Kipping oder Kuhle

Das Ende eines Volkssports Wie das große Geld den Fußball zerstört

Kipping_29052021.jpg

Im System Fußball knirscht es gewaltig, schreibt Katja Kipping.

Spannend ist in der Bundesliga nur noch der Kampf um den Abstieg, denn wer Meister wird, ist seit Jahren klar. Das ist nicht das einzige Problem, unter dem echte Fußballfans leiden.

Von den zwei großen Personalentscheidungen, die diesen Sommer anstehen, ist nun eine geklärt. Wer im Bundeskanzleramt auf Angela Merkel folgt, ist zwar noch offen. Aber wer Nachfolger von Jogi Löw als Trainer der National-Elf wird ist inzwischen klar. Auch wer bei der EM zum deutschen Kader gehört, wurde die Tage bekanntgegeben. Fußball-Deutschland könnte sich also zurücklehnen und die getroffenen Entscheidungen genüsslich kommentieren, kritisieren oder gutheißen und sich dabei voll Vorfreude auf die EM einstimmen.

Doch mit der Freude ist das so eine Sache. Denn im System Fußball knirscht es seit einiger Zeit gewaltig. Fußball galt hierzulande als der Volkssport. Er beruhte auf einem regional breit verankerten Vereinswesen und er stiftete ein Moment der Gemeinschaft für alle Generationen. Fußballspiele - das waren einst Ereignisse, denen die gesamte Familie gespannt vor dem Fernseher folgte und die am Tag danach verlässlich Gesprächsthema Nummer eins waren.

Schon die Vermarktung der Übertragung an Pay-TV-Sender hat dies verändert. Natürlich nehmen echte Fans gerne eine monatliche Gebühr in Kauf, um ihre Teams spielen zu sehen. Doch die Umstellung der Übertragung vom öffentlichen Fernsehen auf Sky und Co. hat eine Verschiebung eingeläutet, vom Volkssport für die ganze Familie hin zu einem zwar sehr populären (immerhin), aber letztlich eben doch Spartensport für Interessierte.

Spannend sind nur noch die Spiele um den Abstieg

In der Bundesliga will nur noch bedingt so richtig Stimmung und Spannung aufkommen. Und das liegt nicht nur daran, dass aus Infektionsschutzgründen kaum Fans ins Stadion dürfen. Inzwischen kann man schon Monate im Voraus vorhersagen, wer auf jeden Fall ganz oben steht. Meine Tochter, die 2011 geboren wurde, kennt einzig den FC Bayern als deutschen Meister. Das macht die Bundesliga insgesamt schlichtweg langweiliger. Die spannenden Spiele in der Bundesliga sind nicht mehr die um den Titel, sondern die um den Abstieg.

Ähnlich sieht es in den anderen europäischen Ligen aus: Die Konzentration des Geldes in den Händen weniger zerstört den sportlichen Wettbewerb, der nur noch auf dem Papier existiert. Wer schon viel hat, dem wird noch mehr gegeben. Das wunderbare Fußballmagazin "11 Freunde" belegte bereits vor fünf Jahren, dass die Tabelle einer Liga und die Rangliste der Personalkosten der Klubs im Schnitt von zehn Jahren deckungsgleich sind.

Blutgetränkte Rasen in Katar

Und dann ist da die WM in Katar. Die Rasen, auf denen 2022 um den Weltmeistertitel gespielt werden soll, sind - zumindest im übertragenden Sinne - getränkt mit dem Blut von Gastarbeitern, von denen in Folge verheerender Arbeitsbedingungen seit der Vergabe an Katar bis zu 6500 ihr Leben verloren haben.

Infolgedessen werden nun die Rufe nach einem Boykott immer lauter. Faninitiativen wie ProFans sind vorangegangen. Stell dir vor, es ist Fußball-WM und das deutsche Team verweigert die Teilnahme - vor Jahren wäre das eine Überlegung jenseits des Vorstellbaren gewesen. Doch inzwischen sind Umfragen zu Folge fast zwei Drittel der Deutschen für einen Boykott der WM in Katar.

Dass die WM ausgerechnet an Katar vergeben wurde, lässt sich nur mit der Dominanz des System Geldes in der FIFA erklären, schlimmer noch mit Korruption. Bei den Strafermittlungen kamen einige fragwürdige Überweisungen im mindestens sechsstelligen Bereich zutage. Kronzeugen zufolge erhielt der frühere FIFA-Vize 800.000 Dollar für die WM-Vergabe nach Katar. In dem 25-köpfigen FIFA-Exekutivkomitee, das bis 2016 für die Vergaben zuständig war, gab es immer wieder Rücktritte im Zusammenhang mit Korruption. Und so gesehen ist die Vergabe an dieses Regime nur der konsequente Ausdruck des Geschäftsmodels der FIFA.

Liga des großen Geldes

Zu dieser Tendenz passen auch die kürzlich bekannt gewordenen Pläne einiger besonders finanzkräftiger Fußball-Clubs aus Italien, Spanien, England, sich von der Champions-League abzuspalten und eine eigene Super-League zu gründen. Konkret hätte es sich um eine Liga des großen Geldes gehandelt mit dem Ziel, noch mehr Geld zu scheffeln. Angesichts eines Sturms der öffentlichen Empörung rückten die beteiligten Vereine nach und nach davon ab - vorerst.

Letztlich sind die Vergabe an Katar, die Pläne für die Super-League sowie die Dominanz der nationalen Ligen durch jeweils einige wenige Clubs alles Erscheinungsformen eines grundlegenden Problems: Das Geldmedium überlagert das System Sport inzwischen komplett und bestimmt damit maßgeblich über Erfolg und Misserfolg. Hier zeigt sich in zugespitzter Form ein Lehrstück: Die unregulierte Finanzialisierung zerstört den Wettbewerb und befördert die Herrschaft der Wenigen, die Oligarchie. Und damit zerstört sie auch den Fußball als Volkssport mit seinen Fans, seinen Vereinen und seiner Spannung.

Weniger Geld, mehr Spannung

Es ist an der Zeit, die Notbremse zu ziehen, das Vereinsrecht gegen die Kommerzialisierung abzuschirmen und das Finanz-Gebaren der Clubs zu regulieren. Diese Regeln und Änderungen im Bilanzrecht müssten (anders als die fehlkonstruierten Fair-Play-Regeln der FIFA) den Einfluss des großen Geldes eindämmen, zum Beispiel durch Obergrenzen für Finanztransfers. Alle Institutionen des Sports von der FIFA bis zu den Klubs sind darauf zu verpflichten, die sozialen Menschenrechte einzuhalten. Und schließlich sollte den Fans in den Vereinen mehr Gewicht eingeräumt werden.

Die großen Clubs werden dagegen auf die Barrikaden gehen. Sie werden solche Regularien für unmöglich erklären oder mit Abwanderung drohen. Zu gewinnen wäre dadurch jedoch, dass der sportliche Wettbewerb wieder hergestellt wird und es wieder spannend wird. Was den Fußball stark machte, war und ist das gute Vereinswesen, seine treuen Fans und übergreifende Nachwuchsarbeit. Womöglich ist es an der Zeit, sich stärker auf diese Traditionen zu besinnen. Dann werden in der Bundesliga vielleicht auch wieder die Spiele um den Titel spannend. Wie sagte einst Sepp Herberger so treffend: "Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."

Katja Kipping ist sozialpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Deutschen Bundestag sowie ehemalige Vorsitzende ihrer Partei. Im wöchentlichen Wechsel mit Konstantin Kuhle schreibt sie die Kolumne "Kipping oder Kuhle" bei ntv.de.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen