Halbfinale mit Beigeschmack

Gianni Infantino greift zu WM-Kniff, um sich selbst zu retten

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Alles top! (Foto: REUTERS)
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14.07.2026 | 06:49 Uhr
Erst treffen Frankreich und Spanien im WM-Halbfinale aufeinander, dann folgen Argentinien und England. Gerade auf diesem Duell liegt ein extremer Fokus. Nicht wegen der Rivalität der beiden Nationen. Sondern wegen der WM-Vorfälle bisher.

Gianni Infantino versteht seinen Job. Auch wenn viele nicht verstehen wollen, wie er das Amt des FIFA-Chefs ausübt. In Fußball-Europa hat er kaum noch Freunde. Die UEFA wütet gegen den Alleinherrscher. Selbst dessen Vorgänger Sepp Blatter, nun wahrlich kein Amts-Heiliger, changiert zwischen Wut und Scham über das Treiben des Ur-Schweizers. Bei dieser Weltmeisterschaft hat Infantino seine gigantische Macht auf die Spitze getrieben und den Fußball so nah wie nie zuvor in den Schoß der Verschwörungstheoretiker getrieben. Das ist längst keine kleine Community von Querdenkern mehr. Die Glaubwürdigkeit ist mit diesem Turnier in Fetzen gerissen worden.

Nach dem "Fall Folarin Balogun" war's endgültig dahin. Die Wut auf Infantino war so groß, dass zumindest all die prominenten Stimmen in Europa forderten, dass der FIFA-Boss gestürzt werden müsse. Dass mit Donald Trump der mächtigste Fußball-Kumpel des Schweizers Einfluss auf das Turnier genommen hatte, überschritt eine rote Linie. Eine, die bis dahin, immer weiter nach hinten verlegt worden war. Infantino bietet seit Jahren Angriffsfläche für Moralisten. Nicht aber für Kapitalisten. Und das ist sein großes Pfand. Unter dem 56-Jährigen verdient sich der Weltverband dumm und dusselig. Geld regiert die Welt. Und sichert die oder eben den Mächtigen im Amt.

Eine leicht zu durchschauende Nebelkerze

Angeschossen wie nie wird nun ein Interview veröffentlicht, in dem Infantino offen darüber sinniert, die XXL-WM nur als kurze Zwischenepoche in die Geschichte des Fußballs eingehen zu lassen. Infantino möchte nach diesem Turnier darüber diskutieren lassen, die Weltmeisterschaft von 48 auf 64 Teams aufstocken zu lassen. Argumente dafür hat ihm das Turnier durchaus geliefert. Krasse Außenseiter wie Kap Verde oder die Demokratische Republik Kongo waren eine Bereicherung, haben die sportlich schönen Geschichten des Turniers geschrieben, das auf den letzten Metern so verkommen wirkt. So unglaubwürdig. So beschädigt.

Der Wertigkeitsaspekt wirkt bei den Gedankenspielen, die der mächtigste Fußball-Funktionär der Welt beim Schweizer Sender "blue Sport" geäußert hat, allerdings nur geschoben. Denn noch mehr Nationalmannschaften bedeuten noch mehr Geld. Die Milch der säugenden Fußball-Kuh scheint unendlich. 2026 wird ihr über absurde Ticketpreise und das trojanische Werbepferd "verpflichtende Trinkpause" noch mehr abgezogen als eh schon. Und dann bald, vielleicht schon 2030, noch mehr Teams, noch mehr Spiele?

Es ist eine allzu leicht zu durchschauende Nebelkerze. Die Aufstockung dürfte das stärkste Argument in der Hand von Infantino sein, um seine Position als Alleinherrscher und Willensgehilfe der politisch Mächtigen, zu festigen. Mehr WM-Partien, 128 wären es dann statt der 104 in diesem Sommer, bedeuten mehr Geld. Mehr Geld, das er den Mitgliedern der FIFA ausschütten könnte. Viele kleinere Nationen wird das freuen. Sie haben eine mächtige Stimme. Das Geld kann helfen, die Fußball-Strukturen in den Ländern auf- oder auszubauen. Wenn es denn dort ankommt, wo es ankommen soll. Die Korruption ist ein langer Begleiter des Fußballs. Nicht nur im Reich der Verschwörungstheoretiker.

Verzweifelter Versuch, den Fußball zu retten

Die haben in diesem Sommer ein neues Instrument zur Vervielfältigung gefunden: Die von KI generierten Memes von Infantino und Lionel Messi sind überall, sie machen das Internet verrückt. Mal trägt der mächtige FIFA-Boss den Superstar schützend auf dem Arm und jubelt mit ihm, mal liegen sie gemeinsam mit dem WM-Pokal im Bett. Die Clips sind auf lustig angelegt, aber keineswegs lustig gemeint. Es ist der (verzweifelte?) Versuch, den Fußball zu retten. Dass er gelingt: unwahrscheinlich, unmöglich. Infantino kann augenscheinlich machen, was er will. Und wenn es die nächste Blitz-Aufstockung des Turniers dafür braucht, dann ist das eben so.

Die Liste der Vorwürfe gegen die FIFA und Argentinien ist lang: das brutale Messi-Foul im ersten Spiel (keine Rote Karte), die Schlussphase gegen Ägypten (Elfmeter für die Nordafrikaner durch VAR nicht geprüft), die Karten- und die Elfmeter-Statistik (mehr dazu lesen Sie hier). Und die Wucht der Vorwürfe wurde vor allem durch den ägyptischen Trainer Hossam Hassan potenziert. Er sprach offen von Manipulation und das man offenbar sehr gewillt sei, Argentinien im Turnier zu halten. Beweise konnte er nicht vorlegen. Aber das Infantino zuvor bereits Messi gelobt hatte und ihm nach dem Drama-Sieg gegen Kap Verde "eine herzliche Umarmung" und "herzliche Glückwünsche" geschickt hatte, reichte jenen schon, die die WM als faires Spiel längst abgehakt hatten.

Nun ist Argentinien im Halbfinale. Dort wartet England. Die Three Lions waren bis zum Viertelfinale unverdächtig, von der FIFA bevorteilt zu werden. Anders etwa als US-Stürmer Balogun war Englands Verteidiger Jarell Quansah von seiner Rotsperre - ebenfalls ein hartes, aber unglückliches Foul - nicht freigesprochen worden. Mit diesem Urteil waren die letzten Funken der Hoffnung auf Fairness erloschen. Dann aber kam das Duell mit Norwegen. Und das "Kabel-Gate". Nach einem Abschlag von Norwegens Torwart Orjan Nyland war der Ball bei Englands Anthony Gordon gelandet, dieser hatte dann Jude Bellinghams Treffer zum 1:1 vorbereitet. Norwegens Trainer Stale Solbakken hatte gesagt: "Der Ball fiel gerade herunter direkt vor unserer Bank. Ich selbst habe es nicht gesehen, dass das Kabel berührt wurde, aber unsere Bank reagierte sofort. Es ist eigentlich eine klare Sache." 

Brisantes WM-Duell mit besonderer Note

Nicht für die FIFA, die zog alle technischen Daten heran, um zu beweisen, dass es sich um einen Irrtum handelt. Die These, dass wackelnde Kamerabilder beweisen könnten, dass der Ball vor dem Treffer das Kabel einer sogenannten Spidercam berührt habe, wies die FIFA zurück. Auf dem Bildmaterial der Spidercam sei "klar zu sehen, dass die Kamera weder wackelt noch sich bewegt" hieß es gegenüber "sportschau.de." Der Glaube in das Wort der FIFA? Erschüttert. Und so bekommt das ohnehin schon brisante Duell Argentinien gegen England noch eine andere Note. Dabei hätte die Historie schon gereicht, um das Spiel ausreichend aufzuladen.

1982 hatte die argentinische Militärjunta die Falklandinseln besetzt, die indes seit 1833 von den Briten verwaltet wurden. Nur 74 Tage dauerte der Krieg, dann waren die Besatzer geschlagen und über 900 Menschen tot – mehr als doppelt so viele Argentinier wie Briten. Im Viertelfinale der WM 1986 trafen beide aufeinander, damals siegte Argentinien dank Weltstar Diego Maradona. "Die Hand Gottes" und das Traumsolo über 60 Meter sind ein Stück Fußballgeschichte. Auch bei späteren Duellen ging es hitzig zu.

In Atlanta geht's nun um den Einzug ins Finale. Gianni Infantino wird sicher im Stadion, wird sicher wieder zu sehen sein. Wie eigentlich immer. Eine Anordnung dazu, anders als Medienberichten zufolge noch 2022, gibt's zum Zeigen des FIFA-Chefs aber nicht. In einer Stellungnahme, aus der das Portal "The Athletic" zitiert, wies der Fußball-Weltverband die Behauptung als "irreführend" zurück, wonach Infantino während eines WM-Spiels mindestens einmal von den Kameras in den Fokus gerückt werden müssen. Laut "The Athletic" besteht dennoch eine Vereinbarung zwischen der FIFA und dem WM-Produktionsunternehmen HBS. Darin soll geregelt sein, dass in jeder Halbzeit ein sogenannter "dignitary shot", die Aufnahme eines Würdenträgers, gezeigt werden muss. Dazu gehören beispielsweise Staatsoberhäupter, Verbandsfunktionäre oder Prominente.

Wird Infantino gezeigt, wird er sicher wieder den Daumen heben. Siegesgewiss. Läuft doch.

Verwendete Quellen: ntv.de, tno