnte das Timing nicht ungünstiger sein.

So richtig bekannt wird Alexander Litwinenko erst, als er schon tot ist. Er bietet den Stoff, nach dem Schriftsteller und Filmautoren gieren. Es erscheinen Bücher und Filme über den russischen Ex-Agenten. Das Hollywood-Studio Warner Bros sichert sich die Rechte für die Verfilmung. Angeblich soll kein Geringerer als Johnny Depp die Hauptrolle übernehmen. Litwinenko hätte sich das alles wohl gerne erspart - hätte er eine Wahl gehabt.

Polonium-210

Polonium ist ein Element, das in der Natur in sehr geringen und daher ungefährlichen Mengen vorkommt. Es sendet radioaktive Strahlung aus. Diese kann unter normalen Bedingungen in größeren Mengen eine Gefahr darstellen.

Polonium gehört zu den sogenannten alpha-Strahlern. Die alpha-Teilchen kommen in der Luft nur wenige Zentimeter voran, weshalb sie schwer nachzuweisen sind - etwa bei Kontrollen am Flughafen. Im menschlichen Körper allerdings reicht die kurze Reichweite aus, um zum tödlichen Gift zu werden: Polonium zerstört das Gewebe. Es kann unter anderem über die Nahrung aufgenommen werden. 

1898 wurde das Element von Marie und Pierre Curie bestimmt und nach dem Heimatland von Marie, Polen, benannt. Der volle Name Polonium-210 kommt zustande, weil der Atomkern aus 84 Protonen (elektrisch positiv geladenes Teilchen) und 126 Neutronen (elektrisch neutrales Teilchen) besteht.

Nicht nur Litwinenkos Witwe Marina glaubt, dass der russische Staat ihren Mann ermorden ließ. Nachdem das britische Innenministerium sich jahrelang geweigert hatte, soll nun bis Ende 2015 eine Untersuchung des Todes Litwinenkos durchgeführt werden. Das Ergebnis wird mit Spannung erwartet. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage, was damals vor knapp acht Jahren in einem Londoner Hotelzimmer wirklich passiert ist. Die Wahrheit könnte unbequem werden - vor allem für die russische Regierung.

Am 1. November 2006, dem Tag, als Litwinenko vergiftet wurde, saß er mit zwei Bekannten - dem früheren Agenten Andrej Lugowoi und Geschäftsmann Dmitri Kowtun - in einem Londoner Hotel und trank Tee. Einer der beiden, so sagt der Barkeeper später, habe Litwinenko etwas in sein Getränk gesprüht. Dieser traf sich daraufhin noch mit einem italienischen Geheimdienstexperten. Der, das kommt später heraus, lieferte ihm Informationen über den Mord an Anna Politowskaja.

Doch damit konnte Litwinenko nicht mehr viel anfangen, denn kurze Zeit später musste er ins Krankenhaus. Seit Gesundheitszustand verschlechterte sich dramatisch, die Ärzte standen vor einem Rätsel. Um die Welt gingen damals die Bilder des sterbenden Litwinenko, der schon seine Haare verloren hatte. Auf dem Totenbett der Intensivstation sagte er, Russlands Präsident Wladmir Putin habe ihn töten lassen. "Die Bastarde haben mich erwischt, aber sie können nicht jeden kriegen", waren seine letzten überlieferten Worte. Am 23. November 2006 starb Litwinenko im Alter von 43 Jahren. In seinem Körper entdeckten die Ärzte radioaktive Substanz Polonium-210. War es Mord?

Eiszeit im Kreml

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Verdächtig: Ex-Agent Andrej Lugowoi.

(Foto: REUTERS)

Der Mann aus dem westrussischen Woronesch war ab 1988 für den sowjetischen Geheimdienst KGB und später für dessen Nachfolgeorganisation FSB tätig. Seit Ende der 90er-Jahre trat er zunehmend als Kritiker der russischen Regierung und dessen neuem Präsidenten Putin in Erscheinung. Er beschuldigte Moskau, Entführungen und Morde in Auftrag gegeben zu haben. Nach einer kurzen Haft floh Litwinenko 2000 nach Großbritannien, wo er politisches Asyl erhielt.

Dort soll er unter anderem für den britischen Geheimdienst MI6 aktiv gewesen sein. Litwinenko veröffentlichte außerdem sein Buch "Eiszeit im Kreml", in dem er Theorien über den Tschetschenienkrieg präsentiert. Demzufolge hätten nicht radikale Separatisten Ende der 90er-Jahre die Anschläge auf Wohnblocks und Verkehrsmittel verübt. Der russische Geheimdienst FSB selbst habe die Häuser gesprengt, um einen Vorwand für den Krieg zu inszenieren. In der russischen Regierung beobachtete man die Aktivitäten des "Verräters" mit Argwohn. Kurz vor seinem Tod soll Litwinenko einen Plan aufgedeckt haben, wie der FSB mehrere Millionen Pfund von wohlhabenden Exilrussen erpressen wollte, und mehrere Betroffene gewarnt haben. Viele von ihnen arbeiteten für Yukos. Britische Zeitungen mutmaßen nach Litwinenkos Tod, dass die Giftaffäre im Zusammenhang mit der Zerschlagung des russischen Ölkonzerns stehen könnte.

Nach 2006 wird die Affäre um Litwinenko zum Zankapfel zwischen den Regierungen in London und Moskau. Russland deckt aus britischer Sicht seit Jahren die von der britischen Staatsanwaltschaft identifizierten Hauptverdächtigen. Der ehemalige KGB-Mann Lugowoi, der im November 2006 gemeinsam mit Litwinenko Tee trank, sitzt als Abgeordneter in der russischen Duma und genießt Immunität.

Ein wenig Trost

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Auf den Spuren der Mörder ihres Mannes: Litwinenkos Witwe Marina.

(Foto: REUTERS)

Der in London lebende russische Regimegegner Boris Beresowski sagt später aus, Litwinenko habe ihm kurz vor seinem Tod gesagt, das Gift sei ihm von Lugowoi verabreicht worden. Der frühere FSB-Chef Alexander Gusak sagt der BBC, einflussreiche Kreise in Russland hätten Litwinenko als Verräter betrachtet und die Todesstrafe für den Abtrünnigen verlangt. In Hamburg werden bei vier Menschen, die mit Kowtun in Kontakt standen, Anzeichen für eine Kontaminierung mit Polonium-210 festgestellt. Auch in Logowois Zimmer im Hotel "Millenium" finden sich hohe Konzentrationen des Giftes. Sowohl Kowtun als auch Logowoi kehren angeblich strahlenkrank zurück nach Moskau und werden dort behandelt - ihre Beteiligung an dem Mord bestreiten sie aber bis heute.

Ende 2012 teilte die britische Justiz zwar mit, die Behörden hätten ausreichend Beweise für eine Verwicklung Russlands in Litwinenkos Gifttod. Doch im Mai 2013 erklärte man plötzlich, dem Verdacht auf eine Verantwortung Moskaus könne nicht nachgegangen werden. Litwinenkos Angehörige beschuldigten die Regierung daraufhin, den Kreml mittels einer geheimen Abmachung herauszuhalten.

Anfang Juli sagte die britische Innenministerin Theresa May nun, sie "hoffe, dass die Untersuchung seiner Witwe ein wenig Trost geben kann". Doch tatsächlich dürfte der Fall Litwinenko nicht nur aus reinem Wohlwollen wieder aufgerollt werden. Gerade der Zeitpunkt ist nämlich prekär. Die Untersuchung beginnt ausgerechnet in jenen Tagen, in denen die Krise zwischen der EU und Russland durch die Verhängung der harten Sanktionen ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. Zufall? Die britische Regierung sagt ja. Aber ob kalkuliert oder nicht: Der Fall Litwinenko wird den Druck auf Putin erhöhen.

Quelle: ntv.de, mit dpa