Es beginnt und endet mit einer Verbeugung vor dem Berliner Publikum. Die Nummer 19 der chinesischen Nationalmannschaft ist der (Achtung: Wortspiel) große Hingucker beim Auftakt der Basketball-WM der Frauen in Berlin am Freitag. Ziyu Zhang ist ein Teenager im zarten Alter ihrer Trikotnummer – und dazu eine Riesin mit einer Körpergröße von etwa 226 Zentimetern.
Trotz der deutlichen 61:94-Pleite gegen Titelverteidiger und Topfavorit USA richten sich immer wieder alle Augen auf die 19-Jährige. Verblüfft schauen die Zuschauer drein, wenn ein Einlaufkind ihr gerade einmal zu den Knien reicht. Oder wenn sie den Ball in der Nähe des gegnerischen Korbs fängt und gleich mehrere Amerikanerinnen verzweifelt neben ihr nach dem Spielgerät springen. Wie Flöhe, die auswegslos an ihrem neuen Opfer vorbei zielen.
Schnell wird allen in der Max-Schmeling-Halle im Prenzlauer Berg klar, dass hier mit Ziyu Zhang eine neue Sportsensation aufläuft. Eine Naturgewalt. Ein Youngster, der der Welt in Zukunft noch viel Freude bereiten könnte. Eine Spielerin, wie sie der Frauen-Basketball vielleicht noch nie gesehen hat.
Zhang "für die besten Teams der Welt ein Problem"
Das zeigt sich auch nach dem Spiel. Bei der Pressekonferenz des chinesischen Teams, an der Zhang gar nicht teilnimmt, dreht sich alles nur um sie. Ihr Trainer Gong Luming erklärt, dass sein Schützling noch "viel lernen und sich stark verbessern" müsse. Es tue ihr aber gut, "ein solch körperbetontes Spiel wie gegen die USA" zu haben und er gibt ihr die Note "befriedigend".
Selbst bei der Presserunde mit den US-Amerikanerinnen steht Zhang im Fokus. WNBA-Superstar Caitlin Clark sagt auf Nachfrage von ntv.de: "Solch ein Basketballspiel habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Ich habe noch nie gegen eine Frau dieser Statur gespielt. Sie stellte uns vor einige Herausforderungen." Und Clarks Trainerin Kara Lawson erklärt: "Chinas Größe im Frontcourt ist selbst für die besten Teams der Welt ein Problem." Zhang bezeichnet sie als "eine wunderbare Spielerin, die sich noch weiterentwickelt und dazulernt. Man kann nicht viel ausrichten, wenn sie den Ball in Korbnähe bekommt."
Zhang sorgt schon beim Aufwärmen für Hingucker. Und nicht etwa, weil sie alle anderen überragt, sondern weil ihre Übungen komplett aus der Normalität fallen. Der Youngster spielt sich nicht mit den Teamkolleginnen ein, läuft sich auch nicht warm, sondern bekommt einen speziellen Coach zugewiesen, der sich bis zum Anpfiff um sie allein kümmert. Auf Nachfrage von ntv.de erklärt Coach Gong: "Sie ist eine besondere und einzigartige Spielerin. Deshalb haben wir ein eigenes Programm für sie entwickelt."
Das sind die Topstars der Basketball-WM
Spezielle Aufwärm-Routine
Das sieht dann so aus. Ihr Trainer, der etwa drei Köpfe kleiner als sie ist, rammt förmlich in Zhang hinein, während sie ein ums andere Mal zum Korbleger ansetzt. Der harte Körperkontakt erschüttert sie kaum, der Coach prallt förmlich an der stämmigen Kante (Zhangs Gewicht variiert je nach Bericht von 110 bis zu 150 Kilogramm) ab. Als die anderen Chinesinnen sich einwerfen, bekommt sie einen langen Stab in die Hand gedrückt und macht an der Seitenlinie Beweglichkeitsübungen und Dehnübungen. Dann muss Zhang den Ball unzählige Male mit der Handinnenfläche in der Luft jonglieren, während ihr Coach sie wegdrückt. Oft scherzt und lacht sie dabei. Ein Teenager eben.
Von außen wirkt der Körper stark und stämmig, aber Bandagen an beiden Knien verraten die Zerbrechlichkeit, die so viele übergroße Sportlerinnen und Sportler begleitet und die schon manche Karriere zu früh beendet hat. Als Zhang beim Stand von 10:4 für USA und noch 6:25 Minuten auf der Uhr im ersten Viertel erstmals das Parkett betritt, sieht man diese Anfälligkeit sofort: Zhang humpelt und wackelt stets mehr über den Court, als dass sie wirklich rennt. Das ist besonders schwierig für das chinesische Spiel, weil der heutige Basketball mit etlichen rapiden Gegenstößen immer schneller wird.
Zhang muss einiges einstecken und kann sich noch nicht in Szene setzen, zieht aber bei jedem Angriff zwei Verteidigerinnen auf sich. Die ersten WM-Minuten sind hart für die Tochter von zwei anderen Riesen, die ebenfalls Basketballer waren. Im zweiten Viertel folgen dann endlich die ersten Punkte. Von der Freiwurflinie natürlich, weil zwei Amerikanerinnen sie nur per Foul stoppen können. Das wird sich über die Partie wiederholen, am Ende sind es zehn Freiwürfe. Neun davon versenkt sie butterweich. Ein geschmeidiges Handgelenk ist Gold wert für Center im Basketball.
"Ich bin noch ein junges Mädchen"
Unter der Führung des Teenagers gelingt China ein starker Lauf, auf 23:30 krallt sich das Team an die USA heran. Hinten Blocks und Rebounds, hüpfend versuchen die US-Flöhe vergeblich den Ball aus ihren Händen zu schlagen, und vorn die nächsten Punkte. Das ist nicht elegant, wie etwa bei der französischen NBA-Sensation Victor Wembanyama (noch ein paar Zentimeter größer sogar) und kommt eher einem unaufhaltsamen Öl-Tanker gleich, aber große Klasse gegen dieses mit Superstars gespickte US-Team ist es dennoch.
Mit 14 Jahren stürmte Zhang in China in den Fokus der Öffentlichkeit, weil die Gegnerinnen in ihrer Altersklasse gerade einmal halb so groß sind. Beim U18-Asia-Cup vor einem Jahr holte Zhang mit ihrem Team den zweiten Platz wurde mit einem beinahe unglaublichen Durchschnitt von 35 Punkten und 12,8 Rebounds pro Spiel zur wertvollsten Spielerin gekürt.
Doch Zhang will nicht auf ihre Größe reduziert werden. Sie ist mehr als ihre 226 Zentimeter. In einem WM-Video des Weltverbands FIBA kommt ihre zärtliche und kindliche Seite rüber. Die Riesin erzählt an der Sportuni in Peking schüchtern, dass sie Rückenschmerzen hat und gerne häkelt. Sie hält einen selbst gemachten weißen Elefanten in die Kamera, an dem sie einen halben Monat saß.
"Alle denken, ich bin hart, weil ich so groß bin. Aber ehrlich gesagt, bin ich noch ein junges Mädchen", sagt sie und fügt hinzu, dass sie kaum ein Sozialleben pflegen kann, nach sechs Tagen voller Training falle sie am freien Tag einfach ins Bett. "Sie ist so selten wie eine Phönixfeder und ein Einhorn", sagt ihr Trainer über sie. "Am meisten vermisse ich meine Familie", sagt sie selbst.
Lachen und Frust am Ende
In der zweiten Hälfte gegen die USA sitzen endlich auch ein paar Würfe aus dem Feld. Zhang springt dabei überhaupt nicht ab, berührt so schon beinahe den Korb mit ihren Händen. Ein ums andere Mal muss sie offensiv halbe Wrestlingkämpfe gegen mehrere Gegenspielerinnen überstehen, aber auch wenn ihr Werkzeugkoffer noch nicht so groß ist wie etwa bei Wembanyama, wird ihr unbändiger Wille deutlich.
Jeder Angriff geht jetzt über Zhang und kurz vor dem Abpfiff haut sie ganz nonchalant, gar ohne zu springen einen weiteren Block raus. US-Superstar Paige Bueckers schaut ehrfürchtig hoch, fragt die chinesische Hünin vielleicht, wie die Luft dort oben ist. Die Chinesin und die Amerikanerin müssen lachen.
Dann ist der erste Auftritt der neuen Basketball-Sensation auf der großen WM-Bühne der Erwachsenen vorbei, 13 Punkte, sechs Rebounds und zwei Blocks in 18 Minuten stehen zu Buche. Zhang verbeugt sich vor dem Publikum – und rupft sich angefressen das Trikot aus der Hose. Die 19-Jährige ist nicht nach Berlin gefahren, um für ihre Größe bewundert zu werden, sondern um ein Turnier zu gewinnen.



