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Afrika hat ein Problem Wo sogar Kühe Plastik fressen

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Der achtjährige Joyce Njeri sammelt Plastikflaschen auf einer Müllkippe in Nairobi. (Archivbild von 2015).

(Foto: AP)

In Ruanda und Kenia sind Plastiktüten verboten. In Ugandas Hauptstadt Kampala strömt Plastikmüll wie auf einem Förderband in vielen Bächen in den Victoriasee. Europas Ohrstäbchen-Verbot wirkt dagegen regelrecht hilflos.

Jedes Jahr landen schätzungsweise acht Millionen Tonnen Plastikmüll in unseren Meeren. Das ist ungefähr so, als würde jede Minute ein Müllfahrzeug eine Ladung Plastik in den Ozean kippen, hat die Umweltorganisation Ocean Conservancy errechnet. Umweltschützer warnen: Im Jahr 2050 schwimmt mehr Plastik in den Weltmeeren als Fisch.

Die EU-Kommission will nun Plastikgegenstände verbieten, die man nur einmal benutzt: etwa Plastik-Geschirr, Plastik-Besteck, Trinkhalme oder Watte-Stäbchen. Doch Moment einmal: Der Großteil des Plastiks in den Weltmeeren stammt nicht aus Europa oder gar aus Deutschland. Hier ist die Recyclingquote mit maximal 40 Prozent zwar längst nicht so gut, wie vielfach angenommen wird. Aber die Hauptproduzenten von Plastikmüll sind in Asien und vor allem in Afrika.

Wissenschaftler haben Ende 2017 in einer Studie festgestellt: Die Mehrheit des Plastikmülls wird nicht direkt in die Weltmeere gekippt, sondern über Flüsse in die Ozeane gespült. Deutsche Forscher des Helmholtz-Zentrums nahmen zehn Flüsse unter die Lupe, die besonders viel Plastik transportieren. Alle Flüsse liegen in Asien und Afrika. Am schmutzigsten ist der chinesische Jangtsekiang. Der weltweit längste Fluss, der Nil in Afrika, liegt auf Platz fünf. Auch der westafrikanische Fluss Niger spült Plastikmüll in den Atlantik.

Das Plastikproblem des Nils beginnt bereits an der Quelle. Schon im weltweit größten Binnengewässer, dem Victoriasee im Herzen Afrikas, schwimmen Inseln von Plastikflaschen. Plastiktüten verfangen sich in den Sumpfgräsern entlang des Ufers. Die Sümpfe sind eigentlich die natürliche Kläranlage des Sees - jetzt sind sie zur Müllhalde verkommen.

China will den Müll nicht mehr

Denn in Afrika gibt es nur in wenigen Ländern überhaupt Müllentsorgungssysteme. In Ugandas Hauptstadt Kampala, direkt am Ufer des Victoriasees gelegen, gibt es gerade einmal drei private und öffentliche Müllfirmen. Mülltrennung? Fehlanzeige! Von der Glasflasche über Zeitungspapier und Batterien bis hin zur Bananenschale - alles landet auf derselben Müllkippe. Dort sortieren Ugander den Müll von Hand. Plastikflaschen verkauften die Müllsammler bislang an Chinesen. Diese schifften das Plastik zurück nach China. Doch seit Beginn des Jahres hat China den Import von Müll verboten.

Jetzt bleibt das Plastik also in Afrika - und landet dort in den Flüssen. Den Müll nämlich von der Müllabfuhr abholen zu lassen, kostet für Privathaushalte viel Geld: umgerechnet knapp 5 Euro pro Monat. Das können sich nur die wenigsten Ugander leisten. Plastiktüten gibt es jedoch überall. Auch Plastikflaschen sind stetig im Umlauf. Da das Wasser aus den Leitungen nicht trinkbar ist, sind die Ugander täglich auf Trinkwasser in Plastikflaschen angewiesen. Selbst den ugandischen Schnaps kriegt man am Kiosk in einer kleinen Plastiktüte für ein paar Cent. All dieser Verpackungsmüll wird von der armen Bevölkerung in der Regel im Garten verbrannt - oder landet in einem der zahlreichen kleinen Bäche, die zwischen den Hügeln durch die Stadt strömen und auf dem Weg zum See wie ein Förderband immer mehr Abfall einsammeln.

Das Thema Plastikmüll wird jüngst auch in Afrika diskutiert. Vorreiter sind Länder wie Ruanda und Kenia. Dort sind Plastiktüten mittlerweile gesetzlich verboten. Wer von Uganda nach Ruanda reist, muss an der Grenze der Polizei seinen Koffer vorzeigen. Jede Plastiktüte wird akribisch aussortiert. In Ruandas Supermärkten kriegt man seine Einkäufe in Stoff- oder Papiertüten verpackt.

Das Ergebnis ist sichtbar: Jahrelang haben die Ruander jeden letzten Samstag des Monats - ähnlich wie in der schwäbischen Kehrwoche - ihre Grundstücke, Fußballplätze, Bäche und Flussufer gesäubert. Selbst Präsident Paul Kagame stand mit Gummistiefeln im Dreck, um den Plastikmüll auszuheben. Mittlerweile zählt Ruandas Hauptstadt Kigali zu den saubersten Städten weltweit. 2001 wurde ein Müllgesetz verabschiedet. Wer auch nur einen Papierschnipsel auf die Straße fallen lässt, muss mit harten Strafen rechnen.

Das weltweit krasseste Plastikverbot hat Kenia vergangenes Jahr verabschiedet. Vier Jahre Gefängnis steht da im Gesetz. Der Grund: In kenianischen Schlachthäusern wurden vermehrt Kühe zerlegt, deren Mägen von Plastiktüten verstopft waren. Das führte zu einem Aufschrei. Dennoch hat Kenias Parlament zehn Jahre über dem Gesetzesentwurf gebrütet, bis er endlich durchkam. Denn auch in Afrika hat die Plastikindustrie einflussreiche Lobbyisten. Deswegen ist in Uganda das Plastiktütenverbot nie verabschiedet worden, obwohl der Gesetzesentwurf seit 2009 auf dem Tisch liegt.

Doch selbst afrikanischen Vorbildländern wie Ruanda und Kenia gelingt es nicht, den Plastikverbrauch auf null zu reduzieren. Ruandas Regierung sucht schon lang nach ausländischen Investoren, um eine nachhaltige Recyclinganlage zu errichten, die nicht nur Plastik, sondern auch Batterien und anderen Giftmüll entsorgt. Vielleicht sollten Deutschland und Europa darüber nachdenken, diesen afrikanischen Ländern unter die Arme zu greifen, damit Plastik nicht weiter im großen Stil in die Weltmeere gespült wird. Es könnte mehr bringen als ein Verbot von Wattestäbchen in Europa.

Quelle: n-tv.de

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