Weltmeister und WM-Fights

Fette Jahre in Sicht? Das deutsche Boxen kommt aus der Deckung

imageVon Martin Armbruster
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Simon Zachenhuber machte Weltmeister Hamzah Sheeraz das Leben schwerer als gedacht. (Foto: IMAGO/MB Media Solutions)
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28.07.2026 | 19:35 Uhr
Boxprofi Simon Zachenhuber reist als "Verlierer" nach Saudi-Arabien, zieht im Kampf um die WM-Krone aber nur knapp den Kürzeren. Superstar Anthony Joshua ruft wenig später einen anderen Deutschen zum kommenden Schwergewichts-Champion aus. Was ist los im deutschen Boxen?

Agit Kabayel reiste Ende 2023 zum Verlieren nach Saudi-Arabien. Im Vorprogramm der Superstars Anthony Joshua und Deontay Wilder sollte der Deutsche dem als künftigen Schwergewichts-Monster inszenierten Arslanbek Makhmudov als K.o.-Opfer herhalten. Was die Matchmaker in Riad womöglich nicht auf dem Schirm hatten: Kabayel ist zwar einen Kopf kleiner als der Russe, boxerisch aber klar überlegen. Er brauchte nur vier Runden, um den Zwei-Meter-Riesen mit dem gewaltigen Schädel kurz- und kleinzuhacken. Der Sieg öffnete Kabayel viele Türen: Weitere Siege auf der großen saudischen Bühne folgten, seit dem Rückzug von Schwergewichts-König Oleksandr Usyk als Champion der anerkannten Weltverbände ist der 33-Jährige WBC-Weltmeister. Er ist der erste deutsche Boxmeister aller Klassen seit dem ikonischen Max Schmeling 1932.

Simon Zachenhuber hat am Wochenende ebenfalls in Saudi-Arabien geboxt. Gewonnen hat der Bayer nicht, seine Chance aber genau wie Kabayel auf beeindruckende Weise genutzt. Zwölf Runden lieferte der 28-Jährige dem haushohen Favoriten Hamzah Sheeraz aus England im Kampf um dessen WBO-Gürtel einen beherzten Kampf. Ein Punktrichter wertete remis, einer knapp, einer allzu deutlich für den Titelverteidiger. "Ich habe mich zwölf Runden lang mit dem besten Boxer der Welt auf Augenhöhe duelliert. Auch wenn eine Niederlage nie schön ist, bin ich stolz auf meine Leistung", sagte Zachenhuber. Sheeraz sei "nicht umsonst die Nummer eins der Welt". Der Kampf in Dschidda habe gezeigt, "dass ich in der Weltspitze angekommen bin".

"Den deutschen Boxsport würdig vertreten"

Mit einem derart knappen Ausgang hatten im Vorfeld die wenigsten Experten gerechnet. Gewiss, in den Ranglisten der Verbände WBO und IBF war Zachenhuber unter den Top 15 platziert. Einen Gegner von Topformat hatte der "Matador", 2021 noch Teilnehmer der RTL-Show "Let's Dance", zuvor jedoch nicht vor den Fäusten gehabt. Bei seinem ersten Auftritt auf internationalem Parkett verlor Zachenhuber im April in London im Rahmen des Comebacks von Tyson Fury gegen den Engländer Pawel August.

Ans Rote Meer luden die Promoter den Deutschen nur ein, um den zum Superstar aufgebauten Sheeraz glänzen zu lassen. Der hatte erst im Mai im Vorprogramm von Schwergewichts-Pharao Usyk an den Pyramiden von Gizeh den Münchner Alem Begic k.o. geschlagen, zwei Runden dauerte die Show. Im Supermittelgewicht gilt Sheeraz als Mann der Zukunft und bereits als potenzieller Gegner von Superstar Canelo Alvarez. Zachenhuber sollte eine Durchgangsstation sein. Doch der Erdinger zwang dem Weltmeister eine harte Zwölf-Runden-Schicht auf.

"Ich hatte das Gefühl, leicht vorne zu liegen. Aber der Kampf war sehr, sehr knapp und man weiß nie worauf die Punktrichter den Fokus legen", kommentierte Zachenhuber das knappe Verdikt zu seinen Ungunsten. Angesichts der handelsüblichen Weltmeister-Boni ging der Richterspruch unterm Strich in Ordnung. Der Deutsche verließ Dschidda allerdings auch mit der zweiten Niederlage (bei 31 Profikämpfen) im Gepäck erhobenen Hauptes - als moralischer Sieger. Die WM-Chance hatte Zachenhuber mit keinen zwei Wochen Vorlauf angenommen, ohne zu zögern, wie er betonte. "Natürlich wäre mehr Zeit gut gewesen. Aber das gehört zur Boxwelt dazu. Wir waren zum Verlieren eingeladen, aber haben gezeigt, dass mit uns zu rechnen ist", sagte Trainer Conny Mittermeier. Zum Sieg habe es zwar "nicht ganz gereicht, aber wir haben den deutschen Boxsport würdig vertreten". Umso überraschender ist das vergleichsweise leise Echo auf die starke Vorstellung hierzulande.

Entfachen Kabayel und Zachenhuber einen Box-Boom?

Zachenhuber darf nach seinem starken Auftritt in der Wüste im Supermittelgewicht (bis 76,2 Kilogramm) auf weitere Titelkämpfe (und entsprechende Gagen) hoffen. "Spätestens jetzt kennt die Boxwelt Simon. Er hat einen großartigen Kampf gemacht und wird hoffentlich noch in diesem Jahr beim Stadion-Event von Agit Kabayel wieder im Ring stehen", sagte Manager Lasse Krüger, der auch den Schwergewichts-Weltmeister betreut. Im Fahrwasser des "Leberkings" könnte auch Zachenhuber weiter nach oben schwimmen und dem deutschen Boxen ein weiteres Gesicht verleihen.

Gegen wen Kabayel seine WBC-Krone erstmals verteidigt, steht noch nicht fest. Klar ist: Sein Management um Krüger, den Briten Spencer Brown sowie Promoter-Legende Frank Warren, plant einen Stadionkampf im Herbst. Das US-Magazin "The Ring" berichtete zuletzt sogar von einer möglichen Titelvereinigung zwischen WBC-Champion Kabayel und WBA-Meister Murat Gassiev. Manager Brown bestätigte der "Bibel des Boxens", entsprechende Gespräche zu führen. Ob der Russe Gassiev seine "Home Base" Moskau verlässt und seinen Gürtel tatsächlich in Deutschland aufs Spiel setzt, ist aber fraglich. Kabayel nannte in seinem jüngsten Youtube-Blog noch den Briten Richard Riakporhe und Rico Verhoeven als mögliche Gegner. Das holländische Kickbox-Idol hatte Usyk im Mai an den Pyramiden von Gizeh sensationell an den Rand einer Niederlage getrieben. Der WBC setzte Verhoeven daraufhin auf Rang acht seiner Weltrangliste, er käme als Herausforderer von Kabayel somit infrage. Ein deutsch-holländisches Duell ließe sich aufgrund Verhoevens Popularität sowie der Geografie hervorragend vermarkten. Das Stadion in Düsseldorf wäre ein logischer Schauplatz.

Das deutsche Boxen ist mit dem Ende der Klitschko-Ära und dem Rückzug der langjährigen Weltmeister und Quoten-Garanten Felix Sturm und Arthur Abraham in eine Nische gerutscht. Die großen Kampfabende vor einem Millionen-Publikum im Free-TV sind weit weg. Kabayel und Zachenhuber waren zuletzt beim Streaming-Riesen DAZN zu sehen - und das auch nur gegen eine Pay-per-View-Gebühr zusätzlich zu einem bestehenden Abonnement. Kabayel hat mit DAZN noch einen weiteren Kampf vertraglich vereinbart. Verteidigt der Mann aus dem Pott seinen WM-Gürtel überzeugend und gewinnt weiter an Strahlkraft, könnten andere TV-Sender und Streaming-Plattformen in den Rechtepoker einsteigen. Ob das deutsche Boxen einen Weg zurück ins Free-TV findet, ob Kabayel- oder Zachenhuber-Kämpfe Straßenfeger-Potenzial haben, ist, Stand jetzt, ungewiss.

Zwei deutsche Spitzenboxer agieren im Abseits

Dabei hat der deutsche Boxsport noch weitere Kämpfer von internationalem Format zu bieten. Eine Klasse unter dem Schwergewicht reüssiert der Hamburger Noel Mikaelian von der deutschen Sportöffentlichkeit nahezu unbeachtet als WBC-Weltmeister im Cruisergewicht. Den Titel trägt Mikaelian seit einem Punktsieg über Boxveteran Badou Jack Ende 2025 in Los Angeles. Schon im November 2023 hatte sich der 35-Jährige erstmals zum WBC-Weltmeister gekrönt, gewann damals als erster Deutscher seit Schmeling einen WM-Kampf auf US-Boden. Danach geriet Mikaelian in einen Sumpf aus WBC-Ränkespielen und Streitereien mit Promoter-Pate Don King, in dem er fast stecken blieb. Auch jetzt ist unklar, wie es für Mikaelian weitergeht.

Nach seinem Sieg über Jack hatte ihm der WBC eigentlich grünes Licht für eine freiwillige Titelverteidigung gegeben. Mikaelian strebt einen Kampf gegen IBF-Weltmeister Jai Opetaia an. Weil der Australier aber bei der dem WBC nicht genehmen Box-Liga "Zuffa" von MMA-Boss Dana White unterschrieb, stellte sich der Verband laut Mikaelian quer. WBC-Boss drückte dem Weltmeister stattdessen einen Kampf gegen WBA/WBO-Champion David Benavidez auf. Dass der WBC den Meister der Konkurrenz zum Pflichtherausforderer bestimmt hat, ist höchst ungewöhnlich. Sulaiman nannte einen Streit zwischen Mikaelians Management und Promoter King als Grund. Da der Deutsche seit Monaten keinen Kampf vereinbart hat, sei der WBC zum Handeln gezwungen gewesen, argumentierte der Mexikaner. Mikaelian witterte im Gespräch mit ntv ein "orchestriertes" Spiel zwischen dem Verband und King, die seit Jahrzehnten eng verbunden sind. Zuletzt ließ der Weltmeister wissen, er habe weder von Benavidez noch von Opetaia ein Angebot für einen Kampf erhalten. Mikaelian bleibt im Wartestand. In Deutschland bekommen das höchstens gut informierte Boxfans mit, da Mikaelian seine Karriere seit 2019 komplett in die USA verlegt hat.

Das gleiche gilt für Halbmittelgewichtler Abass Baraou. Der Mann aus Oberhausen hatte vergangenen Sommer in Orlando den hochgehandelten Kubaner Yoeniz Tellez geschlagen und den WBA-Interims-Titel im Limit bis 69,85 Kilogramm gewonnen. Weil Weltmeister Terence Crawford kurz darauf für einen Netflix-Blockbuster gegen Superstar Canelo zwei Klassen aufstieg, beförderte die WBA Baraou zum vollwertigen Weltmeister. Der 31-Jährige machte es sich auf seinem Thron nicht bequem, sondern setzte den Gürtel Anfang dieses Jahres direkt gegen WBO-Pendant Xander Zayas aus Puerto-Rico aufs Spiel - auf dessen Terrain in San Juan. Baraou verlor knapp nach Punkten, wies seine Klasse gegen den Shootingstar von Promoter-Legende Bob Arum aber einmal mehr nach. Die Niederlage ist gut "gealtert". Zayas lieferte sich erst Ende Juni einen spektakulären Schlagabtausch mit Jaron "Boots Ennis" aus den USA, der gemeinhin als bester Halbmittelgewichtler der Welt gilt. Baraou spielt in der ersten Liga - und will zurück zu Titelehren. Er werde im September wieder im Ring stehen, sagte er zu ntv. "Es sieht gut aus, ich arbeite wieder auf eine WM hin."

Box-Star Joshua ruft Heidelberger zum nächsten Champion aus

Schwergewichts-Gigant Anthony Joshua rief indes nach seinem dramatischen Comeback-Sieg gegen den Albaner Kristian Prenga einen anderen Deutschen zum künftigen Star und Weltmeister aus. "Grüße an meinen Bruder Emanuel, den nächsten Schwergewichts-Champion. Grüße an die deutsche Crew", rief der Brite und zeigte auf den Heidelberger Emanuel Odiase. Der 2,03-Meter-Riese ist seit Mai WBA-Europameister. Schon kommendes Jahr wolle er um einen WM-Gürtel boxen, sagte Odiase nach seinem letzten Auftritt in Mannheim. Hinter dem 27-Jährigen steht die im Vorjahr gegründete Agentur Ringside Zone um Strippenzieher Florian Winter. Ziel der Rhein-Neckar-Mannschaft: dem deutschen Boxen wieder zu alter Größe verhelfen.

In die Kategorie "Blickfeld" - Grüße an die Kollegen des "Kicker" - gehören neben Odiase noch Viktor Jurk und Peter Kadiru. Besonders der 2,05 Meter große Rechtsausleger Jurk (26 Jahre alt) gilt vielen als Zukunftsversprechen. In Mannheim landete er einen rekordverdächtigen Sieg, schlug seinen Gegner nach 3,5 Sekunden mit der ersten Linken k.o. Daran ist allerdings auch abzulesen: Gegner von Rang und Namen hat Jurk noch nicht geboxt. Bis vor kurzem galt das auch für Kadiru. Der frühere Jugend-Weltmeister und Olympiasieger galt einst als deutsche Boxhoffnung, seine Karriere nahm lange aber kaum Fahrt auf. Am 11. Juli kam Kadiru unverhofft und unvorbereitet zu einer plötzlichen WM-Chance. In Moskau hielt der 29-Jährige WBA-Weltmeister Gassiev immerhin sechs Runden Stand, ehe ihn die Kräfte verließen und seine Ecke das Handtuch warf. Er verkaufte sich nicht so teuer wie sein Box-Kollege Zachenhuber. Aber immerhin: deutsche Boxer kämpfen wieder um Titel.

Verwendete Quelle: ntv.de