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Rekord-K.-o. und EM-TitelDeutsche Boxshow verblüfft sogar Star-Promoter

16.05.2026, 12:33 Uhr
imageVon Martin Armbruster, Mannheim
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Emanuel Odiase machte mit dem Briten Nick Webb kurzen Prozess und ist jetzt IBF-Europameister im Schwergewicht. (Foto: IMAGO/speedshot)

Promoter Florian Winter will das deutsche Boxen wieder an die Weltspitze führen. Schon beim dritten Kampfabend wagt er sich in die SAP Arena. Sogar ein britischer Branchenriese staunt. Im Ring gibt es einen Blitz-K.-o. und einen EM-Erfolg.

Ein Boxer wird nicht für Überstunden bezahlt, lautet eines der vielen Sprichwörter aus dem Preiskampf. Und so langte Viktor Jurk am Freitagabend in der Mannheimer SAP Arena mit seiner langen Linken sofort hin. Der Gong zum Schwergewichtskampf des 26-Jährigen gegen Edwin Castillo aus Kolumbien war kaum verhallt, da war er schon vorbei. Der 2,06 Meter große und 122 Kilogramm schwere Jurk hatte seinen Gegner mit dem ersten Hieb niedergestreckt.

Zwischen drei und vier Sekunden waren auf der Uhr, als der 112 Kilogramm schwere Castillo - auf Höhe der Halsschlagader gefährlich getroffen - zu Boden sackte. Ein rekordverdächtiger Knock-out: Das Guiness-Buch und diverse KI nennen einen Sieg des US-Boxers Mike Collins über seinen Landsmann Pat Brownson beim Golden-Gloves-Turnier in Minneapolis 1947 als schnellsten im Boxsport dokumentierten K.-o.-Sieg. Collins traf nach vier Sekunden entscheidend, vergleichbar also mit Jurks Erstschlag.

Etwas länger brauchte kurz nach Mitternacht Jurks Berufsgenosse Emanuel Odiase im Kampf um den EM-Titel im Schwergewicht nach Version des Verbandes IBF. In der zweiten Runde knallte der 2,03-Meter-Hüne aus Heidelberg dem Briten Nick Webb mehrere harte Hände um die Ohren, die den Mann von der Insel in die Horizontale beförderten. Als der Ringrichter zehn zählte, stand Webb zwar, machte aber keine Anstalten, den Kampf wieder aufzunehmen.

Odiase blieb im elften Profikampf ungeschlagen und feierte bei seinem Rhein-Neckar-Heimspiel den größten Erfolg seiner Karriere. "Wenn du nicht gut genug bist, macht dir Nick Webb Probleme. Wenn du gut bist, schlägst du ihn einfach", hatte der berühmte englische Promoter Eddie Hearn vor dem Kampf im Gespräch mit ntv.de orakelt. Odiase war gut genug.

"Ich widme diesen Kampf allen Kindern, die Träume haben", sagte der 27-Jährige euphorisch. "Ich bin als kleiner Junge oft an der SAP Arena in Mannheim vorbeigefahren und habe gedacht: 'Da boxe ich einmal.' Liebe Kinder: Glaubt an eure Träume, holt euch jemanden, der sie unterstützt, und verfolgt sie." Mit dem EM-Titel "haben wir heute Geschichte geschrieben", befand Odiase. Sein nächstes Ziel: Der Weltmeister-Gürtel. 2027 soll es so weit sein, wenngleich viele diesen Traum als unrealistisch abtun.

Joshua-Promoter sieht "Weltklasse-Show"

Odiase war in Mannheim der Hauptkämpfer eines als "Night of the Heavyweights" inszenierten Kampfabends des deutschen Veranstalters Ringside Zone. Das in der Rhein-Neckar-Region beheimatete Unternehmen will das deutsche Boxen wieder dahin führen, wo es einmal war: an die Weltspitze. Im Vorjahr hatte Ringside Zone um Gründer und CEO Florian Winter in Heidelberg debütiert. Schon mit der dritten Show wagte sich das Team in die große SAP Arena. Laut Ringside Zone war die Halle, in der sich Wladimir Klitschko 2006 zum Weltmeister krönte, mit 13.000 Zuschauern ausverkauft, obschon eher zwischen 8.500 und 9.000 Zuschauer das "Main Event" sahen, dutzende Plätze im Oberrang blieben leer.

Der Rahmen gab dennoch einiges her. Sogar VIP-Gast Hearn, der gegen halb zwei Uhr nachts noch den Sieg seines irischen Protegés Paddy Donovan in einem WM-Ausscheidungskampf im Weltergewicht bejubelte, war beeindruckt. "Das ist eine Weltklasse-Show: die Produktion, die Lichttechnik, die Musik", lobte der Engländer seinen deutschen Kollegen Winter. Was Hearn "unglaublich" fand und keineswegs "respektlos" gemeint haben wollte: "Es treten hier keine großen Namen auf. Keine Household Names. Und trotzdem sind hier so viele Leute. Das deutsche Boxen scheint kurz davor sein, zu explodieren oder ich verpasse etwas", sagte der Strippenzieher von Schwergewichts-Star Anthony Joshua - und tat sicher keinem ein Unrecht.

Auch in Deutschland dürfte Odiase lediglich Boxfans und Insidern ein Begriff sein. "Wenn man das Level, das man hier im Ring sieht ins Verhältnis zu der Anzahl an Zuschauern setzt, die hier sind, dann muss das für das deutsche Boxen sehr ermutigend sein. Sogar ich schaue mir das an und denke: 'Verdammt, wir sollten auch hier rüberkommen'", resümierte Hearn, der Box-Boss der weltweit agierenden Matchroom Company seines legendären Vaters Barry Hearn.

Noch fehlen große Namen

Eddie Hearn hat einige populäre englische Schwergewichtler unter Vertrag. Einen seiner Boxer, Johnny Fisher, hätte Winter wohl gerne als Gegner für Odiase verpflichtet. Das US-Magazin "The Ring" berichtete Ende März von einer Offerte im sechsstelligen Bereich. Der Brite ließ sich nicht locken. "Weil Johnny Fisher viel mehr Geld verdient, jedes Mal, wenn er kämpft. Er zieht jedes Mal 10.000 Zuschauer an", antwortete Hearn und legte ein Problem offen, das Ringside Zone mit Odiase hat. "Er ist gut, aber noch weiß keiner, wer er ist. Für jemanden, der in seinem Markt populär ist (Fisher, Anm.d.Red.), hat es keinen Wert, gegen jemanden zu kämpfen, den niemand wirklich kennt, zumal, wenn es ein gefährlicher Kampf ist."

Mit anderen Worten: Winter wird es nicht einfach haben, brauchbare Gegner für seine Titelhoffnung zu finden, die Odiase auch sportlich weiterbringen. "Schwergewichtler sind sehr teuer und man kann nicht einfach ein paar Hunderttausend ausgeben, um einen guten Namen zu holen", erläuterte Hearn. Aber: "Früher oder später, bei solchen Shows, mit einem Sender im Rücken und wenn Emanuel tatsächlich ein Weltklasse-Talent ist, wird man Geld ausgeben müssen, um einen großen Namen zu holen. Dann explodiert das Ganze auf ein neues Level."

Winter hat große Pläne. In Mannheim äußerte er den Wunsch, eine Boxshow mit deutschen und englischen Kämpfern zu organisieren. "Dann zeigen wir den Engländern, dass wir besser sind", sagte er. "Zu 100 Prozent" sei das deutsche Boxen mit dem Event in Mannheim wieder voll da. "Wenn wir ohne große Gelder so eine Veranstaltung auf die Beine stellen - da können sich die anderen Promoter warm anziehen, wenn wir mal mehr TV-Gelder bekommen", prophezeite Winter und sah dabei die Moderatorin der ARD an.

Die öffentlich-rechtliche Arbeitsgemeinschaft hatte die Nacht der Schwergewichte in ihrer Mediathek und im "Sportschau"-Livestream übertragen. Beobachter werteten die Rückkehr der ARD ins Boxen als kleinen Coup Winters, auch wenn der Promoter verriet, der Deal stelle noch keine langfristige Kooperation dar. Klar ist: Will der Ringside-Zone-Macher dauerhaft Erfolg haben, ist ein schlagkräftiger Medienpartner unerlässlich.

In Mannheim fuhren Winters Schwergewichtler allesamt Siege ein. Zur Ringside-Zone-Mannschaft gehören neben Odiase und Jurk auch der Hamburger Peter Kadiru und Nelvie Tiafack aus Köln, der 2024 in Paris als erster deutscher Superschwergewichtler (über 91 Kilogramm) olympisches Edelmetall (Bronze) gewonnen hatte. Tiafack mühte sich in seinem vierten Profikampf gegen den Brasilianer Mateus Munhoz Da Penha über die Distanz von sechs Runden, die er zumeist dominierte, ohne zu glänzen.

Kadiru schlug seinen Landsmann Senad Gashi im Duell um den "WBA Continental Europe Title" nach zehn Runden souverän und einstimmig auf den Punktzetteln. Gashi hatte dem Kampfabend in Mannheim im Vorfeld eine Prise Trash Talk gegeben. "Ich habe mehr Hater als du Fans", ätzte der bei Instagram gefragte 36-Jährige. Im Ring kam weniger Würze, Kadiru hatte das Gefecht klar im Griff.

Die nächste Generation nach Kabayel?

Die Endung "bleibt abzuwarten" gehört zu den mit Recht verpönten Halbphrasen eines Reportersatzes. Und doch: Wie es mit Odiase, Jurk, Kadiru und Tiafack weitergeht, bleibt abzuwarten - ebenso, ob Odiase und Kadiru durch ihre Siege in den Ranglisten der großen Weltverbände IBF und WBA demnächst unter den Top 15 auftauchen. Dann wäre (sehr) theoretisch ein Titelkampf möglich. Aus Jurks Lager hieß es Samstagfrüh, man peile für kommendes Jahr ebenfalls eine Europameisterschaft an.

Europameister war einst auch Agit Kabayel, Deutschlands zurzeit bester Boxer. Die Karriere des 33-Jährigen zeigt allerdings, wie lange es im Profiboxen oft dauert, ehe sich ein Türchen öffnet. Seit fast zwei Jahren wartet Kabayel trotz seines Status als Interims-Weltmeister des Verbandes WBC auf eine Chance gegen Schwergewichts-König Oleksandr Usyk. Anfang des Jahres legte der Bochumer in Oberhausen einen Zwischenkampf ein, bezwang vor 13.000 tobenden Zuschauern in der (pickepackevollen) Rudolf-Weber-Arena den polnischen Riesen Damian Knyba.

Zuletzt berichtete die Box-Bibel "The Ring", der saudische Box-Mogul Turki Al-Sheikh wolle den 39-jährigen Usyk mit einer entsprechenden Millionen-Börse von einem Kampf gegen Kabayel in Deutschland überzeugen. Der hiesige Boxsport hätte dann ein Ereignis "vor den Fäusten", wie seit der Ära der Gebrüder Klitschko nicht mehr. Und hinter Kabayel will sich bereits die nächste Generation in Stellung bringen.

Quelle: ntv.de

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