"So viel rumgeschrien"

Deutscher Debütant zwingt Julian Weber zum entfesselten Glück

Bild-AnjaVon Anja Rau
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Zwei Medaillen für die deutschen Speerwerfer: Silber für Nick Thumm (l.), Gold holt Julian Weber. (Foto: picture alliance / BEAUTIFUL SPORTS)
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16.08.2026 | 07:47 Uhr
Der Druck ist gigantisch: Julian Weber tritt als großer Favorit bei der EM an, dann schockt ausgerechnet sein Teamkollege Nick Thumm den Speerwerfer. Dass es nicht wieder mal ein Meisterschaftsdrama gibt, dafür sorgt Weber im letzten Wurf.

Julian Weber war zwar nicht zufrieden, haderte, guckte seinem Speer enttäuscht hinterher, aber die Platzierung stimmte. Gleich mit seinem ersten Versuch hatte sich der Speerwerfer bei der Leichtathletik-Europameisterschaft auf Gold-Kurs katapultiert. Es war zwar nicht die erhoffte Weite - 83,71 Meter -, aber danach würde ja niemand bei der Siegerehrung fragen. Doch dann musste Weber plötzlich schlucken. Da hatte sich sein deutscher Teamkollege Nick Thumm angeschickt, dem großen Favoriten das Gold im fünften Versuch noch zu entreißen.

Der 21-Jährige, für den der Finaleinzug schon ein Erfolg war, warf fünf Zentimeter weiter als Weber. Persönliche Bestleistung. Verbesserte die, die er erst in der Qualifikation aufgestellt hatte. Plötzlich Führender - beim EM-Debüt. Ein Wahnsinn.

Doch ein Wahnsinn war es auch, was dann im sechsten und letzten Versuch von Weber kam. Kaum hatte der 31-Jährige den Speer aus dem Arm entlassen, schrie er, reckte die Arme in die Höhe - und wusste: Das war ein richtig guter Versuch. Der, auf den er den ganzen Wettkampf über gewartet hatte. Oder sogar noch viel besser. 90,40 Meter. Meisterschaftsrekord. Natürlich Gold. Verdienter Favoritensieg. Wenn auch härter erkämpft als gedacht.

"So viel Adrenalin"

"Das war so viel Adrenalin, deswegen muss ich mir überhaupt erstmal angucken, was ich da gemacht habe", sagte Weber: "Mein Kiefer tut auch echt weh, ich habe so viel rumgeschrien, das musste einfach raus. So viel hat sich über die Monate angestaut."

Vor den Titelkämpfen plagten ihn Beschwerden an der Schulter und der Achillessehne. Er konnte nicht richtig werfen, er musste seine Saison anpassen. Wie ein Tiger im Käfig habe er sich gefühlt, so Weber vor der EM. "Ich habe so viel darauf hingearbeitet, es war echt schwer, die schwerste Vorbereitung, die ich je hatte", sagte Weber nach dem Titelgewinn. "War wirklich echt nicht einfach."

Denn statt als strahlender Sieger ist Weber schon viel zu häufig als Verlierer aus dem Stadion gegangen. Ja, er ist der Europameister von 2022 bei der Heim-EM in München. Doch immer wieder scheiterte der Wahl-Berliner auch. 2021 bei Olympia in Tokio? Vierter. WM 2022? Vierter. WM 2023? Vierter. Olympia in Paris? Sechster. WM 2025? Fünfter.

Nun also der Triumph, der ihm fast die Tränen in die Augen trieb: "Meine komplette Familie, meine Eltern sind hier, meine Verlobte ist hier, und ich wollte einfach auch ihnen diesen Moment geben."

"Das geilste Feeling"

Oft war ihm fehlende Nervenstärke in den ganz großen Wettkämpfen nachgesagt worden. Der Mann, der für den USC Mainz startet, gehört zum elitären Feld der Werfer, die die Weite von 90 Metern geknackt haben. Seine Bestleistung steigerte er im vergangenen Jahr auf 91,51 Meter. Er hat richtig was drauf - bis es zur Meisterschaft geht.

Mit diesem Makel räumte er nun in Birmingham auf. "Ich wollte einfach zeigen, dass ich ein mentales Biest bin." Auch, weil der Stuttgarter Thumm ihn dazu zwang. "Das ist auf jeden Fall der Wurf, wo mir am meisten ein Stein vom Herzen gefallen ist", sagte Weber. "Sehr, sehr besonders, schon mit so das geilste Feeling, das ich bisher so hatte."

Teilen kann er es mit Thumm, der völlig überwältigt von seiner Silbermedaille ist. "Ich bin sprachlos, ich weiß nicht, was passiert ist. Ich bin einfach nur glücklich und kann es nicht beschreiben." Seinen letzten Versuch konnte er schon gar nicht mehr vollenden, schubste den Speer völlig erledigt gerade so aus der Hand auf den Rasen vor ihn, ließ sich danach auf die Anlaufbahn fallen. Er hatte sich eigentlich nur vorgenommen, Erfahrung zu sammeln und: "Ich gucke mir alles an und versuche, die Großen zu ärgern." Plan übererfüllt.

Verwendete Quelle: ntv.de