"Kannst du nicht machen"

Deutsche Basketballerinnen hadern nach Ballverlust-Orgie mit sich selbst

imageVon Julian Cantzler, Berlin
imago1083050721h
Was war da los? Luisa Geiselsöder und Emma Eichmeyer sind nach der Niederlage gegen Frankreich enttäuscht. (Foto: IMAGO/Eibner)
00:00 / 07:04
13.09.2026 | 07:05 Uhr
Bis ins letzte Viertel des Halbfinales gegen Frankreich lebt der Traum der deutschen Basketballerinnen vom WM-Endspiel. Dann werden ihnen eigene Fehler zum Verhängnis. Es bleibt die Hoffnung auf die erste WM-Medaille eines deutschen Frauenteams.

Er war zum Greifen nah. Beim Aufwärmen liefen die deutschen Basketballerinnen immer wieder direkt am WM-Pokal vorbei. Nach der 64:86-Niederlage im Halbfinale gegen Frankreich steht aber fest: Für den ganz großen Coup reicht es bei dieser Heim-WM noch nicht.

Historisch ist das Turnier aus deutscher Sicht aber jetzt schon. Noch nie hatte eine deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei einer Basketball-WM ein Halbfinale erreicht. Und es könnte noch größer werden. Gegen Spanien spielen die Deutschen heute um die erste WM-Medaille eines Frauenteams des DBB (16.30 Uhr/MagentaSport). Bronze würde diesen ohnehin schon starken Turnierverlauf noch einmal auf eine neue Stufe heben.

Fans liefern Gänsehaut-Atmosphäre

Die deutschen Fans machten von Beginn an deutlich, dass sie ihre Mannschaft auch im Halbfinale tragen wollten. Wie bei jedem deutschen Spiel war es die Fangruppe "Wilde 13“, die den Rhythmus in der Halle vorgab. Immer wieder stiegen große Teile der ausverkauften Uber Arena in die Gesänge mit ein. Bei deutschen Treffern wurde es schlagartig laut, bei strittigen Entscheidungen verwandelte sich der Jubel innerhalb weniger Sekunden in ein Pfeifkonzert. "Das gibt mir Gänsehaut, hier rauszulaufen, in die Mengen zu gucken", beschrieb DBB-Spielerin Emily Bessoir das Gefühl vor ausverkauftem Haus zu spielen.

Ganz allein gehörte die Kulisse den Deutschen allerdings nicht. Über die Ränge verteilt hatten sich zahlreiche französische Fangruppen versammelt. In den wenigen ruhigeren Momenten schallte immer wieder "Allez les Bleus" durch die Arena.

Wie groß die Bühne an diesem Abend war, zeigte auch ein Blick an den Spielfeldrand. Neben Basketball-Legende Dirk Nowitzki saßen die viermalige WNBA-Meisterin Sue Bird und der zweimalige NBA-Champion Pau Gasol. Auch Welt- und Europameister Dennis Schröder verfolgte das Halbfinale direkt am Court.

Deutschland hält mit

Auf dem Parkett gab es für die deutschen Fans lang genug Gründe, um laut zu bleiben. Vor allem defensiv bereitete Deutschland den Französinnen immer wieder Probleme. Das bekam auch die Französin Dominique Malonga zu spüren. Die 1,97 Meter große Center-Spielerin fand unter dem Korb kaum Lösungen und traf keinen ihrer fünf Würfe aus dem Feld.

So hielt Deutschland das Spiel in der gesamten ersten Hälfte offen. Zwischenzeitlich führte das DBB-Team sogar mit 23:22. Es sollte zwar die einzige deutsche Führung des Abends bleiben, aber zur Pause war beim 38:45 noch alles drin. "Wir hatten immer wieder Momente, wo wir wieder gezeigt haben, da können wir mithalten", sagte Bessoir.

Ballverluste "nicht akzeptabel"

Frankreich setzte sich direkt nach der Pause erstmals ab - mit einem 9:0-Lauf. Deutschland musste sich kurz schütteln, fand defensiv aber wieder den Zugriff und kämpfte sich noch einmal heran. Dass daraus keine echte Aufholjagd wurde, lag nicht nur an der Qualität des Gegners. Deutschland machte sich das Leben selbst viel zu schwer. Insgesamt verlor das DBB-Team 24 Mal den Ball, Frankreich nur siebenmal.

"Zu viele einfache Turnover, die dann auch direkt in zwei Punkte umgesprungen sind", konstatierte Luisa Geiselsöder. Das "kannst du gegen Frankreich halt nicht machen, das tut weh." Auch Bundestrainer Olaf Lange wurde deutlich: "Turnovers passieren ja immer. Aber die Anzahl ist schon, wenn man gewinnen will, nicht akzeptabel."

Zumal Frankreich genau zu den Mannschaften gehört, die solche Fehler bestrafen. Nicht umsonst sprach Leonie Fiebich nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Belgien über Frankreich als "Top-2 Team". Gleich acht Spielerinnen im französischen Kader stehen in der WNBA unter Vertrag. Eine davon ist Gabby Williams. Die 30-Jährige war mit 22 Punkten die dominanteste Spielerin auf dem Parkett und wurde folgerichtig zur Spielerin des Spiels gewählt. Auch Lange stellte die Qualität des Gegners anschließend noch einmal heraus: Frankreich sei "mit Abstand die beste Mannschaft gegen dir wir bis jetzt im Turnier gespielt haben".

Sieht schlimmer aus, als es war

Gegen Frankreich fand zudem nicht die gesamte deutsche Offensive ins Spiel. Was beim Viertelfinalsieg gegen Belgien noch eine große Stärke gewesen war, verteilte sich diesmal auf weniger Schultern. Frieda Bühner kam auf zwei Punkte, Luisa Geiselsöder auf vier. Nur Nyara Sabally und Kapitänin Marie Gülich punkteten zweistellig. Gülich gelang mit zwölf Punkten und zehn Rebounds zudem ein Double-Double.

Trotzdem fiel das Ergebnis deutlicher aus, als es der Spielverlauf lange vermuten ließ. Noch im vierten Viertel betrug der deutsche Rückstand zeitweise nur neun Punkte. "Am Ende sieht es schlimmer aus, als es war", sagte auch Emily Bessoir, die mit sechs Punkten von der Bank immer wieder neue Impulse brachte.

Auch Lange glaubte deshalb lange an eine Aufholjagd: "Und trotzdem war ich relativ zuversichtlich, weil wir waren im vierten Viertel mit allem, was da so abgegangen ist, immer noch dran." Erst in den Schlussminuten zog Frankreich endgültig davon. Deutschland hatte viel investiert, doch gegen diesen Gegner reichten einzelne starke Phasen nicht aus. Gülich störte deshalb weniger die Niederlage an sich als deren Zustandekommen. "Gegen Frankreich zu verlieren, ist jetzt nicht die Welt, man darf das", sagte die Kapitänin. In den hektischen Phasen habe Deutschland aber nicht die nötige Ruhe bewahrt, monierte sie.

DBB-Team "so ready" für erste WM-Medaille

Nach der Schlusssirene war die Enttäuschung zunächst groß. "Gerade sind wir enttäuscht, (...), aber ich glaube, das Gefühl müssen wir uns merken, dass wir nicht genau dasselbe Gefühl nochmal haben möchten“, sagte Geiselsöder. Viel Zeit, dieses Gefühl zu verarbeiten, bleibt ohnehin nicht. Schon heute wartet Spanien im Spiel um Platz 3. Gegen den Gruppengegner vom WM-Auftakt habe Deutschland "noch was gut zu machen", machte Lange klar.

Beim 53:83 war das DBB-Team chancenlos gewesen. Seitdem hat es sich von Spiel zu Spiel gesteigert, Europameister Belgien aus dem Turnier geworfen und erstmals ein WM-Halbfinale erreicht. Entsprechend groß ist inzwischen das Selbstvertrauen. "Wir sind so ready. Ich bin so stolz auf diese Mannschaft", sagte Bessoir. Für Gülich wird es vor allem darauf ankommen, was Deutschland im siebten Spiel innerhalb von zehn Tagen noch einmal mobilisieren kann: "Ich glaube morgen kommts einfach drauf an, wer den besseren Basketball spielt und wer mehr Herz hat."

Zum Abschluss der Heim-WM bekommt Deutschland dafür noch einmal die ganz große Berliner Kulisse geboten. Ein letztes Mal werden dabei die Trommeln durch die Uber Arena hallen und noch einmal wird die deutsche Mannschaft von den Rängen angefeuert, um an Ende mit einer Medaille in den Händen dazustehen.

Verwendete Quelle: ntv.de