Collina wütet nach WM-Skandal

"Lassen uns von niemandem beeinflussen. Nicht mal von Infantino."

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Habe ich hier Einflussnahme gehört? (Foto: IMAGN IMAGES via Reuters)
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09.07.2026 | 07:25 Uhr
Donald Trump hat sich wieder zurückgezogen, das US-Team hat die Fußball-WM verlassen. Und doch wirkt der Skandal um die "Begnadigung" von Folarin Balogun nach. Nun versucht Schiri-Boss Pierluigi Collina zu retten, was nicht zu retten ist.

FIFA-Boss Gianni Infantino hatte sich um Kopf und Kragen geredet, als er versucht hatte, die "Begnadigung" von US-Stürmer Folarin Balogun zu erklären. Der wichtigste Angreifer des Teams hätte das Achtelfinale gegen das belgische Nationalteam eigentlich wegen einer Rotsperre verpassen müssen. Doch dann geschahen Dinge, die die Sportwelt erschütterten: Donald Trump telefonierte mit Infantino und machte nicht mal einen Hehl daraus, dass er darum bat (so die offizielle Version), den Fall nochmal zu überprüfen. Sprich: die Sperre auszusetzen.

Gesagt, getan. Balogun durfte spielen und der Fußball war fassungslos. Infantino flog alles um die Ohren und es wurde nicht besser, als er sich erklärte. "Die judikativen Gremien der FIFA sind unabhängig. Sie arbeiten autonom, wenden den FIFA-Disziplinarkodex an und entscheiden Fälle auf Grundlage der einschlägigen Bestimmungen und der konkreten ihnen vorliegenden Fakten", sagte er im Wortlaut. "Ihre Unabhängigkeit ist für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs von entscheidender Bedeutung und muss stets respektiert werden."

Collina versucht sich als Wellenbrecher

Es waren Worte, die wie Hohn klangen. Die Welt war nicht mehr davon zu überzeugen, dass der Fall mit rechten Dingen zugegangen war. Nun, nachdem die erste Welle abgeflaut war, sich dahinter aber der Verschwörungs-Tsunami der Ägypter auftürmte, die eine Spielmanipulation pro Argentinien (2:3 aus ägyptischer Sicht) witterten, veröffentlicht die FIFA ein Interview mit Schiedsrichter-Boss Pierluigi Collina. Der ehemalige Spitzen-Referee, der für seine "Gesetzes"-Anpassungen und seine Kommunikation während des gesamten Turniers ebenfalls viel Kritik einstecken musste, versucht sich nun als nächster Wellenbrecher.

"Natürlich werden konstruktive Diskussionen über Entscheidungen immer Teil des Spiels sein", sagte er in einem Interview, das auf der Seite "inside.fifa.com" veröffentlicht wurde. Aber unbegründete Anschuldigungen, so sagt der Italiener "haben in unserem Sport keinen Platz. Niemand kann die Integrität der WM-Schiedsrichter infrage stellen. [...] Ebenso kann niemand behaupten, dass die Schiedsrichter von irgendjemandem beeinflusst werden können, nicht einmal vom FIFA-Präsidenten (Anmerk. d. Red.: Gianni Infantino). Er hat immer seine Unterstützung gezeigt, während er uns vertraut, unabhängig zu arbeiten. Schiedsrichter treffen ehrliche Entscheidungen und versuchen, genau wie Spieler und Trainer, immer ihr Bestes zu geben."

Neue Zweifel aus dem Weißen Haus

Auslöser des WM-Skandals, den Trump maßgeblich ausgelöst hatte, war die Entscheidung von Raphael Claus den US-Stürmer Balogun mit Rot vom Platz zu stellen. Für ein zwar unabsichtliches, aber sehr hartes Foul. Eine schon vertretbare Entscheidung, die aber Trump nicht auf sich sitzen lassen wollte. Und die auch nach dem US-Aus (1:4 gegen Belgien) weiter auf skurrile Weise nachbebt. Der FIFA-Beauftragte des Weißen Hauses, Andrew Giuliani, säte nochmal Zweifel an der Seriosität des Schiedsrichters. Ein durchschaubarer Versuch der Selbstverteidigung. Er finde es "höchst verdächtig", dass gegen den Schiedsrichter Raphael Claus im Jahr 2024 bereits wegen falscher Roter Karten und Spielmanipulation ermittelt worden sei, zitierte der "Guardian" den WM-Beauftragten.

Auf den Einwand eines Reporters, Claus sei bei der Ermittlung in Brasilien nur als Zeuge geladen und nicht selbst beschuldigt worden, sagte Giuliani: "Ihm wurden keine Vergehen vorgeworfen - das ist uns klar." Trotzdem sei die Situation mit den Ermittlungen von damals vergleichbar, behauptete er.

"Normaler Fußballkontakt"

Collina versuchte derweil auch nochmal, die Wut der Ägypter einzufangen. Der Italiener erklärte, welche Grundlage es für die Eingriffe des VAR gebe. Im Achtelfinale gegen Argentinien mischte er sich nach dem vermeintlichen 2:0 für die Nordafrikaner ein, weil es in der Entstehung ein Foul gegeben hatte. "Es gibt keine festgelegte Grenze, weder hinsichtlich der Entfernung vom Tor noch bezüglich der Zeitspanne zwischen dem Vorfall und dem Tor." Und so war der Tritt von Marwan Attia auf den Fuß von Lisandro Martínez entscheidend für die Aberkennung, wie der Schiedsrichter-Boss erklärte.

Ägyptens Fußballverband hatte nach dem dramatischen K.o. offiziell Beschwerde eingelegt und den WM-Ausschluss des französischen Schiedsrichters Francois Letexier gefordert. Nationaltrainer Hossam Hassan mutmaßte kurz nach dem Spiel sogar, man wolle den Weltmeister und insbesondere Messi im Wettbewerb behalten. Collina verurteilte dies deutlich. Öffentliche Äußerungen gegen Schiedsrichter könnten "Reaktionen hervorrufen, die zu Drohungen gegen sie und ihre Familien führen. Das ist nicht richtig", sagte er.

Eine weitere Einmischung des VAR blieb in der spielentscheidenden Situation aus. In der Nachspielzeit forderte Ägypten einen Elfmeter, stattdessen kassierten sie das Gegentor zum 2:3. In der zuvor unübersichtlichen Szene war Mo Salah in einem Zweikampf zu Fall gekommen und sein Mitspieler Hamdy Fathy wurde gehalten. Elfer? Kein Pfiff. Gegentor. Entrüstung. Collina dazu: "Auf den Fuß eines Gegners zu treten ist ein Foul, während ein Verteidiger, der zuerst den Ball berührt und danach normalen Fußballkontakt hat, kein Foul begangen hat. Der Schiedsrichter und der VAR bewerteten den Kontakt zwischen Salah und Argentiniens Julian Alvarez als normalen Fußballkontakt." Die Sache war aber so: Ägypten monierte gar nicht das Foul an Salah, sondern das Halten gegen Fathy. Dazu gibt es im Interview von Collina aber keine Ausführungen.

Verwendete Quellen: ntv.de, tno