Nach einer ungewohnt "langen" Pause nimmt die Fußball-Weltmeisterschaft wieder Fahrt auf. Mit Frankreich und Spanien sowie Argentinien und England duellieren sich vier Giganten in den beiden Halbfinals. Im Schatten der Spiele spricht FIFA-Boss Gianni Infantino bereits über eine zu diskutierende Aufstockung der WM auf 64 Teams.
Unserem WM-Experten Arie van Lent graut es bereits jetzt davor. Und einmal erhöhten Puls ärgert er sich erneut über den VAR und über England-Star Jude Bellingham. Der traut sich was, was früher undenkbar gewesen wäre. Mit klarem Blick schaut der ehemalige Bundesliga-Stürmer derweil auf die Favoriten der Halbfinals. Den Auftakt machen am Abend Frankreich und Spanien (21 Uhr/ZDF und MagentaTV sowie im Liveticker auf ntv.de).
ntv.de: Hallo Herr van Lent, haben Sie schon Entzugserscheinungen?
Arie van Lent: Wegen unserer WM-Interviews? Oder weil wir jetzt so lange ohne Fußball auskommen mussten?
Na, beides!
Na klar! Endlich wieder Fußball. Nach fast fünf Wochen Dauerbeschallung hat mir schon etwas gefehlt. Aber ich möchte auch ehrlich sein: Es zieht sich schon ganz schön. Es ist dann auch gut, wenn es am Sonntag vorbei ist.
In vier Jahren zieht's sich womöglich noch mehr. FIFA-Boss Gianni Infantino denkt ja bereits über die nächste WM-Aufstockung nach!
Oje, ja, mir graut es bereits vor den Entscheidungen, die da kommen werden. Ganz ehrlich: Du brauchst doch auch mal 'ne Pause, um dich auch auf die Bundesliga freuen zu können. Das ist zu viel. Zu viel Kommerz. Klar, das war es eh immer schon. Es wird einfach noch extremer. Das kann nicht gut sein.
64 Teams bei WM sichern "gerissenem Infantino" die Macht

Die Aufstockung von 32 auf 48 Teams in diesem Jahr bewertet der FIFA-Boss als großen Erfolg. Ich ahne Ihre Antwort zwar schon, frage aber trotzdem nach: Stimmen Sie ihm zu?
Nur in kleinen Teilen. Eine Nation wie Kap Verde hat das Turnier schon bereichert. Andere Nationen hatten auch ihre Momente. Sie haben vor allem sehr viele Sympathiepunkte gesammelt, siehe Curacao. Aber es ist und bleibt eben eine Weltmeisterschaft. Wir wollen keine Freundschaftsspiele sehen, auch wenn sich der eine oder andere Favorit hier die Finger verbrannt hat. Am Ende willst du die Topstars und die Topmannschaften sehen. Und das ist ja nun auch passiert.
Um die Halbfinal-Teilnehmer England und Argentinien gab es in den vergangenen Spielen reichlich Wirbel. Rund um die WM werden immer mehr Verschwörungstheorien gestrickt. Haben Sie das Gefühl, dass mit den Top-Nationen und den Topspielern anders umgegangen wird?
Ich habe irgendwo gelesen, dass Argentinien jetzt VARgentinien genannt wird. Da musste ich sehr lachen. Aber es ist schon so, dass da ein bisschen was Wahres dran zu sein scheint. Es wurden in diesem Turnier schon einige wichtige Eingriffe für Argentinien ausgelegt. Und beim norwegischen "Kabelbrand" bleibt auch was hängen. Ich denke, dass der Ball hundertprozentig das Kabel berührt hat. Warum sollte man sich so was ausdenken? Dann kommt die FIFA um die Ecke mit ihrem Ball-Herzschlag, der beim Kroaten Igor Matanovic die Haarberührung als entscheidende Ablenkung (Anmerk d. Red..: 2:2 Ausgleich gegen Portugal in der Nachspielzeit wurde aberkannt) gemessen hat. Da kann ich mich wirklich nur noch drüber kaputtlachen. Das nervt einfach.
Konfuse Szenen: Experte erklärt Aufregung um Englands Ausgleich

Tatsächlich scheint der Fußball so kompliziert geworden zu sein, dass immer neue Erklärungen herangezogen werden, um bestimmte Vorfälle zu erklären ...
Wissen Sie, Herr Nordmann, Fehlentscheidungen haben immer zum Fußball gehört. Natürlich haben wir uns darüber aufgeregt und oft wurde der Schiedsrichter dann besungen. Wir haben aber gelernt, damit zu leben. Jetzt muss alles durch den VAR rauf- und runterkommentiert werden. Und manchmal wissen wir gar nicht, warum der VAR sich überhaupt einschaltet. Wir haben das Gefühl verloren, was eine klare Fehlentscheidung ist. Während des Spiels werden Schiri-Experten eingeblendet, um zu erklären, was da gepfiffen wurde oder was eben nicht. Und wenn ich das manchmal höre, dann denke ich nur: Oh mein Gott, das weiß doch kein Mensch. Vermutlich nicht mal die Spieler, die auf dem Platz stehen. Manche Erklärungen wirken doch sehr weit hergeholt. Ich finde das echt nervig und kann es nicht nachvollziehen. Und wissen Sie, was mich noch tierisch nervt?
Nein, aber Bühne frei für Sie!
Es gibt so viele Länder, die sich nach dem Ausscheiden beschweren, die dann sogar noch beleidigend werden. Wo bleibt da das Fairplay? Da frage ich mich wirklich: Haben die noch alle Tassen im Schrank? Warum kann man Entscheidungen oder Ergebnisse nicht einfach akzeptieren?
Lassen Sie uns mal sportlich auf die Halbfinalspiele schauen und fangen mit Spanien gegen Frankreich an. Wer ist der Favorit und warum? Aus Familiensicht müssten Sie ja eigentlich auf Spanien tippen!
Tatsächlich fahre ich am Wochenende zu den Schwiegereltern und hoffe, dass sie dann noch gute Laune haben. Aber ich fürchte, dass das nicht so sein wird. Frankreich zeigt über das ganze Turnier schon eine beeindruckende Stabilität.
Was wird das für ein Spiel?
Ich hoffe, es wird ein gutes! Ich gehe sehr davon aus, dass Spanien viel Ballbesitz haben wird. Vielleicht schenken die Franzosen ihnen den sogar. Ich mag das ja sehr, wie sie dann spielen. Wie sie den Gegner laufen lassen, wie sie den Ball annehmen und weiterspielen. Das strahlt so eine Leichtigkeit aus. Sie finden oft richtig gute Lösungen.
Sie sind ja schockverliebt in Spanien! Warum also Frankreich?
Die Franzosen haben offensiv einfach eine zu große Qualität. Sie spielen ein fantastisches Pressing und nutzen die Ballgewinne danach sehr gut aus. Wer hätte gedacht, dass die Superstars um Kylian Mbappé, um Ousmane Dembélé mal alle so mitmachen beim Pressing, dass sie eine richtig eingeschworene Truppe sind? Sie haben gar keine Allüren mehr und kämpfen füreinander. So wie das eigentlich immer sein muss. Mein Herz sagt Spanien, mein Kopf sagt Frankreich.
Eine Schlüsselposition könnte der Torwart werden. Spaniens Unai Simon scheint kaum zu überwinden ...
Ja, Simon hat ja in diesem Turnier auch den Rekord für die meisten Minuten ohne Gegentor gesichert. Und er musste auch erst einmal hinter sich greifen. Aber diese Bilanz ist nicht nur ein Kompliment für Simon, sie zeigt auch, dass die Spanier trotz ihres Ballbesitz-Gedankens bislang auch sehr gut verteidigen.
Schauen wir auf das zweite Duell: England gegen Argentinien. Wer macht's?
Beide Teams haben sich zuletzt etwas durchgemogelt, finde ich. Und ich bin da auch bei Thomas Tuchel, der mit seiner Kritik an der Leistung gegen Norwegen absolut recht hatte.
Pardon, dass ich Sie unterbreche: Die Kritik kam bei Jude Bellingham nicht gut an ...
... absolut, aber das wiederum nehme ich ihm übel. Da kam wieder so ein bisschen das Superstar-Ego heraus. Da muss er sich einfach auf die Zunge beißen und anders antworten. Die Kritik, dabei bleibe ich, war ja berechtigt. Es war völlig unnötig, so zu reagieren, zumal er ja offenbar noch gar nicht gehört hatte, was Tuchel alles gesagt hatte. Der ist ja auch unter Druck. Der will das Halbfinale gewinnen und auch das Finale. Soll sich Bellingham beim nächsten Mal einfach seine beiden Tore noch 400 Mal anschauen und sich dafür feiern.
Haben Sie mal den Trainer so offen kritisiert?
Auf gar keinen Fall! Wenn wir das früher gemacht hätten, da hättest du aufpassen müssen, dass du keine geknallt bekommst oder der Verein dich wegschickt! Trainer wie Otto Rehhagel, Hans Meyer oder Friedhelm Funkel, das waren richtige Respektspersonen. Da musstest du fast schon drum betteln, um mit denen reden zu dürfen. Das ist heutzutage alles anders. Als Star kannst du offenbar sagen, was du willst! Am Ende war's dann im Notfall einfach nicht so gemeint.
Noch mal zurück zum Spiel: Wer macht's denn?
Vor der WM hatte ich auf Argentinien gegen Frankreich als Finale getippt. Aber aktuell denke ich eher, dass England ins Endspiel kommt. Ich spüre da eine Euphorie und das in einem Land, wo die Menschen noch mehr meckern als wir hier in Deutschland. Ich glaube wirklich, dass sie das packen können!
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann

