Fußball

Profitgier erstickt die Fans "Fußball ist eine monströse Geldmaschine"

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Die Champions League bringt viel Geld. Und die Fans müssen es bezahlen: Anhänger des FC Bayern protestierten gegen die hohen Eintrittspreise.

(Foto: www.imago-images.de)

Wenn die Fans nur dazu da sind, Werbung für Konzerne zu machen und den Gewinn zu steigern, dann ergibt alles keinen Sinn mehr. Autor Christian Bartlau erklärt im Interview mit n-tv.de, warum der marktkonforme Fußball nicht mehr der seine ist. Und dass es unmöglich ist, sich in diesem System richtig zu verhalten. Er hat sich gefragt: Kriege ich als Zuschauer noch das, was ich will. Seine Antwort: Nein. Darüber hat er ein Buch geschrieben.

n-tv.de: Christian, so als alter Marxist - wann genau ist Dir aufgefallen, dass es im Profifußball um Geld geht?

Christian Bartlau: Das war mir von Anfang an klar. Es gab nie Profifußball ohne Geschäft. Das war Ende des 19. Jahrhunderts in England schon so. Wir erleben aber jetzt eine neue Dimension: Der Profifußball ist völlig zu einem Werkzeug für Profitinteressen verkommen.

Und deshalb hast Du Dich vom Fußball abgewendet und das Buch geschrieben?

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"Mein Bauchgefühl lässt sich mit Statistiken belegen": Christian Bartlau.

Ich habe mich seit Jahren entfremdet. Eigentlich war ich Fan, habe den Sport geliebt. Doch dieses Gefühl ließ nach. Ein Ermüdungsbruch, würde man im Fußball sagen. Aber was ist da passiert? Was sind die Fakten zu meinen Gefühlen, die ja auch viele andere Fans empfinden? Wie steht es wirklich um das Geld? Wie kam es in den Sport? Wer hat es da reingebracht? Und warum ist mir das alles zu viel? Ich wollte in dem Buch den Zustand des Fußballs beschreiben, um herauszufinden, warum genau ich ihn nicht mehr genießen kann.

Wie hat die Entfremdung angefangen?

Christian Bartlau

Christian Bartlau ist ein guter Bekannter der Redaktion. Er hat für n-tv.de aus Bundesliga-Stadien, von der Champions League und der deutschen Nationalmannschaft berichtet, erst als Sportredakteur, seit 2015 als freier Autor. Mit dem WM-Finale 2018 hat er Schluss gemacht, sein Text "Es reicht endgültig, moderner Fußball" für n-tv.de gab den Anstoß für sein Buch "Ballverlust". Langweilig wird ihm auch ohne Fußball nicht: Er lebt in Österreich und schreibt über das Land, natürlich auch für n-tv.de.

Ich habe zum Beispiel nicht mehr Europa League geschaut, obwohl ich mir früher jedes UI-Cup-Spiel angeguckt habe. Es gibt jetzt viel mehr Spiele, weil das fürs Fernsehen besser ist. Mit jedem Spiel mehr wird das andere Spiel entwertet. Die Gruppenphase in der Champions League ist eine Quälerei, das braucht kein Mensch. Für das Buch habe ich mir angeschaut: Was sagen die Zahlen? Wie oft gewinnt der reichere Verein? Wie groß sind die Abstände zwischen dem besten und dem schlechtesten Verein? Mein Bauchgefühl lässt sich mit Statistiken belegen.

Wann war die Grenze für Dich überschritten?

Ich saß bei n-tv.de in der Redaktion, als die Meldung kam, dass die Uefa daran denkt, die Nations League einzuführen. Ich habe zum Kollegen gesagt: Wenn das kommt, bin ich raus. Das sagt man nur, wenn man über Jahre zu viel ertragen musste: die Lizenz für Red Bull Leipzig, die WM-Vergaben nach Russland und Katar. Es gab schon zuvor rote Linien, wo ich hätte sagen können: Es reicht. Ich hab's bei der Nations League gesagt, ehrlichweise, weil mir das im Herbst 2013 so fern erschien. Als die Liga tatsächlich kam, dachte ich: Jetzt muss ich konsequent sein.

Du vermisst nach einem Leben mit Fußball wirklich nichts?

Das Gucken an sich hat mir schon länger nicht mehr so viel Spaß gemacht. Was ich vermisse: Mit Menschen darüber zu reden, ich habe wahnsinnig gerne über Fußball diskutiert. Oder mal wieder mit Freunden ins Stadion zu gehen.

Aber was soll jemand tun, der nicht so radikal ist?

Was erwarte ich? Will ich gutklassigen Fußball und Stars sehen, im Fernsehen, so oft wie ich will? Dann ist das die beste aller Welten. Dann bekomme ich das, was ich will. Aber ich verbinde Fußball mit Emotionen, habe einen Anspruch. Ich will ohne Polizeibegleitung auf Auswärtsreisen gehen, ohne im Stadion überwacht zu werden. Ich will beim Spiel und drumherum nicht ständig von PR und Werbung belästigt werden. Ich will einen Fußball, der sich nicht mit den miesesten Politikern und den schlimmsten Konzernen der Welt ins Bett legt. Ich will Spannung und nicht vorher wissen, wer gewinnt. Wenn der Fußball sich darauf konzentriert, die Profitinteressen der Global Player zu erfüllen, werden meine Interessen nicht befriedigt. Dann muss ich einen Schlussstrich ziehen. Das ist eine einfache, logische Abwägung: Kriege ich das, was ich will?

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Werbung!

Klingt tatsächlich logisch, ist aber offenbar keine Massenbewegung.

Das Monopol auf guten Fußball halten nun mal die großen Verbände und die großen Klubs. Wenn du sagst: Ich möchte Fußball sehen, aber ohne Korruption, ohne Verletzungen von Menschenrechten, ohne all das, was schlecht ist am modernen Fußball - wo sollst du denn dann hingehen? Das eine ohne das andere gibt es derzeit nicht. Das ist der große Vorteil der großen Verbände und Vereine. Deswegen gibt's nur eine Entscheidung: Mache ich mit oder nicht?

Was ist mit den "Stars der Fair-Trade-Abteilung", wie Du schreibst? Taugen der FC St. Pauli und der 1. FC Union Berlin als Gegenentwurf?

Es gibt Vereine, wo man sich einreden kann: Okay, die machen einiges besser. Das stimmt ja auch. Aber sie spielen das Spiel mit, weil sie es mitspielen müssen. Das ist kein Vorwurf, ich will nüchtern analysieren. Auch St. Pauli und Union stecken in der Zwickmühle. Verzichten sie auf umstrittene Sponsoren, hätten sie einen sportlichen Wettbewerbsnachteil. Die Krux ist: Letztlich ist es unmöglich, sich in diesem System richtig zu verhalten.

Was können die Fans tun?

Wer sind die Fans? Die kritische Masse hat viel erreicht, zum Beispiel die Rücknahme der Montagsspiele. Das sollte man nicht glorifizieren, ist aber ein erster guter Schritt. Einige reißen sich für wenig Ertrag in einem sehr schwierigen Dialog mit DFL und DFB den Arsch auf. Mich beeindruckt, dass diese Fans sich für eine verlorene Sache aufopfern. Denn die Abhängigkeit der Klubs vom Besucher schwindet. Bis Mitte der 90er waren die Erlöse an der Stadionkasse die Haupteinnahmequelle, aktuell sind es in der Bundesliga 14 Prozent.

Und wer bezahlt, bestimmt die Musik?

In der Premier League würden viele Vereine auch Gewinn machen, wenn sie in der ganzen Saison keinen einzigen Zuschauer im Stadion hätten. Klubs und Verbände schauen auf die Fernsehzuschauer. Dass deren Interessen mehr Gewicht haben, zeigen die Anstoßzeiten. Die Fans sind strukturell im Nachteil. Das meine ich mit nüchterner Analyse: Als Fan kämpfe ich ein Rückzugsgefecht, weil meine Interessen als Stadiongänger immer weniger zählen.

Es gibt daher, wie Du schreibst, keinen richtigen Fußball im Falschen?

Es gibt einen besseren Fußball im Falschen, ich will nicht zu pessimistisch sein. Es macht einen signifikanten Unterschied, ob ich bei Bayer Leverkusen auf der Tribüne sitze und bei McDonalds esse oder ob ich bei St. Pauli in der Kurve meine Bio-Bratwurst verdrücke. Ob ich wie in Chemnitz in einem Stadion stehe, wo Rassismus Mainstream ist. Oder ob ich mich dafür einsetze, dass das Stadion ein besserer Ort ist. Ich will das nicht kleinreden. Aber wer drinbleibt, hilft dem System und damit den falschen Interessen.

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Es ist also alles verloren?

Im Grunde weiß es ja jeder halbwegs interessierte Fan, wie es um den Fußball steht. Viele hadern, ihnen ist ein bisschen unwohl und sie meckern. Die Frage ist: Nehmen wir das hin? Oder formulieren wir eine Alternative? Mein Ansatz für eine Utopie ist: Können wir in einer so großen Masse aus den Stadien gehen, dass die Vereine ohne Bedingungen mit den Fans reden und ein paar Sachen ganz neu aufsetzen - zum Beispiel die Spieltagsansetzungen?

Aber dass das funktioniert, glaubst Du nicht wirklich, oder?

Gegen wen treten wir an? Nehmen wir die Anteilseigner beim FC Bayern und bei Borussia Dortmund, Audi etwa und Evonik und wie sie alle heißen. Das sind riesige Unternehmen, die den Fußball als PR-Instrument schätzen. Warum sollten die auf Trainingslager in Katar oder die Sommer-Tour nach China oder in andere strategische Märkte verzichten? Warum sollten die sagen: Ach so, liebe Fans, Ihr wollt lieber wieder einen Europapokal der Landesmeister als die Champions League, dann machen wir das doch!? Wer einen anderen Fußball will, kämpft gegen sehr reiche und einflussreiche Player, die den marktkonformen Fußball behalten wollen, als monströse Geld- und PR-Maschine.

Aber platzt die Fußball-Blase irgendwann, geht ihr zumindest die Luft aus?

Es gibt keine Anzeichen dafür. Es gab einen leichten Zuschauerrückgang in der Bundesliga, die Begeisterung für die deutsche Nationalelf lässt etwas nach. Aber global betrachtet wächst der Markt. Die kapitalistische Landnahme schreitet voran, wie das im marxistischen Diskurs heißt. Bald gibt es 48 Teams bei einer WM, die Kernzone Europa plus Südamerika weitet sich aus. China wird ein wichtiger Player, das bevölkerungsreiche Indonesien. Was Europa macht, ist irgendwann gar nicht mehr wichtig. Vielleicht ist es in 20 Jahren völlig unerheblich, was hier Fans denken und tun. Dann gehen Real Madrid und andere Großklubs auf Asientour und die Viertelfinals der Champions League spielen sie in China. Das erscheint mir realistischer als die Hoffnung, dass sich irgendetwas grundlegend ändert.

Mit Christian Bartlau sprach Stefan Giannakoulis

Quelle: n-tv.de

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