In der Mixed Zone der Berliner Uber Arena wartete nach dem Spiel jemand ganz Besonderes auf Bundestrainer Olaf Lange. Sandy Brondello, australische Nationaltrainerin und Ehefrau des Coaches, nahm Lange in den Arm und gratulierte ihm zu seinem größten Erfolg. Viel Zeit blieb ihnen nicht. Brondello musste weiter, Australien spielte direkt und verlor deutlich gegen Spanien. Im "Familienduelll" hatte Lange die Nase vorn. Dass Deutschland bei dieser Basketball-WM weiter kommt als Australien, hätten vor dem Turnier wohl nur die wenigsten erwartet.
Es war ein Abend der großen Emotionen. Auf der belgischen Seite saßen nach der Schlusssirene junge Mädchen auf der Tribüne und weinten. Auf der anderen Seite versuchten die Deutschen zu begreifen, was sie gerade geschafft hatten. "Wir sind unter den vier besten Teams der Welt. Ich kann es nicht glauben", sagte Frieda Bühner. Leonie Fiebich ging es ähnlich: "Brutal surreal. Keine Ahnung wie man reagieren soll, wenn man sowas schafft."
Fiebich bringt die Halle zum Kochen
Dabei begann der Abend zunächst ganz nach belgischem Geschmack. Deutschland lag schnell mit 0:5 zurück. Dann bekam Fiebich an der Dreierlinie den Ball und traf. Die 26-Jährige riss den Arm nach oben, ballte die Faust und schrie ihre Freude heraus. "Der musste raus. Ich habe so laut geschrien, mir wurde kurz schwindelig", sagte sie nach dem Spiel. Der Funke sprang sofort auf die Ränge über. Der Hallensprecher rief "Leonie", mehr als 10.000 Fans antworteten mit "Fiebich". Wenig später traf sie gleich den nächsten Dreier.
Nach dem ersten Viertel führte das DBB-Team mit 22:19, zu Beginn des zweiten legte es einen 7:0-Lauf nach. Belgien bekam schnell zu spüren, dass sich die Deutschen von der Favoritenrolle des Europameisters nicht beeindrucken ließen. Fiebich beendete den Abend mit 17 Punkten und zehn Rebounds. Teamkollegin Nyara Sabally kam auf 16 Punkte und zwölf Rebounds. Erstmals kamen damit zwei Deutsche bei diesem Turnier auf ein Double Double, also zweistellige Werte in zwei Statistik-Kategorien. Lange war danach fast sprachlos: "Ich habe keine Worte, wie gut wir gespielt haben."
"Deutschland war lauter"
Und dieses Spiel fand längst nicht nur auf dem Parkett statt. 10.537 Zuschauer waren in die Uber Arena gekommen. Ausverkauft war die Halle damit nicht. Die Lautstärke auf den Rängen ließ das allerdings kaum vermuten. Gerade wenn Belgien an der Freiwurflinie stand, wurden aus Jubel Buhrufe und Pfiffe. Einen großen Anteil daran hatte die Fangruppe "Wilde 13". Der Fanblock stand diesmal schräg hinter der deutschen Bank. Fünf Trommler gaben dort immer wieder den Takt vor. Dass auch zahlreiche belgische Fans in der Halle waren, ging akustisch zeitweise unter. Bühners Urteil fiel eindeutig aus: "Deutschland war lauter".
Olaf Lange spürte die Unterstützung besonders dann, wenn sein Team sie unbedingt brauchte: "Die Fans waren unglaublich, in Momenten, wo es bisschen enger wurde und wir ein bisschen gewackelt haben". Und mittendrin im Geschehen saß diesmal auch Edelfan Dirk Nowitzki. Nicht oben in einer Loge, sondern direkt unten am Court. Als Alexandra Wilke einen Dreier traf, formte der deutsche Basketball-Star sichtlich imponiert mit seinen Fingern selbst die Drei.
Es waren aber nicht nur Dreier, die diese Halle laut machten. Jede Defensivaktionen wurde genauso energisch gefeiert. Egal ob es der Block von Lina Sonntag kurz vor Spielende war oder ein Ballgewinn von Alexis Peterson: Jede Aktion sorgte dafür, dass die Stimmung eskalierte. Für Leonie Fiebich war klar: "Wir haben verteidigt wie die Löwen". Belgien fand darauf zu selten eine Antwort. Selbst Starspielerin Emma Meesseman konnte die Partie trotz überragender 29 Punkte nicht drehen. Die Europameisterinnen wirkten mit zunehmender Spielzeit immer ratloser.
Tiefe Bank wird immer wichtiger
Dass Belgien in Hälfte zwei nie wirklich rankam, lag auch daran, dass Deutschland es in diesem Spiel schaffte, die Verantwortung wieder auf viele Schultern zu verteilen. Gleich sechs Spielerinnen punkteten zweistellig.
Frieda Bühner sah darin die Stärke der gesamten Mannschaft: "Es war einfach ein Team-Sieg, also jede von uns war ready, egal ob offensiv oder defensiv". Wie wichtig diese Breite im Laufe eines Turniers ist, hatte sich bereits in den vergangenen Spielen gezeigt. Immer wieder spielten sich andere Spielerinnen in den Vordergrund. Gegen Belgien zeigte sich das auch bei der Einsatzzeit: Während bei den Belgierinnen drei Spielerinnen mehr als 30 Minuten auf dem Feld standen, war es bei Deutschland lediglich Leonie Fiebich, die diese Marke überschritt.
Plötzlich geht es um eine Medaille
Nach der Schlusssirene musste sich Deutschland erst einmal an eine völlig neue Realität gewöhnen: Das Team gehört tatsächlich zu den vier besten der Welt. Lange hatte seinem Kader schon vor der WM Chancen auf eine Medaille eingeräumt. Dass diese Möglichkeit so schnell konkret werden würde, überraschte selbst ihn. "Jetzt", sagt der Bundestrainer, "wollen wir die Chance nutzen“.
Im Halbfinale am Samstag (16.30 Uhr/MagentaSport) wartet mit Frankreich allerdings die nächste große Hürde. Der Olympia-Zweite von 2024 fertigte China im Viertelfinale mit 90:61 ab und kommt gleich mit acht WNBA-Spielerinnen. Für Fiebich ist Frankreich daher ein "Top-Zwei-Team“.
Doch nach einem Abend, an dem das deutsche Team den Europameister mit 19 Punkten schlägt und mehr als 10.000 Fans in Berlin mitreißt, muss sich diese Mannschaft auch vor Frankreich nicht verstecken. Zumal sie inzwischen selbstbewusst genug auftritt, um sich keine Grenzen mehr zu setzen. "Sky is the limit", fasste Nyara Sabally passend zusammen. Nach diesem Abend in Berlin klingt das plötzlich gar nicht mehr so vermessen.

